Ex-Skiweltmeister als Bau-Purist Das neue Leben des Daniel Albrecht – in einem ganz speziellen Haus

Der ehemalige Ski-Weltmeister Daniel Albrecht in seinem fast ausschließlich aus Mondholz gefertigten Haus im Wallis. Foto: privat/Thomas Andenmatten

Erst war der Skiweltmeister, dann Komapatient, nach dem Ende der Karriere Unternehmer. Nun ist Daniel Albrecht Hausbauer – und verfolgt eine ganz spezielle Philosophie.

Stuttgart/Fiesch - So ganz genau wusste er seine Empfindungen ja nicht einzuschätzen, als er das nahezu fertige Haus betrat, das von nun an sein und das Zuhause seiner kleinen Familie sein sollte. War’s aufgrund der Tatsache, dass er nun schlicht das Eigenheim besaß, von dem er einst träumte? Oder entfaltete die Art und Weise, wie das Heim errichtet worden war, schon seine Wirkung? Daniel Albrecht schmunzelt, wenn er an diese Momente zurückdenkt. Heute weiß er: Es war ein bisschen was von beidem. Während der Zauber des Besitzes nun bereits verflogen ist, ist eines geblieben – das wohlige Gefühl.

 

„Hier fühle ich mich wohl, sicher und zu Hause, hier kann ich entspannen und zur Ruhe kommen. Das Raumklima ist toll, der Duft ebenso“, sagt der Schweizer über sein Domizil, das sich auf den ersten Blick optisch gar nicht so sehr abhebt von anderen Häusern, die im kleinen Örtchen Fiesch im Schweizer Kanton Wallis stehen. Und das dennoch ein ganz besonderes ist. Daniel Albrecht wohnt in einem, wie er sagt, Mondhaus.

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Die Schweizer kennen den 38-Jährigen als Skirennläufer, der Weltmeister war, Weltcup-Sieger und einer, dem die Experten eine noch größere Zukunft vorausgesagt haben. Die ganze Sportwelt kennt Daniel Albrecht zudem als den Mann, der auf der Streif in Kitzbühel einen Horrorsturz erlebte, mehrere Wochen im künstlichen Koma lag und danach sein Leben erst wieder erlernen musste.

2009 passierte der Sturz, beim Zielsprung war er in Rücklage geraten, krachte rücklings auf den brettharten Schnee. Es folgten bange Momente, Wochen, Monate. Nach dem Erwachen aus dem Koma auch mit der Frage: Wird es noch einmal was mit dem Leistungssport?

Viel Unsicherheit im Umgang mit dem Rückkehrer

Daniel Albrecht tat alles für die Fortsetzung seiner Karriere, zunächst aber ging es um Banalitäten. Er musste sich neu kennenlernen, sein Umfeld, einfachste Dinge machten riesige Anstrengungen nötig – physisch wie psychisch. Albrecht schaffte den Weg zurück in die Mannschaft – aber: Kollegen und Trainern fiel es schwer, die richtige Mischung im Umgang mit ihm zu finden. Fordern? Fördern? Schonen? Schützen? „Die Kollegen wussten nicht, wie sie mit mir umgehen sollten“, erinnerte sich Daniel Albrecht in einem „NZZ“-Interview. „Ich zog mich zurück, fühlte mich verloren.“ Marc Berthod, sein langjähriger Wegbegleiter, unterstrich: „Wir alle, ich, die anderen Athleten, die Trainer, waren überfordert mit Danis Situation.“

2013 trat Albrecht schließlich vom aktiven Leistungssport zurück, blieb zunächst als Gründer einer Skibekleidungsfirma dem Thema seines Lebens treu. Auch eine Skitrainer-Ausbildung hat er begonnen, dann aber nie abgeschlossen. Irgendwann suchte er dann nach einem anderen Umfeld. Die Firma hat er verkauft, die Idee vom ganzheitlichen Skicoach verfing nie. Nun ist er: Hausbauer. Und damit wieder Unternehmer. Seine Skikarriere hat bei diesem bislang letzten Schritt aber durchaus eine Rolle gespielt.

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Viel gesehen habe er in seinem Sportlerleben, sagt Albrecht – und sich einst gefragt, wo er sich im Laufe der Karriere besonders wohlgefühlt habe. „Dort, wo mit viel Holz gebaut worden war, fühlte ich mich wohl, dort war die Stimmung im Team besonders gut, dort hatte ich stets ein besseres Körpergefühl.“ Aus dieser Antwort wurde eine Idee, aus der Idee ein Plan, aus dem Plan eine Philosophie. Albrecht wollte ein Holzhaus. Aber nicht irgendeines. „Es sollte ein grünes Haus sein, ein gesundes, eines, das dem Menschen und der Natur guttut“, erinnert er sich. Irgendwann war klar, dass dieses Haus kein Kompromiss sein darf. Also wurde es: ein Mondhaus.

Heimische Hölzer aus dem Wallis, unbehandelt und ortsnah verarbeitet. Kein Leim, keine chemischen Zusatzstoffe. Weder bei den Wänden noch bei den Böden, den Türen und den Möbeln. Nur ein Mindestmaß an Nägeln beim Verbinden der Wandteile. Und keinerlei sonstige Isolierung. Dazu: Erdwärme und ein Solardach. „Traditionelle Baustoffe sollten mit moderner Technik eingesetzt werden“, sagt Albrecht. Wie einst als Sportler strebte er nach Perfektion. Aber: Konnte das klappen?

Daniel Albrecht ist Laie, sucht aber Experten als Mitstreiter

Der einstige Skistar suchte Mitstreiter, Experten, „Liebhaber, denen es um die Sache geht“. Einheimische, die kurze Wege ermöglichen, und die halfen, seine Philosophie umzusetzen. Eine Philosophie, die im Kopf eines Laien entstanden war. Aber er fand Partner – und einen weiteren wichtigen Baustein.

Das Holz von Fichten und Lärchen sollte Mondholz aus dem Wallis sein. Das gilt als trockener, hochwertiger und resistenter gegenüber Schädlingen. Das Problem: Es kann nur an etwa vier Tagen im Jahr geschlagen werden, die Mondphasen bestimmen den Zeitpunkt, der immer im Winter und bei abnehmendem Mond liegt. Der Baum wird hangabwärts geschlagen, bleibt noch Monate liegen, ehe die Äste entfernt werden. Noch einmal später folgt der Transport, dann die Verarbeitung zu Wandelementen – die alles andere als gewöhnlich ist.

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Drei Millionen Schweizer Franken müssen Zimmereien in etwa investieren, um eine Produktionsstraße aufzubauen, auf der die Elemente aus mehreren Holzschichten angefertigt werden können. Den Mut muss man erst einmal haben, doch die Nachfrage steigt. Albrecht bringt als Berater Interessenten, Architekten, Forstwirtschaft und Zimmereien zusammen. 20 bis 25 Mondhäuser, schätzt er, entstehen im Wallis in den kommenden zwei Jahren.

Neben dem Gefühligen gibt es Studien, die die positive Wirkung der Holzhäuser belegen. Auf die Aufnahmefähigkeit, auf den Herzschlag, auf den Schlafrhythmus. „Ich fühle mich“, sagt Albrecht, „auswärts, in Hotels, gar nicht mehr wohl.“ Besucher seines Hauses, an dem lediglich der Unterbau am Hang nicht aus Holz besteht, bestätigen seine Eindrücke – und das alles sei nicht nur nachhaltig, sondern auch wirtschaftlich.

Schimmelbildung ist kein Thema

Zwar koste ein solches Haus zehn bis 15 Prozent mehr als ein herkömmliches, die laufenden Kosten aber seien deutlich geringer. „Wenn es tagsüber gutes Wetter mit Sonnenschein hat, muss ich nicht einmal bei fünf Grad minus in der Nacht heizen“, sagt Albrecht. Das Holz speichere im Winter die Wärme, im Sommer die Kälte. Es gibt mittlerweile Mondhäuser, die nicht einmal über eine Heizung verfügen. 42 Zentimeter dick sind die Wände, deren innere Schichten dafür sorgen, dass das Holz (von 62 Bäumen) fast vollständig verarbeitet wird. Trotz der Dicke bleibt die Wand durchlässig, Schimmelbildung ist kein Thema.

Daniel Albrecht hat sich den Traum vom Haus aus dem Wallis im Wallis erfüllt, Mitstreiter und Nachahmer gefunden – und ist gespannt, wie sich die Philosophie des Mondhauses entwickelt. Noch wichtiger ist ihm: dass er sich mit Frau, Tochter und den Hunden weiter wohlfühlt in seinem Heim. Auch lange nach dem ersten wohligen Moment.

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