Experte für Innenstädte zum Kreis Esslingen „Lebendige City ist mehr als nur Handel“

Das Leben in der Innenstadt hängt nicht nur vom Wohl des Einzelhandels ab, sondern auch von Kulturprojekten wie das Straku-Festival in Esslingen. Foto: Ines / Rudel

Viel geklagt wird über den Niedergang der Innenstädte. Oliver Frey, Experte für Stadtsoziologie an der Nürtinger HfWU, warnt davor, nur die Perspektive des Einzelhandels einzunehmen. Eine lebendige City hänge von mehr ab.

Oliver Frey kennt das schon. „Der Ruf des Sterbens und Verödens der Innenstädte ist nicht neu und wurde in den letzten Jahrzehnten oft gesprochen – oft zu unrecht“, sagt der Professor für Planung und Gesellschaft an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen. Er sage nicht, dass es keine Probleme gebe, aber wie schwerwiegend diese seien, sei vor allem eine Frage der Perspektive. Die meisten Städte im Kreis Esslingen seien aus seiner Sicht sehr lebendig.

 

Er sehe die Entwicklung nicht so pessimistisch, sagt Frey: „Wir haben einen ständigen Wandel in der Gesellschaft, und den sieht man auch in den Innenstädten.“ Im Kreis Esslingen und eigentlich in ganz Baden-Württemberg seien die Städte sehr gut aufgestellt, findet er. „Oft geht das Untergangsgeschrei einher mit finanziellen Forderungen, es handelt sich dabei im Prinzip um Lobby-Arbeit für den Einzelhandel, die Gastronomie oder das Gewerbe.“ Bei der Sorge um die Innenstädte gehe es oft vor allem um die ökonomischen Aspekte des Stadtlebens. Dabei gebe es in Städten in der Regel mehrere Zentren mit teils unterschiedlichen Funktionen – also etwa auch Räume für Sport, Erholung und Freizeit neben den Räumen für Konsum.

Kultur und Ehrenamt sorgen für Leben in der Stadt

Gerade in Baden-Württemberg spielten auch die Bürgerschaft und das ehrenamtliche Engagement eine große Rolle bei der Belebung der Innenstadt – etwa in Form von Kulturveranstaltungen lokaler Vereine. „Die Kultur wird oft unterbewertet für die Innenstadt“, glaubt Frey. Dabei gebe es ganz unterschiedliche Formen von Kulturveranstaltungen, von Esskultur über Hochkultur bis hin zu Sub- und Alternativkultur. Nachdenken müsse man vielleicht auch über Aktionen ohne Konsumzwang. Zumal es sinnvoll sei, bestimmte Gruppen an die Innenstädte zu binden, die nicht zu Konsumzwecken kommen – etwa Kinder und Jugendliche oder Studierende. „Auch Menschen mit weniger Kaufkraft beleben ja die Innenstädte“, sagt Oliver Frey.

Insgesamt würde sich der Professor für Stadt- und Planungssoziologie mehr Kreativität in den kommunalen Verwaltungen wünschen. „Ich sehe Mängel in den Innenstädten, aber ich sehe auch, dass es an kreativen Instrumenten mangelt.“ Natürlich hänge es auch von den Eigentümern ab, wie die Immobilien genutzt werden. Aber gerade deshalb sei eine starke lokale Stadtplanung wichtig, die auch die privaten Akteure mit einbinde und ein positives Klima für Diskussionen und Dialog schaffe. Letztlich bleibe auch das harte Instrument der Bodenpolitik, mit dem eine Kommune die Entwicklung steuern könne – vor allem, wenn sie Grundstücke behalte und ihr hoheitliches Planungsrecht ausübe.

Chance für mehr Wohnen und Kreativität

Als Planungs- und Stadtsoziologe nehme er jedenfalls nicht nur die Perspektive von Händlern und Gewerbetreibenden ein, betont Frey. Natürlich gebe es einen Wandel in dem Bereich, für den Einzelhandel sei es stellenweise schwierig und es gebe Probleme wie etwa leer stehende Läden. „Aber das lässt sich meist lösen.“

Und selbst wenn es zu einer gewissen Schrumpfung bei Handel und Gastronomie kommen würde, wäre das aus Sicht von Frey für die Citys nicht dramatisch. „Man könnte es auch als Chance sehen für mehr Wohnen oder kreative Angebote in der Innenstadt“, findet er. „Immer zu sagen, der Handel sei das Wichtigste in der Stadt, halte ich für verkürzt.“

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