InterviewExperte für Digitale Ethik „Frustration führt zu Anfeindungen“

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Städtische Mitarbeiter in Nürtingen fühlen sich von Bürgern angefeindet. Wir haben den Kommunikationsexperten Oliver Zöllner von der Hochschule der Medien in Stuttgart gefragt, warum der Ton im Netz – aber nicht nur da – derzeit so rau ist.

„Wir dürfen nicht verlernen, miteinander zu reden und uns dabei in die Augen zu sehen“, sagt der Professor für Digitale Ethik, Oliver Zöllner. Foto: privat
„Wir dürfen nicht verlernen, miteinander zu reden und uns dabei in die Augen zu sehen“, sagt der Professor für Digitale Ethik, Oliver Zöllner. Foto: privat

Nürtingen/Stuttgart - Es gibt Hinweise darauf, dass der Ton in der Gesellschaft rauer wird. Das spüren derzeit auch städtische Mitarbeiter in Nürtingen. Sie fühlen sich durch Kommentare und Leserbriefe angefeindet. In den Sozialen Medien ist die Hemmschwelle dafür noch geringer, meint Oliver Zöllner. Er ist Professor für Medienforschung, internationale Kommunikation und Digitale Ethik an der Hochschule der Medien in Stuttgart.

Wie unterscheidet sich die Art und Weise der Kommunikation im Netz von der in der analogen Welt?

Die sozialen Online-Netzwerke lösen die zwischenmenschliche Kommunikation von Zeit und Raum. Man kann und soll zu jeder Tageszeit Botschaften austauschen, sieht sich aber nicht von Angesicht zu Angesicht. Das verändert die Wortwahl und führt zu Missverständnissen, da man kaum noch Untertöne oder Mimik vermitteln kann: Man versteht sich nicht richtig.

Warum ist die Hemmschwelle für beleidigende Äußerungen in Sozialen Medien geringer als im direkten Kontakt?

Das Fehlen eines realen Gegenübers senkt oftmals die Hemmschwelle für krasse oder gar beleidigende Äußerungen. In Netzwerken und Foren ist der Tonfall oft sehr ruppig, da sich die Nutzer anonym wähnen. Sie vergessen daher oft, mit anderen Menschen so respektvoll umzugehen wie im richtigen Offline-Leben.

Sind politische Instanzen in den Sozialen Medien per se ein Feindbild?

Es ist in der Gesellschaft allgemein ein Vertrauensverlust in die Politik und den Staat festzustellen. Diffuse Vorstellungen und Frustrationen führen oft zu Anfeindungen von Funktionsträgern, die pauschal als „abgehobene Eliten“ wahrgenommen werden. Angemessen ist das nicht. Es wird zunehmend schwierig, sich differenziert über Politik auszutauschen.

Verändert die Kommunikation in den Sozialen Medien die von Menschen untereinander im Allgemeinen?

Es gibt Hinweise darauf, dass der Ton in der Gesellschaft allgemein rauer wird – manche sprechen von der „Rüpel-Republik“. Das kann viele Ursachen haben. Man sollte nicht alles den Sozialen Netzwerken zuschreiben. Aber sie können ein Faktor sein. Ich glaube, wir dürfen nicht verlernen, miteinander zu reden und uns dabei in die Augen zu sehen.

Was erforschen Sie unter dem Stichwort Digitale Ethik?

Die Digitale Ethik sucht nach Werten und Haltungen für unsere digitalisierte Lebensumwelt. Computer, Algorithmen, der Einsatz von Robotern, das Sammeln und Auswerten von persönlichen Daten, die Vernetzung zu fast jeder Tageszeit – all das erfordert das Aushandeln von Regeln und Normen, für die es bis vor Kurzem noch keine Notwendigkeit gab.




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