Kerstin ist leidenschaftliche Triathletin im Hobbybereich. Der Sport ist ihr Ausgleich, ein Antrieb: Kopf ausschalten, Körper spüren. Dass dieses Körpergefühl gar nicht so selbstverständlich ist, musste die 32-Jährige, die im Brandmarketing arbeitet, in den letzten Jahren schmerzhaft spüren: „Durch den Sport habe ich gelernt, mich mit meinem Körper auseinanderzusetzen und auf ihn zu hören“, erklärt sie. Schon in ihren Zwanzigern war die junge Frau wegen verschiedenen, diffusen gesundheitlichen Beschwerden bei Ärzt:innen in Behandlung.
Oft wurden ihre Symptome wie starker Gewichtsverlust, Schlaflosigkeit oder innere Unruhe abgetan und heruntergeredet. 2018, als sie zeitgleich mit ihrem Triathlon-Training in Stuttgart begann, wurde bei Kerstin Hashimoto diagnostiziert, eine Autoimmunerkrankung, die zu einer chronischen Entzündung der Schilddrüse führt. „Der Arzt ließ es damals so unwichtig erscheinen, sodass ich es einfach jahrelang vergessen hatte. Er meinte nur: ‚Ach, da muss man sich aber keine Sorgen machen’“, erzählt sie.
„Ich wusste einfach, dass etwas nicht stimmt“
Nach der Gewichtsabnahme, folgte die Gewichtszunahme. Trotz Sport und kontrolliertem Training fühlte sich Kerstin oft schlapp, war müde, schlief unruhig, hatte Verdauungsprobleme und Muskelschmerzen. Von ihrer damalig behandelten Ärztin fühlte sie sich abgestempelt: „Ich wurde in so eine Triathleten-Schublade gepackt. Als würde ich nicht genügend auf meinen Körper achten und ihn überfordern. Dabei war ja vor allem das Gegenteil der Fall. Ich habe eben sehr genau darauf geachtet.“ Kerstin musste sich anhören, dass ihr Körper nicht stark genug sei, man im Fitnessstudio ja auch nicht direkt abnehme, oder: „Wenn Ihr Körper nicht so arbeitet, wie Sie wollen, dann versuchen Sie halt eine Krankheit zu erfinden.“
Heute sagt Kerstin, die mittlerweile in München lebt: „Ich wusste einfach, dass etwas nicht stimmt.“ Kerstin stieß auf Unverständnis, bis sie eine Heilpraktikerin fand, mit der sie sich persönlich wohlfühlte und die ihre Schilddrüsenwerte regelmäßig beobachtete. Vor zwei Jahren stufte sie diese als besonders auffällig ein. Bei ihrer Hausärztin folgte ein Ultraschall. „Sie sagte dann allen Ernstes zu mir: ,Da ist etwas, aber ich sag Ihnen lieber nicht was, weil Sie sich sonst wieder reinsteigern.’ Danach hat es mir gereicht und ich habe nach einer Endokrinologin gesucht. Natürlich muss man da auch relativ lange auf einen Termin warten.“
Im Januar 2024 wurde bei ihrem Termin in der Endokrinologie nicht nur das Hashimoto und eine Schilddrüsenunterfunktion bestätigt, sondern auch ein Tumor in der Schilddrüse entdeckt. „Man weiß nicht, wie lange er gewachsen ist.“ Sie ergänzt: „Im Nachhinein ergibt das alles Sinn.“ Auch, wenn es aus ärztlicher Sicht keinen direkten Zusammenhang zwischen der Autoimmunerkrankung und dem Tumor gibt.
„Eigentlich bin ich seit Jahren krank und mir wurde immer erzählt, dass ich es nicht bin“
Bei einer Untersuchung, der sogenannten Szintigrafie, bekommen Patient:innen eine schwach radioaktive Substanz gespritzt. Je nachdem, wie sich diese im Körper verteilt, können Ärzt:innen mit hoher Wahrscheinlichkeit feststellen, ob bestimmte Tumore oder Metastasen im Körper vorhanden sind. Kerstin erinnert sich: „Damals hat der Arzt mir aus dem Behandlungsraum beim Rausgehen hinterhergerufen: ,Frau Schmidt, das könnte jetzt schon Krebs sein, aber machen Sie sich mal keinen Kopf.’ Und dann steht man da halt, ist 32 und denkt: Okay, ich habe vielleicht Krebs. Natürlich hatte ich mich auch vorher belesen. Ich wusste, dass man Schilddrüsenkrebs relativ gut behandeln kann, aber trotzdem hatte ich große Angst.“
Nach einer Punktierung war klar: der Tumor am „Steg“ der Schilddrüse muss raus. „Das war so ein Schlüsselmoment. Ich habe realisiert: Eigentlich bin ich seit Jahren krank und mir wurde immer erzählt, dass ich es nicht bin.“ Sie ergänzt: „Ich wusste endlich, was mit mir los ist.“ Vier Wochen lang wartete Kerstin auf den OP-Termin. Danach das Aufatmen: kein Krebs. Was ihr da passiert ist, verarbeitet die 32-Jährige heute noch. „Ich glaub, so ganz realisiert habe ich es immer noch nicht.“
Der Rückweg zum alten Ich
Trotz des Schocks sieht Kerstin die Erkennung des Tumors und die anschließende OP als Chance. Als habe es erst den Tumor gebraucht, damit sie endlich ernstgenommen wird. Mittlerweile bekommt sie neue Medikamente und hat regelmäßige Kontrolltermine. „Außerdem habe ich mich viel intensiver mit Hashimoto auseinandergesetzt, passe meine Ernährung an, beginne langsam wieder mit Sport. Es ist der Rückweg zu meinem alten Ich. Ich merke schon jetzt, dass mein Energielevel viel höher ist als in den letzten sechs Jahren. Auch wenn mein Körper natürlich noch erschöpft ist, aber ich spüre eine Verbesserung.“
„Das Gesundheitssystem muss Frauen und ihre Körper ernstnehmen“
Über ihr Erlebtes spricht Kerstin öffentlich auf Instagram. Die Reaktionen erstaunen sie: „Es haben so viele auf meine Storys geantwortet, die selbst Hashimoto haben, oder einen bösartigen Tumor an der Schilddrüse. Auch viele Arbeitskolleginnen sind betroffen und haben mich darauf angesprochen. Wir haben davor nie darüber geredet. Das fand ich schon krass.“ Ein weiteres wichtiges Thema für Kerstin: Frauengesundheit. Aus verschiedenen Studien und Artikeln, unter anderem im Deutschen Ärzteblatt, geht hervor: Frauen erkranken häufiger als Männer. Einige Publikationen sprechen sogar von einer der „häufigsten Autoimmunerkrankungen der Frau.“ Kerstin sagt bestimmt: „Das Gesundheitssystem muss Frauen und ihre Körper ernstnehmen.“ Für die 32-Jährige steht fest: Es braucht mehr Aufklärung. „Immerhin wissen viele Betroffene gar nicht, dass sie an dieser Schilddrüsenerkrankung leiden. Wir brauchen die Aufklärung und den Austausch.“
* Dies ist ein persönlicher Erfahrungsbericht
[StZ Archiv: Dieser Artikel erschien erstmals am 3. Juli 2024]
Allgemeine Infos
https://www.deutsches-schilddruesenzentrum.de/