Experte für Holzschäden Den Käfern auf der Spur

An den Gängen erkennt Robert Ott, welcher Käfer sich durchs Holz gefressen hat. Foto: Gottfried Stoppel

Schimmelnde Kirchen, Fachwerkgebäude mit Schädlingsbefall – der Sachverständiger für Holzschäden Robert Ott hilft weiter. In Gammertingen auf der Schwäbischen Alb züchtet der Zimmerer sogar Käfer, um zu lernen, wie man sie besser bekämpft.

Gammertingen - Sie hätten viele Gründe Feinde zu sein. Hier der hungrige Hausbock, Hylotrupes bajulus, zu erkennen an den zwei Schwielen am Halsschild, einer der verbreitetsten Holzschädlinge in Deutschland. Da der leidenschaftliche Zimmermann und Restaurator Robert Ott, unterwegs mit Stichling und Lupe, um als öffentlich bestellter Sachverständiger für Holzschäden bundesweit Käfer aufzuspüren. Doch wenn der 51-jährige Handwerker über jenes Insekt spricht, dessen Verhalten er seit Jahren studiert und das er sogar züchtet, klingt es liebevoll. „Ich mag es, wenn so ein Hausbockweibchen über die Finger krabbelt“, sagt er, „die sind handzahm.“

 

Der Zimmerer aus Gammertingen auf der Schwäbischen Alb ist über die Denkmalpflege auf den Käfer gekommen. Er kennt sich aus mit Fraßgängen und Splintholzbefall, er kann Rieselspuren lesen und selbst die Hinterlassenschaften von Insekten geben ihm Hinweise darauf, wer sich im Holz eingenistet und womöglich die Statik ins Wanken gebracht hat. Von Kirchengemeinden oder Kommunen wird Robert Ott gerufen, um Schlösser, Kirchen oder Fachwerkgebäude zu begutachten. Er berät verzweifelte Privatleute, in deren Haus es plötzlich vor kleinen schwarzen Punkten wimmelt, und er ist regelmäßig vor Gericht unterwegs. Seine Stellungnahmen zu Schäden helfen juristische Streitereien zu lösen. Da geht es etwa darum, ob der Handwerker Schuld hat an den Farbveränderungen auf einer teuren Holzterrasse oder womöglich der großzügig verteilte Eisendünger für den Rasen die Flecken verursacht hat.

Im Archiv liegen rund 1000 Holzstücke

Wer Robert Ott in seiner Zimmerei besucht, muss durchs Industriegebiet – zwischen dem Omnibusbetriebshof der Hohenzollerischen Landesbahn und einem Blechverarbeiter liegt der futuristische Neubau. Sein Archiv sei oben, sagt der Hausherr mit den kräftigen Händen und lotst seine Gäste an den Büros vorbei in den ersten Stock, wo in Regalen rund tausend Holzstücke lagern. Alle verschimmelt oder durchlöchert, wie ein Haufen Abfall sieht die Sammlung aus. Robert Ott, Jeans, schwarzes Polo-Shirt, praktischer Kurzhaarschnitt, greift wahllos hinein in den Fundus und zieht eine Buchenbohle heraus. „Das war der gekämmte Nagekäfer“, sagt er und könnte mit seiner Expertise in einer Rateshow auftreten. „Da rieselt es kaum. Die Larven verpressen das Bohrmehl im Holz.“ Es ist ein Mitbringsel aus einer Scheune im Schwarzwald. Eine Etage höher liegt ein Strandkiefernbalken von der Nordsee, den Bohrmuscheln systematisch ausgehöhlt haben, er diente in einem Damm zum Küstenschutz.

Auf einem Deckenbalken hat sich der Echte Hausschwamm wie ein dicker Wollteppich ausgebreitet. Der Pilz verursache eine Braunfäule, die das Holz würfelartig brechen lässt, erklärt Ott und hat schon etliche Pilzschäden begutachtet. Wo starker Regen oder ein kaputtes Dach zu feuchtem Holz führt, fühlten sich die Sporen besonders wohl. „Man muss die Ursache für die Feuchtigkeit abstellen“, sagt Ott und rät immer mal wieder dazu, Fachwerkfassaden zu verkleiden – mit Putz, Schiefer, Schindeln, was immer zum Gebäude passe.

Der Holzwurm hat am Tisch geknabbert

Ein in der Länge durchgesägtes Tischbein aus Rotbuche lehnt an einem der Regale, es ist dutzendfach perforiert. „Das ist das Schadbild des gewöhnlichen Nagekäfers, dem Holzwurm“, erklärt Ott und hat das Anschauungsstück aus dem Fruchtkasten in Herrenberg mitgebracht. Für den Fachwerkbau aus dem 17. Jahrhundert hat er ein Gutachten erstellt, bald soll die Sanierung folgen.

Oft müsse man beim Holzwurm nur warten, rät Ott. Wer eine befallene Truhe ins Wohnzimmer stelle, wo die Holzfeuchte auf wenige Prozent sinke, könne davon ausgehen, dass die Larven absterben. „Die machen höchstens noch eine Notverpuppung und schlüpfen dann.“ Den Holzwurm in Wohnhäusern zu bekämpfen sei dagegen aufwendig und teuer: Da gebe es ein Heißluftverfahren, es könne auch ein riesiges Zelt darüber gespannt und Gas gegen den Eindringling eingesetzt werden.

Sein Fachwissen gab Ott jahrelang in der Ausbildung von angehenden Restauratoren weiter, das ist ihm in letzter Zeit zu viel geworden. Er hält Fachvorträge, er hat sich bundesweit mit Wissenschaftlern vernetzt. In Kooperation mit der Berliner Bundesanstalt für Materialforschung und –prüfung lässt er den Hausbock testweise ein Zinkblech durchknabbern – und etliche Balken mit Larven liegen in Plexiglasboxen auch bereit „Ich baue eine Freiluftflugarena“, sagt Ott. Wenn in wenigen Wochen die Käfer schlüpfen, will er sie in der Voliere im Hof beobachten und fotografieren. Ihn interessiert, nach welchen Regeln sie sich paaren, wie die mitunter ziemlich aggressiven Männchen um ihre Partnerinnen kämpfen, wo die Eier abgelegt werden. Die Erkenntnisse aus seiner Zucht sollen in einen Artikel fließen, der schon in Arbeit ist.

Einerseits Schädling, andererseits Studienobjekt

In einem Schaukasten zeigt Ott zwei Prachtexemplare des bräunlich-schwarzen Hausbocks, ein Männchen und ein Weibchen, die Insekten sind längst tot. Als Zimmerer weiß er genau, wie lästig die Larven sind, die sich im Dachgebälk verbreiten und Feuchtigkeit lieben. Er setzt alles daran, um ihre Vermehrung zu verhindern. Als Hobbyentomologe sind die Käfer für ihn begehrte Studienobjekte, die Fachliteratur zu Insekten aller Art füllt in der Zimmerei und Zuhause viele Regalmeter, aus etlichen Bibliotheken hat sich Ott Aufsätze und neueste Forschungsergebnisse schicken lassen. Worte wie Ungeziefer oder Schädling mag er gar nicht, er spricht von „holzabbauenden Organismen“, was ihm auch erstaunlich flott von den Lippen kommt. „Für die Natur sind das Nützlinge“, sagt Ott „sonst würden Milliarden von Festmeter Holz in der Welt rumliegen.“

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