Herr Stäbler, Ihre Karriere ging vor drei Jahren bei den Olympischen Spielen in Tokio zu Ende. Wie im Ringen üblich, haben auch Sie Ihre Schuhe auf der Matte ausgezogen und zurückgelassen. Wie sehr packt es Sie, wenn sich nun frühere Kollegen von Ihnen in Paris mit dem selben Ritual verabschieden?
Es ist ergreifend. Ich habe hier schon einige Momente voller Wehmut erlebt. Und eines macht mich, wenn ich zurückdenke, noch trauriger.
Was?
Bei den Corona-Spielen in Tokio war die Halle leer. Sich vor 8000 Zuschauern verabschieden zu können, die einen im Stehen feiern, ist schon noch einmal viel emotionaler. Ich stelle mir gerade immer wieder vor, welche Gänsehaut ich in Tokio gehabt haben könnte. (lacht)
Sie waren 2012, 2016 und 2021 als Athlet bei Sommerspielen dabei, nun sind Sie erstmals als Zuschauer am Start. Wie geht es Ihnen dabei?
Super. Der olympische Geist hat mich voll erwischt.
Inwiefern?
Ich habe in London, Rio und Tokio ja fast nur die Ringer-Halle gesehen. Jetzt, bei meinen ersten Rentner-Spielen, bin ich viel unterwegs, kann endlich auch mal nach links und rechts schauen.
Was sehen Sie?
Ich war bei der Leichtathletik, beim Volleyball, beim Beachvolleyball und habe noch vor, die eine oder andere Sportart mehr zu besuchen. Ich versuche, alles aufzusaugen und möglichst viel mitzunehmen.
Was hat Sie bisher am meisten beeindruckt?
Die fünfte Goldmedaille meines Freundes Mijaín López Núnez – ich bin und bleibe halt Ringer. Da hatte ich Tränen in den Augen und fühlte eine große Dankbarkeit, in Paris dabei sein zu dürfen.
Arbeiten Sie hier auch?
Ja. Für Eurosport, und im Deutschen Haus darf ich ebenfalls tätig sein. Drei Jahre nach meinem Abschied derart in die Olympischen Spiele eingebunden zu sein und für meine zurückliegenden Erfolge eine solche Wertschätzung zu erfahren, ist sehr schön.
Was machen Sie im Deutschen Haus?
Mal eine Autogrammstunde oder ein Meet and Greet, mal bin ich eine Losfee, und als Mentalcoach begleite ich auch den einen oder anderen Athleten. Ich bin in vielen Bereichen tätig, darf in viele Dinge hineinschnuppern. Das passt super.
Sie sind nun seit einer knappen Woche in Paris. Welche Eindrücke haben Sie gewonnen?
Es sind überragende Olympische Spiele und die ersten, die an London 2012 zumindest herankommen.
Warum?
Weil die Sportbegeisterung hier riesig ist. Weil die Sportstätten der Wahnsinn sind. Weil die Verbindung zwischen den vielen besonderen Bauwerken in dieser Stadt und den modernen Olympischen Spielen absolut gelungen ist. Weil die Atmosphäre friedlich und beeindruckend ist. Das Gesamtpaket, das Paris bietet, ist unschlagbar. Diese Spiele setzen Maßstäbe.
Es gibt nichts auszusetzen?
Natürlich kann man immer Dinge kritisieren. Aber im Vergleich zur absoluten Begeisterung, die Olympia hier entfacht, sind das alles Kleinigkeiten. Ich würde Ihnen stattdessen lieber gerne vom Leichtathletik-Stadion erzählen.
Bitte.
Es ist für mich ein Ort, der dafür steht, wie hier in Paris die Welt zusammenkommt. Wie sie friedlich, farbenfroh und fair feiert. Angesichts der schlimmen Dinge, die gerade auf der Welt passieren, kann ich nur sagen: So sollte es überall sein! Ich habe mein Herz an diese Olympischen Spiele verloren.
Sportlich läuft es für das deutsche Team nicht ganz so gut wie erhofft.
Das überrascht mich nicht. Uns allen war doch schon vorher bewusst, dass sich das deutsche Sportsystem deutlich verändern muss, wenn wir bei so einem Großereignis irgendwann wieder zu den besten fünf Nationen gehören wollen.
Wo gibt es Ansatzpunkte?
Solange der Gewinner des Dschungelcamps 100 000 Euro kassiert, ein deutscher Olympiasieger aber nur eine Prämie von 20 000 Euro erhält, ist doch offensichtlich, dass bei uns etwas nicht stimmt. Die Wertschätzung für den Hochleistungssport muss deutlich erhöht werden.
Geht das nur mit Geld?
Nein, aber es wäre schon schön, wenn sich Leistung auch in Deutschland lohnen würde. Zugleich benötigen wir dringend Initiativen, um wieder mehr Kinder und Jugendliche für den Sport zu begeistern. Das geht sicher nicht, wenn wir Bundesjugendspielen den Wettkampfcharakter nehmen.
Würde eine Bewerbung Deutschlands um die Austragung Olympischer Spiele helfen?
Jedes Land, das Olympia-Gastgeber ist, investiert auch viel Geld in sportliche Infrastruktur, Trainer und Trainingsmaßnahmen. In Frankreich zeigt sich ja gerade wieder, dass es einen direkten Zusammenhang zwischen der Ausrichtung von Sommerspielen und der Förderung des Sports im eigenen Land gibt. Von daher: ein klares Ja! Deutschland braucht die Olympischen Spiele – mit denen sich viel verändern könnte.
Haben Sie sich im Deutschen Haus schon in die Liste der Unterstützer eingetragen?
Nein, aber das werde ich noch tun. Und meinen Namen dick unterstreichen. (lacht)