Umweltfreundlich ist Kaffee zwar nie, weil er von weit weg kommt. Doch worauf sollte man achten, wenn man ihn möglichst umweltfreundlich genießen will? Ein Kaffee-Sommelier gibt Antwort.

Klima und Nachhaltigkeit: Julia Bosch (jub)

Die Nachricht sorgt derzeit bei Kaffeetrinkern für einiges Aufsehen: Kanadische Forscher haben offenbar berechnet, dass Kaffee aus Kapseln nachhaltiger sein kann als Kaffee aus einer Filtermaschine oder einer French Press, auch Cafetière oder Kaffeepresse genannt. Dabei hatte Kapselkaffee immer so ein schlechtes Image unter der Umweltperspektive. Michael Gliss aus Köln ist Deutschlands erster Diplom-Kaffee-Sommelier, verkauft selbst nur Bio-Röstungen. Er ordnet die Ergebnisse ein.

 

Herr Gliss, kürzlich wurde eine Studie aus Kanada veröffentlicht, die besagt, dass Kaffeekapseln gar nicht so umweltschädlich sind, wie viele denken.

Zwar wurden da keine Unwahrheiten veröffentlicht, aber die Korrelation und Handhabe stimmen so nicht. Es mag ja sein, dass ein Vorteil von Kaffeekapseln darin besteht, dass das benötigte Pulver exakt abgemessen ist und man daher nicht verschwenderisch mit Kaffee sein kann – das ist tatsächlich gut für die Umwelt. Aber das ist nur ein einziger Aspekt. Kaffeekapseln bestehen in der Regel aus Aluminium. Und beim Abbau des Ausgangsstoffs Bauxit wird Raubbau an der Natur betrieben: Es werden Urwaldflächen gerodet, Wasserkraftwerke gebaut, der Rotschlamm verseucht die Umwelt, viele Menschen arbeiten dort unter unwürdigen Bedingungen. Unterdessen braucht man bei der Kaffeezubereitung mit einer French Press oder einer Espressokanne nur einen Behälter aus Edelstahl oder Glas. Und man erzeugt natürlich viel weniger Abfall.

Was halten denn Sie als Experte von Kaffeekapseln?

Das ist eine Antikultur, die sich in den letzten 20 Jahren entwickelt hat. Man kann das vergleichen mit Fertigessen aus der Dose oder der Tüte: Das ist einfach zuzubereiten, funktioniert immer, schmeckt immer gleich. Sogar Kinder können mit einer Kapselmaschine Kaffee zubereiten. Ich akzeptiere das als Bestandteil unserer Kaffeekultur, aber kann mich mit den dafür verwendeten Materialien nicht anfreunden. Dadurch werden Landschaft, Umwelt und die Menschen vor Ort geschädigt.

Michael Gliss ist Diplom-Kaffee-Sommelier in Köln. Foto: Gliss

Aber es gibt inzwischen doch kompostierbare Kaffeekapseln.

Wenn die Kaffeekapseln tatsächlich aus Holz, Maisstärke und Papier hergestellt werden, das Ganze in Deutschland passiert und sie privat kompostiert werden können, sehe ich das positiv. Aber vieles in diesem Bereich ist Greenwashing vom Allerschlimmsten – etwa wenn die Rede von Kapseln aus biologisch abbaubarem Kunststoff ist.

Was ist denn dann die nachhaltigste Art, Kaffee zu trinken?

Kaffee ist ein Genussmittel. Er wird immer über Tausende Kilometer hinweg zu uns transportiert. Deshalb kann man sich nur die Hersteller und Röstereien genau anschauen und prüfen: Wie glaubhaft ist das alles? Die Zubereitung muss letztlich für den Kunden funktionieren und ihm schmecken – egal ob es nun Kapseln sind, aus der Siebträgermaschine oder der French Press. Wichtig ist es, nicht verschwenderisch zu sein: Wenn man nur sechs Tassen Kaffee benötigt, sollte man nicht großzügig Kaffee für acht bis zwölf Tassen brühen. Und immer nur so viel Wasser aufkochen, wie man braucht.

Wie trinken Sie Ihren Kaffee am liebsten?

Das kommt auf das Wetter und meine Stimmung an. Im Winter trinke ich gerne einen doppelten Espresso mit etwas geschäumter Hafermilch, im Frühling lieber einen Espresso aus einer kleinen Tasse. Ich liebe die Vielfalt.

Erster Kaffee-Sommelier Deutschlands

Werdegang
Der 59-Jährige wollte eigentlich Tierarzt werden. Doch dann fing er als junger Mann in den 80er Jahren an, in Hotels zu jobben – zunächst in Frankreich. Dort lernte er als Barista die mediterrane Kaffeekultur kennen, während in Deutschland damals noch Filterkaffee mit Kondensmilch getrunken wurde. Später arbeitete er in der Küche und im Service von diversen Hotels in Deutschland.

Unternehmer
Über die Zeit lernte Michael Gliss immer mehr Kaffeeröstereien kennen. Ende der 90er Jahre gründete er eine eigene Agentur, um Siebträgermaschinen zu verkaufen. Im Jahr 2001 eröffnete er einen eigenen Kaffeeladen in Köln, im selben Jahr legte er seine Prüfung zum Diplom-Kaffee-Sommelier ab – als Erster in Deutschland. Heute importiert er über seinen Familienbetrieb Gliss Rohkaffee weltweit und hat eigene Bio-Röstungen.