„Expedition Erdreich“ Die Sache mit dem Teebeutel-Index

Mit Schäufele und Teebeutel geht’s dem Erdboden auf die Spur. Foto: Susanne Müller-Baji/Susanne Müller-Baji
Mit Schäufele und Teebeutel geht’s dem Erdboden auf die Spur. Foto: Susanne Müller-Baji/Susanne Müller-Baji

„Expedition Erdreich“: Derzeit sammeln Bürger bundesweit Daten zur Bodengesundheit – auch in Stuttgart und mit ungewöhnlichen Methoden.

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Stuttgart - Tee ist für vieles gut: Man kann ihn trinken, allerlei Wehwehchen damit behandeln und sogar Kleidung färben. Ungewöhnlicher ist da schon ein Phänomen, das man seit einigen Monaten bundesweit beobachten kann: Menschen wiegen Teebeutel und vergraben sie dann. Merkwürdig? Nein, sie beteiligen sich an der „Expedition Erdreich“ im Wissenschaftsjahr 2020/21, das im ganzen Land Daten zur Bodengesundheit sammelt.

Seit gut 20 Jahren gibt es das Wissenschaftsjahr, eine Initiative des Bundesministeriums für Bildung und Forschung. 2020/21 geht es um die Bioökonomie und darum, dass Kleines Großes erreichen könnte: Angesichts der wachsenden Weltbevölkerung, des Artensterbens und des Klimawandels sei eine Wende hin zu einer nachhaltigeren und effizienteren Nutzung biologischer Ressourcen dringend erforderlich, heißt es in der Begleitbroschüre. Und ausgerechnet in den winzigsten Lebensformen – Algen, Hefen oder Bakterien – könnte die Lösung vieler aktueller Probleme liegen. Also schaut man nun nach, wie es um die Mikroorganismen vor der eigenen Haustür bestellt ist.

Zwei Fliegen mit einer Klappe

„Expedition Erdreich“ schlage dabei zwei Fliegen mit einer Klappe, erläutert Wissensjahr-Sprecher Ramazan Yildiz: Einerseits trage sie dazu bei, flächendeckend Daten zur Bodenbeschaffenheit zu sammeln. Andererseits rücke sie das Thema aber auch mehr ins Zentrum der öffentlichen Wahrnehmung: „Wer sich daran beteiligt, nimmt auch sonst das Thema Bodengesundheit viel bewusster wahr.“ Und das ist wichtig, denn längst zeigt sich, dass es sich besser mit der Natur arbeiten lässt, als gegen sie.

Geplant war „Erdreich“ schon für 2020, wurde wegen der Pandemie aber um ein Jahr verschoben. Kerstin Nestele aus Feuerbach hatte sich schon zu Beginn für das Projekt gemeldet: Eine Freundin hatte damals an der Uni Hohenheim gearbeitet und sie auf die Aktion aufmerksam gemacht. „Und ich habe es meinerseits gleich an alle Freunde weitergeleitet, weil es doch toll ist, wenn man an so einem Projekt mitwirken kann.“ Dieses Jahr war sie unter den ersten, die ihr „Erdreich“-Päckchen erhielt, mit der genauen Beschreibung der Versuche, einer Waage, einem Schäufele und den Teststreifen zur Ermittlung des PH-Werts im Boden. Und natürlich die Teebeutel, mit denen sie nun die Bodenbeschaffenheit ihres Gartens auf dem Lemberg ermittelt.

„Deutschland sucht den Teebeutel-Index“, lacht da auch Heidi Roloff, Leiterin der ebenfalls beteiligten Cannstatter Kita „Kindervilla Anna Haag“, weil das doch ein wenig absurd klingt. Die Beutel mit Grünem Tee und Roibusch-Tee werden gewogen, vergraben und nach genau drei Monaten erneut gewogen. Der enthaltene Bio-Tee ist nämlich nichts anderes als unbehandelte Biomasse, an deren Zersetzung man ablesen kann, wie effektiv die Mikroorganismen im Boden arbeiten und wie viel Humus dabei entsteht.

Die Ergebnisse werden an die Berliner Koordinationsstelle übermittelt, wissenschaftlich ausgewertet und in eine Deutschlandkarte eingetragen. So können die Teilnehmer erkennen, welche Regionen sich beteiligt und wie sie im Vergleich abgeschnitten haben. Und wer weiß: Vielleicht liegt darin ein Impuls für eine nachhaltigere Landwirtschaft oder gegen Bodenerosion. Vielleicht war es aber auch einfach nur ein spannendes Projekt.

Mit Feuereifer dabei

Roloff erzählt, sie sei immer auf der Suche nach neuen Vorhaben für die Kindervilla, die sich auf ein naturnahes Angebot spezialisiert hat: „Dabei bin ich im Internet auf das Wissenschaftsjahr gestoßen.“ Eigentlich ist es eher auf Teilnehmer ab dem Schulalter, aber auch die kleinen Forscher von der Kindervilla sind mit Feuereifer bei der Sache. Im Moment ist der Teebeutel-Index aber vergessen: Beim Graben ist die Gruppe auf einen Regenwurm gestoßen, und der ist jetzt natürlich spannender. Da trifft es sich ja, dass ein weiteres Experiment sich darum dreht, die Artenvielfalt in einem begrenzten Stück Erdreich zu ermitteln.

Wer Lust auf Wissenschaft bekommen hat: Die Planung für 2022 läuft bereits. Das genaue Thema wird erst noch bekannt gegeben, die Bürger sollen nun aber stärker in einen Dialog mit den Wissenschaftlern treten. Weitere Informationen werden auf www.wissenschaftsjahr.de eingestellt, das aktuelle Projekt kann man auf www.expedition-erdreich.de verfolgen.




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