Experiment an deutschen Bahnhöfen Wird Frauen mit Kopftuch seltener geholfen?

Von dpa/hsp 

Einer jungen Frau fällt etwas auf den Boden. Hängt es vom Aussehen ab, ob Passanten ihr helfen? Forscher aus den USA haben dazu ein aufwendiges Experiment an deutschen Bahnhöfen gemacht.

Frauen, die eine muslimische Verschleierung  tragen – Hijab genannt – erfahren im Alltag oft Diskriminierung. Foto: dpa
Frauen, die eine muslimische Verschleierung tragen – Hijab genannt – erfahren im Alltag oft Diskriminierung. Foto: dpa

Philadelphia - Ein Mann wirft achtlos einen Kaffeebecher auf den Bahnsteig. Eine junge Frau, die auf den Zug wartet, bittet ihn, seinen Müll aufzuheben. Dann nimmt die Frau einen Anruf auf ihrem Handy entgegen. Dabei fällt ihr aus Versehen eine Tüte mit Orangen auf den Boden. Eine Alltagssituation. Tatsächlich haben US-Forscher diese Szene in Abwandlungen mehr als 1600 Mal an 29 deutschen Bahnhöfen von Schauspielern nachstellen lassen – in Nordrhein-Westfalen, Sachsen und Brandenburg. Ein aufwendiges Freiluftexperiment zum Thema Diskriminierung, an dem indirekt mehr als 7000 Menschen beteiligt waren.

Politikwissenschaftler Nicholas Sambanis und sein Team von der Universität von Pennsylvania wollten herausfinden, inwiefern es vom Aussehen der Frau abhängt, ob ihr Passanten, die in das Experiment nicht eingeweiht waren, helfen. Bekommt eine hellhäutige, offensichtlich deutschstämmige Frau häufiger Unterstützung beim Orangenaufheben als eine Frau, deren Aussehen auf einen Migrationshintergrund schließen lässt und die offensichtlich muslimisch ist, weil sie Kopftuch trägt?

Die Antwort: Ja, etwas mehr. Die vermeintliche Deutsche bekam in 84 Prozent der Fälle Hilfe, die Frau mit Hidschab in 73 Prozent der Fälle. Das schreiben die Forscher in den „Proceedings“ (PNAS) der US-nationalen Akademie der Wissenschaften. Der Mann war in der gespielten Szene immer ein hellhäutiger Deutscher. Die Frau war entweder eine hellhäutige Deutsche oder hatte eine türkische, ägyptische, syrische oder kurdische Abstammung. „Wir zeigen, dass religiöse Unterschiede zwischen Einheimischen und Immigranten im Alltag zu Befangenheit und Diskriminierung führen“, schreiben die Forscher.

Wurde der Mann nicht zuvor ermahnt, bekam die Frau seltener Unterstützung

Doch von was hängt Diskriminierung in dieser bestimmten Alltagssituation noch ab? Um das herauszufinden, variierten die Forscher die von den Schauspielern dargestellte Szene. Hatte die Frau zuvor den Mann nicht wegen des weggeworfenen Bechers ermahnt, bekam sie generell seltener Unterstützung. Im Fall einer weißen Deutschen in 73 Prozent der Fälle, im Fall der Frau mit Kopftuch in 60 Prozent der Fälle.

Bei gleichem Verhalten – Ermahnung des Mannes oder nicht – erhielt die Frau mit Hidschab also stets weniger Unterstützung als die weiße Deutsche. „Wir haben festgestellt, dass die Vorurteile gegenüber Muslimen zu ausgeprägt sind und nicht durch gutes staatsbürgerliches Verhalten überwunden werden können“, sagt Nicholas Sambanis. Dennoch hatte auch für die Frau mit Hidschab das Zurechtweisen des Mannes einen positiven Effekt: Ihr wurde dann in etwa so oft geholfen wie einer weißen Deutschen, der der Müll auf dem Bahnsteig egal war.

Zudem fiel den Forschern auf: Trug die Schauspielerin mit Migrationshintergrund ihre Haare offen, gewöhnlich in Deutschland getragene Kleidung und ein Kreuz oder kein religiöses Symbol, so wurde ihr im Durchschnitt in etwa dieselbe Hilfsbereitschaft zuteil wie der deutschen Schauspielerin. Die Forscher wählten Deutschland unter anderem wegen der vielen Einwanderer aus – aber auch, weil viele Deutsche nach Ansicht der US-Forscher zu gemeinsamen sozialen Normen neigten, insbesondere der Ordnungsliebe.

Religion scheint in der Interaktion die größere Rolle zu spielen

Religion spiele beim Umgang mit Zuwanderern wohl eine größere Rolle als ethnische Zugehörigkeit, schlussfolgern die Forscher. „Wir fanden keinen Hinweis auf ethnische Diskriminierung per se“, schreiben sie in der Studie mit Blick auf ihr eigenes Experiment. Allerdings fragte das Team um Sambanis die Passanten nicht, ob sie der Frau mit Hidschab tatsächlich wegen ihrer sichtbaren Zugehörigkeit zum Islam seltener geholfen hatten. Oder ob andere Faktoren eine Rolle spielten, etwa dass ihr aufgrund ihres Kopftuchs ein mangelnder Integrationswille unterstellt wurde.

„Es gibt immer bestimmte Symbole, die Fremdheit signalisieren“, sagt der Sozialpsychologe Ulrich Wagner von der Universität in Marburg, der nicht an der Untersuchung beteiligt war. „Und ich würde zustimmen, dass dies im Moment in Deutschland tatsächlich offen erkennbare muslimische Zugehörigkeit ist.“ Der Einschätzung Wagners nach kommt es immer wieder und in sehr vielen Gesellschaften zu Ausgrenzungen von Menschen, die bestimmten Gruppen angehören. Welche Gruppe gerade ausgegrenzt werde, hänge von politischen und zeithistorischen Umständen ab.

In der Vergangenheit hatten Studien bereits gezeigt, dass Bewerberinnen mit Kopftuch und Migrationshintergrund – erkennbar etwa am Namen – schlechtere Chancen auf einen Job haben, ganz unabhängig von ihrer Qualifikation. Auch bei der Wohnungssuche sei die Diskriminierung in Deutschland hoch, hatten Forscher aus Konstanz und München herausgefunden.