Das fühlt sich an, als würde der Bundesliga-Absteiger an die Aufstiegsplätze anklopfen. Aber vor dem Start nach der Winterpause am 28. Januar (13 Uhr) bei Holstein Kiel beträgt das Polster auf einen Abstiegsplatz eben nur drei Punkte. „Deshalb waren diese zehn Zähler auch so eminent wichtig. Die zweite Liga ist eine fiese Liga, du musst jeden Spieltag abliefern“, betont Zorniger. An das Thema Wiederaufstieg verschwendet er darum keinen Gedanken: „Wir müssen jetzt erst einmal schauen, dass wir in der zweiten Liga bleiben.“
Zorniger geht diese Herausforderung mit einer neuen Gelassenheit an. Natürlich ist er auch älter und reifer geworden, aber er lässt keinen Zweifel daran, dass neue Sichtweisen und andere Mentalitäten ihn weitergebracht haben. „Das Ausland hat mir gutgetan“, sagt er ganz offen. Zunächst einmal als Mensch. Sein Blick aufs Leben ist entspannter geworden. Bei Bröndy IF in Kopenhagen (2016 bis 2019) bemerkte er, dass der Stellenwert des Privatlebens in Skandinavien deutlich höher ist. Und das gleich an seinem ersten Arbeitstag.
Entschleunigung im Alltag
Statt den Kennenlerntermin einzuhalten, vertröstete ihn der Video-Analyst auf den nächsten Tag, weil er seine Kinder vom Kindergarten abholen musste. Das kannte Zorniger – zumindest im Profibereich – so bisher nicht. Inzwischen weiß er, dass eine gewisse Entschleunigung im Alltag der Qualität der Arbeit grundsätzlich nicht schadet. „Man muss auch nicht immer schauen, was geht noch mehr, was geht noch besser, was macht der andere. Man kann einfach auch mit seinem Leben zufrieden sein.“
Damit kein falscher Verdacht aufkommt: Zorniger brennt vor Ehrgeiz wie eh und je. Wenn dem Wertekompass des gradlinigen Schwaben irgendetwas entgegenläuft, gibt’s Feuer. Wird auf dem Platz seine Spielidee nicht zu 100 Prozent gelebt, folgen sofort deutliche Ansagen. „Gerade in Bezug aufs Gegenpressing lasse ich nicht mit mir reden, da lasse ich keinen Millimeter nach“, sagt er.
Heißblütige Zyprioten
Diese Konsequenz machte es ihm bei Apollon Limassol nicht einfach. Er führte den Club im Mai 2022 zur Meisterschaft auf Zypern, nach dem Scheitern in der dritten Qualifikationsrunde zur Champions League wurde er im August 2022 gefeuert: „Diese besondere Emotionalität ist schon der Wahnsinn, sie schlägt in beide Richtungen extrem aus. Gewinnst du, liegen dir alle zu Füßen, verlierst du, ist alles falsch. Dann musst du sofort irgendetwas ändern und schnell neue Lösungen präsentieren.“
In Deutschland werde länger an einem Plan festgehalten. Wobei er in seinem Heimatland längst nicht alles prickelnd findet. „Wir haben in vielen Bereichen tolle Voraussetzungen, aber wir sind nicht das Maß aller Dinge und sollten auch mal von unserem hohen Ross heruntersteigen.“ Er führt als Beispiel die vergangene WM an. „Wir haben uns keinen Gefallen getan, die Moralpolizisten zu spielen. Wenn man das zu oft macht, verlieren wir den Respekt, den wir in der Welt haben.“
Keine Worte mehr zum VfB
Zorniger blickt über den Tellerrand hinaus, er ist aussagekräftig, er zeigt klare Kante. Was nichts daran ändert, dass er über seine zweite Zeit beim VfB Stuttgart (Juli bis November 2015) keine Worte mehr verlieren möchte. „Das Thema ist ausgelutscht. Das war eine Erfahrung, genauso wie ich Erfahrungen bei Normannia Gmünd, der SG Sonnenhof Großaspach oder bei RB Leipzig gemacht habe.“ Damit wären die Stationen seiner Trainerlaufbahn genannt, die im Profibereich für ihn erst im Alter von 41 Jahren begann, davor hatte er elf Jahre als Bereichsleiter Sport beim Württembergischen Tennisbund (WTB) gearbeitet.
„Ich bin vom Glück geküsst“
Wie es mittelfristig weitergeht? Zunächst ist Zorniger froh, dass er bei einem „ambitionierten Verein, mit sehr persönlichem Anstrich, einem super Staff und gutem Umfeld“ gelandet ist. Zudem ist er vom Frankenland aus mit seiner Frau Kristina und den beiden Kindern William (3) und Liva (5) wieder näher dran an den nahen Verwandten, wie seiner Mama, die in Gmünd lebt. „Ich bin vom Glück geküsst, weil ich in meinem Leben immer die Unterstützung der Familie und von Mentoren hatte, diese Menschen haben mir schon sehr gefehlt“, räumt er ein. Sechseinhalb Jahre Ausland sind eben nicht nur ein Wochenendausflug.