Stuttgart - Immer wenn in der Vergangenheit in Potsdam über die Löhne im öffentlichen Dienst gefeilscht wurde und die Gewerkschaft Verdi rote Fahnen ausrollte, kam seine große Zeit: Ohne Frank Bsirske waren die Tarifrunden undenkbar. Diesmal ist er zum Zuschauen verurteilt, denn nun macht Frank Werneke den Job. Lust auf Tarifpolitik verspürt Bsirske ein Jahr nach dem Wechsel noch immer. „Ich verfolge mit Herzblut, was da passiert“, sagt er. „Aber ganz klar: Es nicht mehr mein Ding, sondern die Aufgabe anderer.“
Dass es der 68-jährige Krimi-Anhänger im Ruhestand nicht beim Bücherlesen belässt, hat sich abgezeichnet. So mischt er bei dem vom Bundesarbeitsminister berufenen „Rat der Arbeitswelt“ mit, der bis April seinen ersten Jahresbericht erstellen will. „Arbeitsintensiv“ sei das, sagt Bsirske. Außerdem hat er noch die Aufsichtsratsposten bei RWE (bis März 2021) und der Deutschen Bank (bis Frühjahr 2022) inne. „Diese Mandate wollen auch ernst genommen werden.“
Sein Wahlkreis wird von VW und dessen Problemen dominiert
Nicht absehbar war der Neustart des einstigen Arbeiterführers bei den Grünen. Deren Mitglied ist er seit 1986, vom 2021 Herbst an will er grüne Politik im Bundestag machen. Der Plan ist riskant: Man hat ihm den Wahlkreis Helmstedt-Wolfsburg angetragen, in dem die Grünen 2017 lediglich 4,5 der Erststimmen und 5,9 der Zweitstimmen holten, womit sie klar unter dem Landesdurchschnitt blieben. Bsirske wäre der erste Abgeordnete des Wahlkreises in der Grünen-Fraktion.
In Helmstedt wurde er geboren, sein Vater hat bei Volkswagen geschafft. Der Wahlkreis gehört zu den ärmsten in Niedersachsen. Auf Wolfsburger Seite überragt VW alles und treibt die E-Mobilität voran wie kein anderer deutscher Hersteller. „Man wird sehen, wie das geschärfte Bewusstsein für Veränderungen auf das Wahlverhalten durchschlägt“, sagt Bsirske über die vagen Aussichten der Grünen. Aus den Ängsten der Beschäftigten vor dem radikalen Strukturwandel zieht der Mann, der von 2001 bis 2019 die Gewerkschaft angeführt hat, seine Mission: „Wenn das Soziale auf der Strecke bleibt, wird die sozial-ökologische Transformation nicht gelingen, weil wir dafür keine Mehrheiten werden gewinnen können.“
Die erste Hürde ist ein 23-jähriger Grüner
Ganz ungewohnt hat es der bis zu seinem Abschied unumschränkte Verdi-Chef erst einmal mit Konkurrenz zu tun: der 23-jährige Tjark Melchert, Referent bei einem Arbeitgeberverband, beherrscht anders als der Veteran vor allem die Klaviatur der sozialen Medien. Die ersten Vorstellungsrunden an der Basis verliefen für Bsirske aber zufriedenstellend. Alle hätten Wert darauf gelegt, fair miteinander umzugehen. In der zweiten Oktober-Hälfte soll entschieden werden, wer als Direktkandidat aufgestellt wird.
Mangels Aussicht auf den Gewinn des Wahlkreises für die Ökopartei wäre Bsirske noch auf einen günstigen Listenplatz angewiesen – sonst wird es nichts mit dem Bundestag. „Für die Grünen wird es darauf ankommen, auf den Landeslisten einen klugen Mix aus Profil, Alter, Netzwerken zu präsentieren“, sagt er. „Da spricht einiges dafür, einen bekannteren Gewerkschafter auf die Liste zu nehmen und damit ein deutliches Signal nach außen zu setzen, dass hier die Verbindung von Ökologie und Sozialem gesucht wird.“ Dies sieht offenkundig auch der Bundesvorstand so – er ist der Ansicht: Ein prominenter Kandidat mit Sozial- und Wirtschaftskompetenz kann der Partei nur gut tun, denn auf der Flanke haben die Grünen noch ihre Schwachstellen.
Am liebsten auf Listenplatz sechs
Bisher sei die Resonanz aus der Partei „wirklich gut“, sagt Bsirske, der mit Listenplatz sechs liebäugelt. Nach einem Beschluss der Landesdelegiertenkonferenz sollen die Plätze fünf (wie alle ungeraden Plätze weiblich quotiert) und sechs (männlich) nicht aus der Bundestagsfraktion besetzt werden. Insofern sei der Blick auf diesen Platz kein Zufall, sagt er. Es gibt aber Unwägbarkeiten: So lässt es das politische Schwergewicht Jürgen Trittin noch offen, ob er wieder antreten will. Der haushaltspolitische Sprecher der Bundestagsfraktion, Sven-Christian Kindler, wird gewiss nicht weichen. Die endgültige Rangfolge soll ein Landesparteitag Anfang März festlegen.
Verdi ist eine ähnlich streitbare Organisation wie die Grünen, da muss sich Bsirske nicht umstellen. „Streitbar bin ich auch – aber gleichzeitig teamfähig, zudem in der Lage, das Gemeinsame nach vorne zu stellen“, betont er. Man müsse zuhören wollen – um dann im Dialog eine Linie festzulegen. Er sei nicht von Eitelkeit getrieben, sondern an der Sache orientiert. „Sonst wäre es nicht gelungen, Verdi zusammenzuhalten.“ Dass er sich als einfacher Abgeordneter in der zweiten Reihe einfügen muss, „damit kann ich gut leben“, versichert Bsirske. Immerhin, der amtierende Co-Parteichef hat ihm längst eine SMS geschickt: Es sei „cool“ und „klasse“, dass er kandidieren wolle – „das hilft uns“, habe Robert Habeck sich gefreut.