Brüssel - Rolf Aldag ist der einzige Profi aus dem dopingverseuchten Team Telekom, der noch eine Spitzenposition im Radsport innehat. „Ich habe super viel versaut“, sagt der Sportliche Leiter des südafrikanischen Teams Dimension Data, „trotzdem kann ich morgens mit einem guten Gewissen in den Spiegel schauen.“
Herr Aldag, an diesem Samstag startet die Tour de France in Brüssel. Wissen Sie, wie oft Sie schon bei dem Rennen dabei gewesen sind?
(überlegt lange) Akkreditiert war ich bei jeder Tour seit 1992. Das eine oder andere mal hatte ich zwar nur einen Wochenendauftritt im Fernsehen, aber insgesamt, denke ich, ist es nun mein 27. Jahr.
Was macht die Faszination der Tour aus?
Die Relevanz. Im Radsport geht nichts über die Tour de France, sie ist der absolute Mittelpunkt. Es ist nicht unbedingt das schönste Rennen, aber das wichtigste. Hier treffen die Besten die Allerbesten.
Und wer gewinnt diesmal?
Puh, das ist schwer zu sagen.
Warum?
Weil das Team Ineos (früher: Team Sky/Anm. d. Red.) auch ohne den verletzten Chris Froome wieder so dominant sein wird, dass dessen zwei Anführer Geraint Thomas und Egan Bernal den Sieg unter sich ausmachen. Wer letztlich gewinnen wird, kann man wohl nicht mal bei Ineos selbst vorhersagen.
Schon der Giro war ein Treffen der Stars
Was ist mit der Konkurrenz?
Da Sky in den letzten Jahren die Tour beherrscht hat und alle davon ausgegangen sind, dass es auch diesmal so sein wird, haben sich viele Topleute schon im Mai beim Giro d’Italia getroffen. Dort war die Häufung von Klasse-Rundfahrern fast höher als nun bei der Tour.
Die Gegner von Ineos kapitulieren?
So würde ich es nicht sagen. Aber der Wille, diese Übermacht zu attackieren, und dies dann auch wirklich umsetzen zu können, sind eben zwei verschiedene Dinge. Ich bezweifle, dass Nairo Quintana oder Vincenzo Nibali dazu in der Lage sein werden.
Gibt es trotzdem ein interessantes Rennen?
Einerseits hätte ich, obwohl ich kein Freund von Seifenopern bin, schon gerne gesehen, was bei Ineos los gewesen wäre, wenn Froome, Thomas und Bernal teamintern um den Gesamtsieg kämpfen. Und jetzt fehlt nicht nur Froome, sondern auch ein Tom Dumoulin oder ein Primoz Roglic.
Und andererseits?
Sagen die Verantwortlichen: Die Tour macht sich ihre Stars. Und damit haben sie sicher nicht ganz unrecht. Dieses Rennen ist zwar eng mit großen Namen verbunden, aber gleichzeitig ist es ein so wichtiges kulturelles Event, dass es auch fünf Jahre mit Namenlosen überleben würde.
Im Feld schaut jeder nach sich – Aldag findet das nicht schlimm
Gibt es heutzutage überhaupt noch Chefs wie einst Eddy Merckx oder Bernhard Hinault, die im Peloton die Richtung vorgaben?
Nein. Im Feld herrschen Chaos und Anarchie. Jeder schaut nach sich und seinen Ambitionen – und das ist auch gut so. Wenn es im Rahmen der Regeln bleibt, macht es die Rennen attraktiver.
Wie zeigt sich diese Anarchie?
Indem zum Beispiel in einer Verpflegungszone nicht langsam gemacht, sondern von einem Team voll durchgezogen wird. Das gibt einer Etappe richtig Würze (lächelt).
Woran liegt es, dass sich keine Hierarchien mehr bilden?
Im Profiradsport gibt es mittlerweile sehr viele Spezialisten. Rundfahrer und Klassikerjäger bereiten sich lange auf die Rennen vor, die für sie wichtig sind, was zur Folge hat, dass sich die Profis untereinander viel seltener sehen als früher. Wenn aber eine gemeinsame Geschichte und der Respekt, den man sich in Rennen gegeneinander erarbeitet, fehlen, dann können sich Autoritäten gar nicht mehr entwickeln.
Dazu passt, dass auch der deutsche Radsport vor einem Generationswechsel steht. Emanuel Buchmann, Maximilian Schachmann oder Pascal Ackermann haben ihre Ansprüche bereits mehrfach angemeldet.
Es ist doch super, dass es diese jungen Wilden gibt, die sich beweisen wollen. Ich halte auch viel von Nils Politt. Er wird die Tour zwar nicht gewinnen, ist aber ein supersympathischer Kerl mit großem Potenzial.
Lob für das deutsche Team Bora-hansgrohe
Buchmann, Schachmann und Ackermann fahren alle für den deutschen Rennstall Bora-hansgrohe. Ein Zufall?
Sicher nicht. Ich schätze sehr, welche super solide Arbeit dort gemacht wird. Das ist ein gewachsenes, bodenständiges Team mit starken Sponsoren, die den Radsport leben. Diese Mannschaft hat nicht nur Superstar Peter Sagan, der im Kampf um das Grüne Trikot des besten Tour-Sprinters eine Bank ist, sondern auch eine sehr gute Balance.
Woran ist das festzumachen?
Der Kader ist derart stimmig zusammengestellt, dass Teamchef Ralph Denk in den nächsten vier Jahren – wenn niemand geht – keine neuen Leute dazu holen bräuchte. Die Mannschaft hat nur ein Problem.
Welches?
Dass die absolute finanzielle Dominanz des Team Ineos auch mit harter Arbeit und viel Talent nicht zu durchbrechen ist. Diese Mannschaft ist der fahrende Beweis dafür, dass man Siege kaufen kann.
Aber auch ein Rennstall, der Grenzen auslotet – um es positiv zu formulieren. Wir groß ist aktuell das Dopingproblem im Radsport?
Schwierig zu sagen, weil auch ich keinen direkten Blick ins Fahrerfeld habe.
Blick von Außen – trotz Job im Team
Sie sind doch Sportlicher Leiter . . .
. . . und trotzdem nur Beobachter von außen. Als solcher würde ich sagen: Die Einstellung ist heute eine andere. Im Radsport selbst, aber auch außerhalb.
Wie meinen Sie das?
Als ich 1991 Profi geworden bin, bekam einer meiner Kollegen nach einer positiven Dopingprobe eine Geldstrafe von 3000 Franken aufgebrummt und durfte am nächsten Tag wieder fahren. Und als ein anderer mit Testosteron erwischt wurde, schrieb eine Zeitung, dass er erst jetzt ein echter Profi sei. Wer damals einen richtig guten Job machen wollte, der musste all in gehen.
Wie ist es heute?
Deutschland ist für das Thema Doping super sensibilisiert, jeder Profisportler weiß, dass er sich bei einem positiven Test am nächsten Tag bei seinem Bäcker um die Ecke nicht mehr sehen lassen könnte. Und jedem Radprofi, der in einem Team der World Tour fährt, ist bewusst, was er riskiert, wenn er dopt – Millionen von Euro und Dutzende von Arbeitsplätzen, falls der Hauptsponsor aussteigt. Eine entsprechende Klausel steht in allen Verträgen der Geldgeber.
Und trotzdem wird weiterhin gedopt.
Ich bin mir sicher, dass diese Kosten-Nutzen-Rechnung bei der Frage, ob jemand dopt oder nicht, zu einer anderen Einschätzung führen kann, als es bei früheren Generationen der Fall war. Dazu kommt, dass sich weitere Rahmenbedingungen, wie die Kontrolldichte, die Gesetzeslage oder die zuletzt hervorragende Arbeit investigativer Journalisten, massiv verändert haben.
Sauberer Sport ist nahezu undenkbar
Heißt das, dass der Radsport sauber ist?
Es wäre natürlich völlig irreal, zu behaupten, dass irgendein Sport sauber ist. Wer daran glaubt, der glaubt auch an Wirtschaft ohne Korruption und dass es möglich ist, Steuerhinterziehung zu beenden. So lange es keine saubere Gesellschaft gibt, so lange gibt es auch keinen sauberen Sport.
Aber?
Ich glaube schon, dass wir im Profiradsport eine neue Generation haben, die gebildeter ist und durch die vielen mahnenden Beispiele gefallener Helden von früher gelernt hat – der moralische Kompass der heutigen Fahrer ist anders eingenordet.
Selbst wenn das stimmt, bleibt immer noch das Problem, dass sich im Umfeld dieser neuen Generation viele Teamchefs, Sportliche Leiter und Betreuer bewegen, die aus der Hochzeit des Dopings übrig geblieben sind.
Ich kann jeden verstehen, der dies kritisiert. Schließlich ist jemand, der früher Bankräuber war, hinterher nicht automatisch ein guter Polizist.
Sie selbst sind auch einer der früheren erfolgreichen Profis, die erst gedopt und dann gestanden haben und trotzdem in verantwortlicher Position bei einem Team arbeiten.
Das stimmt. Meine Motivation ist, dass ich super viel versaut habe und nun mithelfen kann, viele Dinge zu verbessern.
Klappt das?
Ich kann auf jeden Fall morgens mit einem guten Gewissen in den Spiegel schauen. Und ich bin stolz darauf, den Weg zu sehen, den Fahrer gegangen sind, deren Laufbahn ich maßgeblich begleitet habe. Ich hätte mich nach meiner Karriere auch aus dem Radsport verabschieden und sagen können, nie etwas von Doping gehört oder gesehen zu haben. Aber wer etwas verändern will, der muss die Verantwortung dafür übernehmen, wenn er selbst Mist gebaut hat. Zum Glück habe ich die Chance bekommen, zeigen zu können, dass es besser geht.
Mit welchem Ergebnis?
Zumindest so viel kann ich Ihnen sicher sagen: Der Tag, an dem ich die Erkenntnis gewinne, dass es ohne verbotene Sachen nicht geht, ist der Tag, ab dem ich nicht mehr im Radsport tätig bin.
Haben Sie eigentlich noch Kontakt zu Ihren Kollegen aus dem früheren Team Telekom?
Der Radsport ist ein schnelllebiges Geschäft. Wer raus ist, von dem sieht man auch nicht mehr viel, wenn man selbst noch im Tross unterwegs ist.
Was ist mit Ihrem früheren Zimmerkollegen Erik Zabel?
Er wohnt in der Nähe, und wenn er bei mir daheim um den Möhnesee radelt, dann winkt er mir zu, wenn ich im Büro sitze. Ihn sehe ich also noch öfter (lacht).
Wie ist Ihr Verhältnis zu Jan Ullrich?
Er war ja kaum noch bei Rennen dabei, deshalb haben wir uns höchstens mal irgendwo zufällig auf einer Messe getroffen.
Wie haben Sie seinen Absturz erlebt?
Es ist eine super bittere Geschichte, doch klar ist auch: Jan Ullrich braucht jetzt alles, aber sicherlich nicht meine Ratschläge.
Wissen Sie, wie es ihm aktuell geht?
Nein. Ich weiß nur, dass die schockierenden Bilder, die auf dem Video aus Mallorca zu sehen sind, nicht den Jan Ullrich zeigen, den wir kennen. Ich hoffe, dass er seinen Weg findet, denn er gehört sicher nicht zu den Menschen, die mir egal sind. Meine Generation hat ihm – bei allen Problemen, die es gab – sehr viel zu verdanken. Heute führen wir ein normales Leben, weshalb es sehr weh tut, die Schwierigkeiten zu sehen, die er hat.