Hier waren offenbar die Herzöge von Teck zugange: Bei Erdarbeiten in Owen (Kreis Esslingen) wurden sehr alte Mauerreste entdeckt. Die Archäologen fanden außerdem einige wertvolle Zeugnisse aus längst vergangenen Zeiten.
Mauerreste aus dem 13. Jahrhundert wurden bei Erdarbeiten für den Erweiterungsbau des Owener Rathauses entdeckt. Sie gehörten wohl zur einstigen Stadtburg der Herzöge von Teck. Eine Überraschung sei der Fund indes nicht, räumt Jonathan Scheschkewitz vom Landesamt für Denkmalpflege ein. „Wir hatten das vermutet.“ Was den Experten so begeistert, sind kleine, spektakuläre Zeitzeugnisse, die vom Alltagsleben der früheren Bewohner erzählen.
Scheschkewitz hält eine daumengroße, mit einer roten Bemalung verzierte Keramikscherbe in der Hand. Das sei „Boucher Feinware“, erläutert er. Solcherart Geschirr wurde im Mittelalter in einer Töpferei in Remshalden-Bouch im Remstal hergestellt und war „von sehr hoher Qualität“. Auch die kleinen durchsichtigen Fragmente aus teurem Soda-Glas würden belegen, dass es sich in Owen um den „Amtssitz einer gesellschaftlich gehobenen Schicht“ handelt. Das Weinglas war wohl ein Import aus dem Mittelmeerraum. „Das konnte sich nicht jeder leisten“, sagt der Historiker.
Der Fund von Gefäßstücken aus Siegburger Steinzeug bestätige ebenfalls den Wohlstand der einstigen Bewohner, sagt Scheschkewitz. Diese Keramik war zu jener Zeit im süddeutschen Raum eher wenig verbreitet. In Owen habe er damit jedenfalls nicht gerechnet, räumt er ein. Das „absolute Highlight“ sind für ihn die Bodenfliesen: Geborgen wurden mehrere kleine, quadratische Platten, die zu drei verschiedenen Motiven gehören. „So etwas gab es nur in Burgen oder Klöstern.“
Stadtburg in Owen: Was ist über den archäologischen Fund bekannt?
Die archäologischen Schätze bringen etwas Licht ins Dunkel der Geschichte: „Über die kleine Burganlage ist nichts Genaues bekannt“, berichtet Scheschkewitz. In den Funden sieht er Belege für die Theorie: Demnach gründeten die Herzöge von Teck, die zu den schillerndsten Geschlechtern des Hochmittelalters gehörten, spätestens um die Mitte des 13. Jahrhunderts oberhalb des älteren, an der Lauter gelegenen Dorfes eine kleine Stadt: Owen. Erstmals wurde sie 1261 urkundlich erwähnt.
Die Bodenfliesen aus der Burganlage haben verschiedene Motive – hier ist ein Hirsch zu sehen. Foto: Elke Hauptmann
Die kleine Burganlage war möglicherweise schon vorher eine der herzoglichen Residenzen. Dafür gibt es nun einen Anhaltspunkt: Freigelegt wurde auch ein acht Meter langes Stück der Stadtmauer. Aufgrund eines kleinen Abstandes zwischen ihr und den anderen historischen Mauern wird vermutet, dass der entdeckte Keller älter ist als die Stadtmauer. Es wird angenommen, dass die Ortsadeligen in der Burg anfangs zeitweise als Vögte saßen. Der Hauptsitz der Herzöge von Teck sei zwar Kirchheim gewesen, fügt Rainer Laskowski von der Kirchheimer Archäologie AG hinzu, das Lenninger Tal gehörte aber auch zu ihrem Einflussbereich.
Im dreißigjährigen Krieg wurde die Stadtburg von den Schweden niedergebrannt und nicht wieder aufgebaut. Das Gelände wurde dann zunächst als Garten genutzt. 1837 erbaute die Stadt auf dem Platz das noch heute existierende Rathaus, Anfang des 20. Jahrhunderts kam das sogenannte Bürgermeisterhäusle hinzu. Das musste nun für den Erweiterungsbau weichen.
Kein Fenster: Vermutlich stand in dieser Nische im Mauerwerk eine Kerze, um den Keller zu erhellen. Foto: Elke Hauptmann
Als bei den Abbrucharbeiten Mauerreste zutage traten, wurde umgehend die Firma ArchäoBW mit einer sogenannten Rettungsgrabung beauftragt. „Wir waren von Anfang an eingebunden“, lobt Johannes Gaida die gute Zusammenarbeit mit der Gemeinde. „Das ist nicht überall so.“ Vier Wochen lang haben er und seine Kollegen bei Wind und Wetter auf dem Gelände alles vermessen, fotografiert und dokumentiert.
Archäologie in Owen: Keine weiteren Grabungen
Die meisten Funde stammen aus einer Grube, die laut Gaida entweder ein Brunnen oder eine Latrine gewesen sein muss. In tieferen Schichten könnten zwar noch mehr Zeitzeugnisse liegen, räumen die Historiker ein. Aber sie werden für immer im Erdreich verbleiben, eine weitere Grabung ist nicht vorgesehen. „Ich denke, wir haben das Maximum rausgeholt“, sagt Denkmalschützer Scheschkewitz. Man wolle Owen auch nicht über Gebühr belasten, betont er. Die Stadt müsse nämlich die Rettungsgrabung bezahlen. Zur Höhe der Kosten konnten noch keine Angaben gemacht werden.
Auch ein acht Meter langes Stück der Stadtmauer wurde freigelegt, berichtet Johannes Gaida. Foto: Elke Hauptmann
Das seit Jahren diskutierte Bauvorhaben kann nun endlich in Angriff genommen werden. Während die Stadtmauer bleibt und überbaut wird, dürfen die anderen mittelalterlichen Kellermauern beseitigt werden. Wie Owens Bürgermeisterin Verena Grötzinger informiert, soll mit den Rohbauarbeiten für den Erweiterungsbau im August dieses Jahres begonnen werden. Zeitgleich mit dem Anbau erfolgt die Modernisierung des historischen Rathausgebäudes. Interimsweise zieht das gesamte Verwaltungsteam Ende Juni in das Volksbankgebäude, Bahnhofstraße 10, um.
8,2 Millionen Euro kosten Neubau und Sanierung, davon muss die 3400 Einwohner zählende Gemeinde fünf Millionen Euro selbst aufbringen. Kritiker stören sich zwar an der enormen Investitionssumme, doch dass etwas gemacht werden muss, ist allen bewusst: Der Zuschnitt des Gebäudes genügt heutigen Anforderungen an einen modernen Verwaltungsbetrieb nicht, zudem braucht es Platz für weitere Mitarbeiter. Und einen barrierefreien Zugang. Im Rathausanbau ist unter anderem ein multifunktionaler Raum vorgesehen, der neben den Gemeinderatssitzungen weitere Nutzungen, etwa von Vereine, ermöglichen wird.