Die Gründerinnen des Medizintechnik-Start-ups Hellstern Medical: Sabrina Hellstern (re.) und Claudia Sodha. Foto: Hellstern Medical/Montage: Sebastian Ruckaberle
Stundenlange Zwangshaltungen im OP – Sabrina Hellstern wollte das ändern und gründet ein Start-up. Das entwickelt das erste Exoskelett für Chirurgen – und landet sogar bei der Nato.
Michael Weißenborn
01.06.2026 - 06:00 Uhr
Sabrina Hellstern ist Unternehmerin durch und durch. Und sie versteht es meisterhaft, ihr Produkt an den Mann oder die Frau zu bringen. „Wir haben eine Lösung für ein echtes Problem“, sagt die 42-Jährige und zeigt auf ihrem Laptop Fotos von einem Chirurgen bei einer Operation: Im grünen Kittel steht der am OP-Tisch, gebückt und mit seitlich verdrehtem Rücken. Manchmal steht er auf nur einem Fuß oder auf Zehenspitzen, um mit den Instrumenten die Organe des aufgeschnittenen Patienten zu erreichen. Und das mitunter viele Stunden lang.
Diese Art von „Zwangshaltung“ hält die Gründerin aus dem 5000-Einwohner-Örtchen Wannweil zwischen Reutlingen und Tübingen für untragbar. „Der Arbeitsplatz des Chirurgen im OP-Saal ist mehr oder weniger noch wie vor 100 Jahren“, meint sie mit Blick auf die Ergonomie. Sie hat jahrelang für einen Medizintechnik-Hersteller im Vertrieb gearbeitet, hat die Ärzte dabei auch nach ihren Wünschen gefragt und kennt ihre Nöte. Fast wie eine Ärztin erzählt sie von Hirn-Operationen an Kindern oder von Herzoperationen, bei denen der Arzt oft stundenlang vornübergebeugt mit seinen Händen arbeitet.
In nur 15 Monaten entsteht der Prototyp
Klar, dass mit fortlaufender OP-Dauer die Ermüdung zu- und die Präzision abnimmt. Das Ergebnis: „75 Prozent der Operateure haben Muskel- und Skeletterkrankungen“, berichtet Hellstern. 40 Prozent nähmen dauerhaft Schmerzmittel. Aber offen sprechen nur wenige über ihre körperlichen Probleme.
Sabrina Hellstern (rechts) und Claudia Sodha. Foto: Hellstern Medical
Aus diesem Missstand entsteht Hellsterns Geschäftsidee: Gemeinsam mit der Ingenieurin und Wirtschaftswissenschaftlerin Claudia Sodha gründet sie 2019 Hellstern medical GmbH, um einen Stützapparat zu entwickeln, der die Operateure bei der Arbeit am OP-Tisch hält und stabilisiert, egal, ob sie sitzen oder stehen. Ein Team aus Medizintechnik-Ingenieuren und Medizinern macht sich ans Werk und entwickelt rasend schnell – laut Hellstern in nur 15 Monaten – einen Prototypen des weltweit ersten sensorgesteuerten Exoskeletts, das Chirurgen während der Operation unterstützt. Komplettes Neuland: Alles musste selbst erfunden und entwickelt werden.
Das Gerät trägt den Namen „Noac“. „Das ist eine Abkürzung in Anlehnung an ,no ache’“, erklärt Gründerin Hellstern – Englisch für kein Schmerz. Das Tragesystem wird vom Rucksackspezialisten Deuter entwickelt. Ärzte setzen dabei ein ergonomisches Tragesystem, das an einem Metallgestell befestigt ist, wie einen Rucksack auf. Das Gestell stützt den gebeugten Oberkörper, der Rücken wird entlastet. Und dank ausgefeilter Sensorik und Software folgt das System dem Operateur in jede gewünschte Position. Gleichzeitig haben die Mediziner die Hände für die OP frei.
Die Nato möchte das Gerät beschaffen
Inzwischen ist das OP-Exoskelett längst als Medizinprodukt zertifiziert und hat 36 Patente weltweit. Auch im Südwesten ist man schon länger auf Hellsterns Start-up aufmerksam geworden: Bereits 2019 gab es den baden-württembergischen Gründerpreis, 2024 folgte der renommierte Eberle-Innovationspreis des Landes. Ein Vertragshersteller in Erlangen produziert die Gerätschaft. Kostenpunkt: 180.000 Euro. Eingesetzt wird er unter anderem an der Uni-Klinik in Tübingen, am Klinikum Karlsruhe und in Minden. Von Menschen, die das Gerät aus der Praxis kennen, kommt großes Lob: „Noac ist ein ausgereiftes und intuitiv zu bedienendes, robotisches Assistenzsystem, das den Chirurgen optimal unterstützt“, teilt der Neurochirurgie-Professor Uwe Spetzger am Klinikum Karlsruhe auf Anfrage mit. Die Wirbelsäule sowie die Arm- und Beinmuskulatur des Operateurs würden entlastet. „Noac erlaubt entspanntes Operieren und reduziert die körperliche Belastung des Chirurgen.“
Hellstern ist inzwischen voll mit dem Vertriebsaufbau im In- und Ausland beschäftigt. Im Frühjahr hat das Start-up eine Niederlassung in New York City eröffnet. Ein wesentlicher Baustein des Erfolgs: die enge Zusammenarbeit mit ihrer Mitgründerin Claudia Sodha, betont Hellstern: „Wir ergänzen uns optimal in unseren Fähigkeiten.“
Interesse der Nato geweckt
Ihr vorläufig letzter Coup: Mit ihrem Exoskelett fand Hellstern medical zu Jahresanfang in das Innovationsprogramm Diana der Nato Aufnahme. Das westliche Verteidigungsbündnis möchte das Gerät beschaffen, um die chirurgische Versorgung von Soldaten und Zivilisten auch im Kriegsfall sicherzustellen. „Ich sehe darin eine große Anerkennung für die Innovationskraft, gesellschaftliche Verantwortung und internationale Wettbewerbsfähigkeit made in Baden-Württemberg“, meint Sabrina Hellstern.
Als sie vor gerade einmal sechs Jahren sogar das Familienauto verkaufte und eine Hypothek auf ihr Haus aufnahm, um ihr Start-up auf den Weg zu bringen, hätte die Mutter zweier Töchter sich das nicht träumen lassen. Und wer Hellstern so zuhört, der weiß, dass dies nicht die letzte Initiative der umtriebigen Gründerin bleibt.
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