Exorzismus in Singen Satans Heilige Familie

Von Wofgang Messner 

Ein Theaterstück erinnert an die Arche Noah. Die Weltuntergangssekte quälte im Wahn, den Teufel austreiben zu müssen, Menschen zu Tode.

Im Bann der Sekte: das Opfer Bernadette Hasler (2.v.r.) mit Eltern und Schwester. Foto: Ringier 2 Bilder
Im Bann der Sekte: das Opfer Bernadette Hasler (2.v.r.) mit Eltern und Schwester. Foto: Ringier

Singen - Man kann ein Ding nicht ohne sein Gegenteil denken. Das Leben nicht ohne den Tod. Das Gute nicht ohne das Böse. Die barmherzige Tat nicht ohne die Sünde. Und Gott nicht ohne den Teufel. Im Leben der Magdalena Kohler war er stets zugegen, der Antichrist, der Beelzebub und Luzifer in seiner vielfältigen Gestalt. Wie der Teufel hineingekommen ist in ihr Leben - niemand weiß es. Sie aber hat dem Satan die Stirn geboten, ihn bekämpft und ausgetrieben, wo sie ihn in Menschengestalt erkannt hat. Mit Arbeit, Disziplin und Schlägen, furchtbaren Schlägen. Zwei Menschen sind gestorben. Magdalena Kohler ist dafür verurteilt worden. Einmal mit zehn Jahren Zuchthaus, das zweite Mal sperrte man sie in eine Irrenanstalt. Verstanden hat sie es nie.

Die Nachwelt hat dieser Frau den zweiten Exorzistenprozess der Bundesrepublik zu verdanken. Im Spätjahr 1988 wurde der Teufelsspuk vor dem Landgericht Konstanz öffentlich in allen Einzelheiten ausgebreitet. In ihrem Haus in der Erzbergerstraße23 in Singen hatte die 73-jährige Magdalena Kohler zusammen mit ihrer 70-jährigen Schwester die Rentnerin Anna Wermutshäuser über lange Zeit misshandelt und am Ende zu Tode geprügelt. 22Jahre zuvor hatte die Kohler schon einmal dem Teufel die Stirn geboten und in Rangwil im Züricher Oberland die 16-jährige Bernadette Hasler zu Tode foltern lassen. Die Tat vollzog sie im Jahr 1966 zusammen mit dem exkommunizierten, ehemaligen Pallottinerpater Josef Stocker und vier Mitgliedern der in Singen gegründeten Weltuntergangssekte Arche Noah.

Die Fama von den Exorzisten wurde verdrängt

Die Industriestadt hat so deutsche Nachkriegsgeschichte geschrieben. Nur mit der blutigen Verhaftung der RAF-Terroristen Günter Sonnenberg und Verena Becker am 3. Mai 1977 prägte sich die Stadt am Hohentwiel ähnlich ins kollektive Gedächtnis ein. Anders als die Terroristenjagd ist die Fama von den Exorzisten eine verdrängte Geschichte. Die Alten flüstern sie sich noch zu, die Jungen aber kennen sie nicht mehr.

Der Singener Autor und Anwalt Gerhard Zahner hat sich vorgenommen, das zu ändern. Er hat die Geschichte wie aus einem mittelalterlichen Hexensabbat in dem Theaterstück "Garni" aufgearbeitet. Nach der Pension, die gegenüber dem Kohler'schen Unglückshaus liegt. Das Laientheater der Kleinkunstbühne Gems hat das Stück in einer verlassenen Gründerzeitvilla bereits dreimal aufgeführt. Weitere Vorstellungen sollen folgen. Es ist mehr eine szenische Lesung. Drei Frauen, Leibniz'schen Monaden gleich, irrlichtern wie untote Geister durch holzgetäfelte Räume mit Seidentapeten und gestickten Wandbildern, vorbei an alten Kalendern und vergessenen Zeitschriften. Dabei werfen sie sich Wörter, halbe Sätze an den Kopf. "Schweigefetzen" nennt dies Zahner - in Anlehnung an das Nichtthema in der Stadt.

Stocker ist kein Pauker oder Dogmatiker

Stocker und Kohler lernen sich 1950 in Konstanz auf einem Einkehrtag kennen. Stocker ist 43 Jahre alt, Kohler 36. Sie, eine fromme Laienhelferin, die Nonne werden will, aber keinen Orden findet. Er, ein Lehrer des Aufbaugymnasiums für Jungen auf dem Hersberg bei Immenstaad am Bodensee, dem Geistlichen Haus der Pallottiner. Kohler ist eine agile Frau, hat halb Europa mit dem Fahrrad bereist und Wallfahrten nach Fatima und Lourdes unternommen. In Rom erhält sie eine Audienz bei Papst Pius XII. Stocker ist kein Pauker oder Dogmatiker. "Der war beliebt", erinnert sich Pater Vinzenz Vollmer, der von ihm in Griechisch und Latein unterrichtet wurde. Nur mit dem Teufel habe er's immer gehabt. "Wenn wir mal keine Griechisch-Übersetzung machen wollten, haben wir den Teufel infrage gestellt. Dann war der Stocker nicht mehr zu halten. Richtig herausgesprudelt ist es aus dem", erzählt der 77-Jährige.

1953 kommt Stocker nicht mehr aus den Sommerferien zurück. Die Kohler hat ihn überredet, mit ihr für den Orden der Borromäerinnen in den Mittleren Osten zu reisen. Stocker führt die Exerzitien durch, Kohler betreibt Gewissensforschung und bereitet die Schwestern auf die Beichte vor. In einem Kloster lernen sie die 40-jährige Nonne Stella kennen, wegen ihres naiven und kindlichen Wesens auch "Sternchen" genannt. Stella, bürgerlich Olga Endress und aus dem Allgäu stammend, teilt ihnen mit, sie empfange laufend Botschaften vom Heiland. Sie wird die Dritte im Bunde.

Die Menschheit vor der Sünde retten

Stocker, Kohler und Stella gründen in Deutschland die "Gemeinschaft des heiligen Werkes", dessen geistiges Fundament marianische Schriften und immer neu empfangene Heilsbotschaften bilden. Eine Direktive direkt vom "Chef" lautet, die drei sollten gemeinsam die Menschheit vor der Sünde erretten. In Singen sind Maria (Maria Magdalena Kohler), Josef (Josef Stocker) und das Kind (Stella) bald als "Heilige Familie" stadtbekannt. Stocker ist zu jener Zeit bereits exkommuniziert.

Die drei Frömmler bilden eine auffällige Gemeinschaft, denn sie gondeln in einem roten Mercedes 300, Kennzeichen KN-AE 724 , durch die vom Bösen durchdrungene Welt. Eine Botschaft, die Stella aufnimmt, besagt, die Eltern sollten ein großes Auto für die Missionsfahrten anschaffen. Das Geld kommt von begüterten Anhängern, wie einem Zahnarzt, dem sein Seelenheil 50.000 Mark wert ist. Kommen gerade keine Botschaften vom Herrn Jesus, spielt Stella mit ihrem Teddybären.