Nadia und Rouven Fiorentini, beide Mitte vierzig, nennen sich Erziehungspartner. Man könnte sie auch als WG-Eltern bezeichnen. Seit Jahren haben die beiden keine Liebesbeziehung mehr – keinen Sex, keine körperliche Nähe. Das allein hebt sie zwar noch nicht von vielen anderen Eltern ab – in Umfragen geben zwischen neun und 15 Prozent an, keinen Sex mehr zu haben. Aber im Gegensatz zu Eltern, die den Schein wahren wollen, sich wie den Kindern gegenüber, haben die beiden ihre Liebesbeziehung offiziell für beendet erklärt, ohne sich deswegen räumlich zu trennen. „Wir haben Kinder, einen Hund, eine Eigentumswohnung und Schulden – diese Verantwortung wollen wir beide weiterhin miteinander teilen“, sagt Nadia Fiorentini.
Konfliktniveau sollte erträglich sein
Gabriele Stark, erfahrene Paarberaterin, ist überzeugt, dass so ein Modell hinter verschlossenen Türen keine Seltenheit ist. „Ich glaube, wenn die Kinder noch klein sind und die Eltern genug reflektiert, versuchen sie trotz Entfremdung weiter unter einem Dach zu leben, um den Kindern weiterhin einen sicheren Hafen zu bieten“, sagt die Leiterin von Ruf und Rat, der Psychologischen Beratungsstelle Stuttgart für Lebens-, Paar- und Familienberatung der katholischen Kirche.
In offen kommunizierter Form ist Gabriele Stark das Modell jedoch noch nicht begegnet – mal abgesehen von Trennungen, bei denen finanzielle Zwänge einen Auszug unmöglich machen. Die Paartherapeutin hält das gewollte WG-Modell aber durchaus für „erprobenswert“, wie sie sagt – wenn gewisse Voraussetzungen erfüllt seien: „Kinder sollten erst dann über das Model aufgeklärt werden, wenn sie kognitiv und emotional reif genug sind“, sagt Gabriele Stark.
Vorher bestehe die Gefahr, Kinder mit Inhalten zur Elternbeziehung zu überfordern. Außerdem sollte das Konfliktniveau in der Familie für die Kinder „erträglich“ sein. „Wird zu oft und zu laut gestritten, geht es den Kindern in der Regel besser, wenn die Eltern sich auch räumlich trennen“, weiß die Paartherapeutin aus Erfahrung.
Hier aber liegt die Herausforderung: Wie trennt man sich, beginnt gar eine neue Beziehung und begegnet sich daheim trotzdem weiterhin mit Respekt? „Eine Trennung geht immer mit Verletzungen einher, denn einer will die Trennung immer mehr als der andere“, beobachtet Gabriele Stark. Entscheidend sei daher, ob es dem verletzten Elternteil gelinge, das Wohl der Kinder vor die eigene Befindlichkeit zu stellen. „Das erfordert viel psychische Stabilität“, so Stark.
Zwei Jahre lang blieb vieles unausgesprochen
Auch bei den Fiorentinis war die Trennung ein schmerzhafter Prozess. „Es gab eine Phase, in der Rouven viel arbeiten musste und ich mich als Mutter überfordert fühlte“, erinnert sich Nadia. Sie litt damals unter dem Gefühl, eine falsche Abzweigung im Leben genommen zu haben und nun in einer Sackgasse zu stecken. „Als sei mein Leben nicht so aufgegangen, wie ich es mir einst erhofft hatte.“ In dieser Zeit zog sie sich emotional von ihrem Mann zurück. „Vielleicht habe ich ihm unbewusst die Schuld für meinen Leidensdruck gegeben“, sagt sie.
Als dann der Tag kam, an dem die beiden Töchter eigene Zimmer haben wollten, schlug sie vor, dass eines der Mädchen ins Elternschlafzimmer zieht und die Eltern mit zwei kleineren Räumen vorliebnehmen.
Ihr Mann war einverstanden. „Mir war klar, dass Nadia generell mehr Raum brauchte, um mit sich ins Reine zu kommen“, erinnert er sich. Während er allerdings hoffte, dass sie später wieder zueinanderfinden, wurde ihr in dieser Phase klar, dass sie sich trennen möchte. Zwei Jahre lang lag viel Unausgesprochenes zwischen den Ehepartnern: Sie zögerte, weil sie Angst hatte, ihn zu verletzen. Er zögerte, weil er sie nicht unter Druck setzen wollte.
Das erlösende Gespräch fand, wie so oft, im Auto statt. Sie waren unterwegs in der Stadt, um Besorgungen zu machen, als er sie fragte, warum sie zurzeit so missmutig sei. „Da platzte alles aus mir heraus“, erinnert sich Nadia. Sie antwortete ihm, sie befürchte, dass er noch auf eine gemeinsame Zukunft hoffe – dass es jedoch nichts mehr zu hoffen gebe. Er atmete auf, zur Überraschung seiner Frau. „Ich hatte endlich Gewissheit und konnte emotional loslassen“, erklärt er.
Diese Aussprache hat am Alltag der Fiorentinis nicht viel geändert, zumindest nicht äußerlich. Nach wie vor kümmern sich die Eltern in bewährter Arbeitsteilung um die Belange der Töchter, den Haushalt, die Finanzen, den Hund. Keiner dachte jemals daran auszuziehen oder sich scheiden zu lassen, wie sie sagen. „Nicht nur die Kinder hätten darunter gelitten. Auch für uns wäre es schrecklich, nach 20 gemeinsamen Jahren auf einmal nicht mehr füreinander da zu sein.“ An ihrer Freundschaft würde sich auch nichts ändern, wenn einer von ihnen einen neuen Partner findet. „Das müsste man halt den Kindern einfühlsam erklären.“
Die Aussprache hat bei beiden Energien freigesetzt
Die Kinder wussten wohl schon vorher, wie es um ihre Eltern steht. „Ich fragte sie mal, ob sie eigentlich wüssten, dass wir nicht mehr zusammen sind“, erzählt Nadia. Sie sagten, das wüssten sie „schon längst“. Die Mädchen selbst wollten sich der Zeitung gegenüber nicht mitteilen.
Innerlich aber hat die Aussprache viel Energien freigesetzt. Nadia arbeitet nun deutlich mehr und geht abends regelmäßig Salsa tanzen. Rouven widmet sich mehr denn je seiner spirituellen Praxis. Täglich verbringt er morgens nach dem Aufstehen eineinhalb bis zwei Stunden mit Yoga und Meditation.
Auch die Spiritualität dürfte ihm, der länger an der Beziehung festgehalten hat, geholfen haben, die verletzten Gefühle, „das Ego“, wie er sagt, hintanzustellen. „Er bewahrt immer einen kühlen Kopf“, sagt Nadia. „Unsere ältere Tochter sagte zuletzt, sie wolle mal so werden wie ihr Vater.“
In wenigen Jahren dürften die Kinder das Elternhaus verlassen. Wie es danach weitergeht, wollen die Fiorentinis offenlassen. Vielleicht finden sie neue Partner. Vielleicht ruft das Ausland. Vielleicht bleibt die Wohngemeinschaft so, wie sie ist.
Häufige Betreuungsmodelle von getrennten Eltern
Residenzmodell
Am häufigsten leben getrennte Eltern in Deutschland nach wie vor nach dem Residenzmodell, laut aktueller Statistik sind es 20 bis 25 Prozent. Das Kind lebt hauptsächlich bei einem Elternteil und besucht regelmäßig den anderen.
Wechselmodell
Nach dem Wechselmodell wohnt das Kind abwechselnd beim einen oder anderen Elternteil, im gleichen oder ähnlichen zeitlichen Umfang. Weil immer mehr Eltern die Erziehung der Kinder als gemeinsame Aufgabe sehen, erfreut sich das Modell zunehmender Beliebtheit. Das Familienministerium gibt keine Empfehlung für eines der beiden Modelle aus. Der wissenschaftliche Beirat schreibt dazu, dass „eine differenzierte Prüfung des Einzelfalls den Interessen des Kindes in einer Trennungsfamilie am ehesten gerecht wird“.
Nestmodell
Beim Nestmodell bleibt das Kind im Familienheim wohnen, während die Eltern abwechselnd beim Kind wohnen. Das soll dem Kind Stabilität und Kontinuität bieten. In der Praxis kommt das Modell nach Angaben des Familienministeriums nur selten vor. Denn Eltern müssen dafür nicht nur gut kooperieren und kommunizieren, sondern auch in der Lage sein, sich eine weitere Unterkunft zu leisten.