Experte räumt mit Vorurteil auf „Wärmepumpen funktionieren auch im Altbau“
Marek Miara erforscht seit 20 Jahren Wärmepumpen und räumt mit Vorurteilen gegen die Heiztechnologie auf.
Marek Miara erforscht seit 20 Jahren Wärmepumpen und räumt mit Vorurteilen gegen die Heiztechnologie auf.
Deutschland streitet derzeit heftig über die Novelle des Gebäudeenergiegesetzes. Vom kommenden Jahr an sollen defekte Heizungen nur noch durch Anlagen ersetzt werden können, die mit mindestens 65 Prozent erneuerbaren Energien betrieben werden. Eine zentrale Lösung für viele Gebäude sollen dabei Wärmepumpen sein, über die aber viel Fehlinformation kursiert. Marek Miara forscht seit mehr als 20 Jahren über die Technologie, die mithilfe von Strom Umgebungswärme – zumeist aus der Luft – zum Heizen nutzt.
Herr Miara, Wärmepumpen gelten als der Königsweg des künftigen Heizens. Aber viele Menschen haben Angst, dass diese Technologie für ihr Gebäude gar nicht geeignet oder mit massivem Sanierungsaufwand verbunden ist.
Das stimmt heute nicht mehr. Wir haben uns beim Fraunhofer ISE im Laufe der 20 Jahre, die wir uns mit Wärmepumpen befassen, Hunderte Fälle auch im Bestand genau angesehen – darunter auch komplett ungedämmte. Sogar Häuser mit einem Heizbedarf von mehr als 200 Kilowattstunden pro Quadratmeter und Jahr – was extrem viel und sehr selten ist. Und alle diese Häuser ließen sich mit Wärmepumpen beheizen.
Obwohl Wärmepumpen in der Regel nur 55 Grad Vorlauftemperatur liefern können, wie es immer heißt?
Das ist eines der vielen Vorurteile, die so nicht mehr stimmen. Es gibt mittlerweile auch Wärmepumpen, die dank Kältemitteln wie Propan 70 oder 75 Grad Vorlauftemperatur liefern können. Allerdings sind 55 Grad für die meisten Gebäude völlig ausreichend.
Viele glauben auch, man müsse eine Fußbodenheizung einbauen, um eine Wärmepumpe nutzen zu können.
Auch das ist nicht richtig. Es geht auch mit Heizkörpern. Im Zweifel empfiehlt es sich, zumindest teilweise Niedrigtemperaturheizkörper einzusetzen. Aber das ist viel weniger aufwendig als eine Fußbodenheizung einzubauen. Es gibt leider nach wie vor viele Handwerker und leider auch Energieberater, die sagen, dass Wärmepumpen sich für viele Häuser nicht eignen. Und in aller Regel stimmt das einfach nicht. Auch der Rat, man müsse zuerst den Energiebedarf durch eine Sanierung reduzieren, erst dann habe eine Wärmepumpe Sinn, entspricht nicht mehr der Zeit. Natürlich ist es immer besser, zuerst zu sanieren, sowohl für das Klima als auch für die Effizienz der Wärmepumpe, also auch ökonomisch betrachtet, aber es ist selten unabdingbare Voraussetzung.
Warum gibt es in Deutschland so viele Vorbehalte gegen Wärmepumpen?
Was wir gerade erleben, ist keine Evolution, sondern eine Revolution. Die Regierung hat zu lange geschlafen, und jetzt muss alles plötzlich sehr schnell passieren. Das überfordert viele, zumal die ganze Diskussion sehr emotional geführt wird und nicht sachlich und an technischen Fragen orientiert. Und leider gibt es viele, die versuchen, aus der Situation journalistisch oder politisch Kapital zu schlagen. Gleichzeitig galten Wärmepumpen lange als Nischenlösung, und in Deutschland hat es traditionell einen schlechten Ruf, mit Strom zu heizen. Denken Sie nur an Nachtspeicherheizungen.
Ist das in anderen Ländern anders?
Ja, in Skandinavien, Großbritannien oder Frankreich etwa wird schon lange mit Strom geheizt. Wir sind billiges Erdgas aus Russland gewohnt – der deutsche Gaspreis war jahrelang einer der günstigsten in Europa. Gleichzeitig kostete kaum irgendwo Strom so viel wie hier, was Wärmepumpen in den Augen vieler auch wirtschaftlich nicht attraktiv erscheinen ließ. Wir sind im europäischen Vergleich mit dem Thema ziemlich hinten dran. Andere Länder sind da schon sehr viel weiter.
In der Tat ist es zurzeit ein langwieriges und teures Unterfangen, eine Wärmepumpe einzubauen, weil weder die Geräte noch Handwerker zu kriegen sind.
Jahrelang galt die Wärmepumpe als Lösung nur für Neubauten. Entsprechend niedrig waren bis vor Kurzem die Produktionskapazitäten. Aber es ist viel in Bewegung gekommen. Im letzten Jahr haben die Hersteller Milliarden Euro in neue Produktionsanlagen und Schulungszentren investiert. Auch bei der Installationsgeschwindigkeit hat sich etwas getan. Natürlich gibt es weiterhin einen großen Handwerkermangel, aber auch in dieser Richtung bewegt sich viel. Auch wenn das an den Preisen noch nicht zu merken ist: Es ist wirklich Entspannung in Sicht.
Eine Wärmepumpe inklusive Installation kostet etwa 40 000 Euro.
Nicht die Wärmepumpen sind im Moment so teuer, sondern ihr Einbau. Installateure können gerade fast jeden Preis aufrufen. Fairerweise muss man aber dazusagen, dass es bei den Preisen oft um Bestandsgebäude geht, und dann sind auch Dinge wie etwa die Entsorgung eines alten Öltanks und Ähnliches mit im Preis enthalten. Das Bild ist also ein bisschen verzerrt.
Wo läge ein realistischer Preis?
Das ist reine Spekulation. Aber eine Luft-Wärmepumpe sollte durchschnittlich nicht teurer als 10 000 bis 15 000 Euro sein. Und perspektivisch wird es auf dem Markt sicher Modelle geben, die günstiger sind. Die Installation sollte meines Erachtens ebenfalls nicht mehr als 10 000 bis 15 000 Euro kosten. Durch mehr Standardisierung und zunehmende Vereinfachung der Geräte lässt sich die Einbauzeit deutlich reduzieren, sodass auch das billiger werden müsste.
Wie steht es mit der Standardisierung?
Seit ein paar Jahren haben wir sogenannte leistungsgeregelte Wärmepumpen. Das heißt, dass eine Wärmepumpe in der Lage ist, sich mit ihrer Leistung an schwankende Außentemperaturen anzupassen. Zuvor haben sogenannte On-off-Geräte den Markt dominiert. Diese Geräte haben entweder gearbeitet oder eben nicht. Sie mussten ziemlich genau zum Wärmebedarf eines Hauses passen – was natürlich viel Expertise erfordert hat und nicht immer geglückt ist. Außerdem gab es eine Unzahl von Produkten in vielen Abstufungen. Von den leistungsgeregelten Geräten braucht es viel weniger Modelle, und es erfordert nicht ganz so viel Expertise vom Handwerker, das richtige Gerät auszusuchen. Gleichzeitig bemühen sich die Hersteller, die Installation einer Wärmepumpe zu vereinfachen. Das muss irgendwann so schnell gehen wie bei einem Gaskessel – auch wenn das Gerät komplexer ist. Und schließlich entstehen neue Geschäftsmodelle. Unternehmen wie Thermondo, Octopus oder Zusammenschlüsse wie 1Komma5° bieten eine stark reduzierte Anzahl von Modellen an und bauen sie mit eigenen, von ihnen an diesen Modellen geschulten Installateuren ein.
Eigentlich müsste man also noch ein wenig warten . . .
Die Lage ist angespannt. Und um die Klimaschutzziele zu erreichen, wird sich die Lage entspannen müssen. Das ist nur eine Frage der Zeit. Fraglos wird der Einbau einer Wärmepumpe in drei bis fünf Jahren schneller gehen und günstiger sein. Aber wenn man sich das leisten kann, würde ich niemandem empfehlen zu warten. Je schneller man von Öl oder Gas weg ist, desto besser. Aber wer wirklich noch warten will und kann, sollte vielleicht erst einmal prüfen, ob sich die Effizienz des Gebäudes verbessern lässt.
Können Besitzer von Gasetagenheizungen auf Neuerungen hoffen, die ihre Probleme lösen?
Wir forschen gerade genau an dem Thema gemeinsam mit mehreren europäischen Herstellern und Wohnungsbaugesellschaften. Angestrebt ist eine neuartige Propan-Luft-Wasser- oder Erdreich-Wärmepumpe, die ganz wenig Propan braucht und genau dieses Problem adressiert. Gasetagenheizungen gibt es übrigens fast nur in Deutschland. Auch in diesem Bereich brauchen wir dringend mehr Standardisierung. Die Niederlande beispielsweise machen schon vor, wie serielle Sanierungen gehen.
Im Moment fordern ja viele Politiker und Verbände, die Novelle des Gebäudeenergiegesetzes zu verschieben. Was halten Sie davon?
Das hielte ich für falsch, obwohl mir bewusst ist, dass das, was vor uns liegt, eine riesige Herausforderung ist. Wir haben einfach keine Zeit mehr. Wenn wir das verschieben, verringern wir auch unsere Chancen, die Klimaziele zu erreichen. In der Energiekrise des vergangenen Jahres mit ihren hohen Gaspreisen waren viele bereit, sich auf Wärmepumpen einzulassen. Dieses Momentum dürfen wir nicht verlieren. Die Bewegung und Entschlossenheit, die jetzt die Industrie, das Handwerk und auch die Verbände entwickeln, habe ich in diesem Ausmaß noch nie gesehen. Eine Verschiebung würde jetzt alle verunsichern. Schon die aktuell gesunkenen Gaspreise lassen ja manche denken, dass Gas auch für die Zukunft noch eine Option sein könnte. Und das ist es definitiv nicht.