Schlagerfachmann Rainer Moritz (Mitte 2025 in Fellbach) kennt sich nicht nur mit dem Liedgut der Schlagersängerinnen Andrea Berg (links) und Gitte aus. Foto:
Sie will „nen Cowboy als Mann“? Na, „das bisschen Haushalt“ reicht doch wohl zum Leben: Zum Weltfrauentag erinnert Rainer Moritz an Trude Herr, Marianne Rosenberg und Helene Fischer.
Dirk Herrmann
05.03.2026 - 17:53 Uhr
Er ist Literaturwissenschaftler, Romanist, Schriftsteller, Radio-Essayist, Georges-Simenon-Übersetzer – und zugleich Schlagerexperte. Vor gut einem Jahr hat Rainer Moritz auf Einladung der Buchhändlerin Gudrun Lack im Kunstvereinskeller in Fellbach (Rems-Murr-Kreis) sein Buch „Ein Lied kann eine Brücke sein“ vorgestellt und über die Musikperlen im deutschen Südwesten berichtet. Schon seinerzeit verständigten sich die Veranstalterin und der Referent auf eine besondere Fortsetzung dieses unvergesslich humorvollen Abends: Zum Weltfrauentag sollte sich Moritz doch mit dem deutschen Schlager aus weiblicher Sicht beschäftigen. Dies findet nun an derselben Stelle an diesem Samstag, 7. März, statt – wegen der Landtagswahl um einen Tag vor dem Weltfrauentag.
Herr Moritz, um das umfangreiche Thema einzukreisen, würde ich Ihnen gerne prägende Liedtitel sozusagen verbal anspielen – und Sie vollenden die Vorgabe elegant mit Ihrem Fachwissen.
Okay, dann legen Sie mal los.
Zum Anfang ein elementarer Song: „Frauen kommen...“
Moment, ich hab’s gleich, genau: „Frauen kommen langsam, aber gewaltig.“ Das ist Ina Deter, von ihr habe ich ein anderes Lied auf meiner Fellbacher Playlist, mit dem ist auch das Programm am Samstag im Kunstvereinskeller überschrieben: „Neue Männer braucht das Land.“ Das waren die 80er Jahre, und man merkt, es hat sich viel gewandelt seit den späten 40ern. Den Abend beginne ich deswegen sogar schon 1946 mit den „Capri-Fischern“ von Rudi Schuricke.
Dann springen wir gleich mal fünf Jahre weiter, 1951 an den Berliner Wannsee: „Pack die...
...Badehose ein“, das singt die siebenjährige Cornelia Froboess. Wobei das ja ein harmloseres Lied war. Die Rollen waren damals generell klar verteilt: Die Frau wusste, dass sie zuhause bleiben muss, es stand fest, dass alles auf die Ehe hinsteuert. Das hat sich noch ziemlich lange so gehalten bis zum berühmten Lied von Roy Black „Ganz in Weiß“, das typische Hochzeitslied Mitte der 60er Jahre. Es gibt dazu einen sehr schönen Song, den werde ich in Fellbach auch vorspielen, von Conny Froboess und Peter Alexander: „Verliebt, verlobt, verheiratet“ von 1963.
Was ist damit? „Cindy, oh Cindy...
...Dein Herz muss traurig sein“. Das ist das klassische Muster des maritimen Gesangsguts, des Meeresschlagers: Die Frau wartet am Kai, und er fährt hinaus auf die hohe See. Und ihr bleibt nur die Hoffnung, dass er sie nicht vergisst und nach einem Jahr heile zurückkommt. Denn eine aktive Frau, die auch aktiv erotische Wünsche äußert, das ist völlig undenkbar im Schlager der 50er und 60er Jahre. Hier haben wir nun Margot Eskens, damals eine ganz junge Sängerin, die 1956 auch mit „Tiritomba“ einen Riesenhit hatte. Aber Margot Eskens hat in diesem Lied das Pech, dass er eben nichts von Treue hält und nicht zurück kommt – und ihr bleiben nur die Tränen.
...aus Athen“: Ein ähnliches Schema, denn auch da fährt der Mann hinaus, und Nana Mouskouri wartet sehnsüchtig im Hafen. Welch’ absurde Konstellation: Sie will, dass er sie nicht vergisst in Shanghai oder Bombay. Und dann gibt ihm die dusslige Nuss einen Strauß weißer Rosen mit, also Schnittblumen. Man kann sich vorstellen, wie diese Schnittblumen nach zwei Wochen aussehen bei der Fahrt übers Meer. Die Erinnerung an die Frau ist dann doch etwas getrübt durch das modrige Rosenwasser, durch die abfallenden Blätter, da hat sich der Texter nicht viel überlegt, da wäre ein Topf Geranien besser gewesen.
„Ich will keine Schokolade...
...ich will lieber einen Mann“. Das war schon 1960 und damals tatsächlich noch sehr untypisch, so klar zu formulieren, was die Frau begehrt. Aber Trude Herr, die auch eine unkonventionelle Schauspielerin und Sängerin war, ist ein Sonderfall.
Gitte, hier im Jahr 2005, verlangte einst nur eins: „Ich will nen Cowboy als Mann!“ Foto: dpa
„Ich will nen Cowboy...
...als Mann“. Sie erinnern sich an den Songtext: Die Mutter schlägt vor, nimm doch den von der Bundesbahn – eine Idee, auf die man heute auch kaum noch käme – aber Gitte ist hart: Nein, sie will den Cowboy, weil der küssen und schießen kann, und sie will selbstständig bestimmen, wen sie als Partner nimmt – das war 1963, und sehr untypisch für die frühen 60er Jahre.
Dies hier müsste doch auch aus jener Zeit sein: „Mit 17...
...hat man noch Träume“, denn mit 17 fängt das Leben erst an – Peggy March, Mitte der 60er Jahre. 17 ist die Zauberzahl des Schlagers. Auch später, 1974, weiß Chris Roberts: „Du kannst nicht immer 17 sein“.
Oder „17 Jahr...
...blondes Haar“, Udo Jürgens. Tja, das würden sich Schlagertexter heute nicht mehr trauen. 17 wäre viel zu jung, da müsste die Frau mindestens 19 oder 20 sein. Aber „mit 20 fängt das Leben erst an“ würde ja auch komisch klingen. Der Text stammt von Thomas Hörbiger, dem Sohn des berühmten österreichischen Schauspielers Paul Hörbiger, der auch „Merci Chérie“ geschrieben hat, und der wusste, dass „mit 17“ schöner zu singen ist als die „eu“- Laute oder „o“-Laute – aber heute in unseren strengen, woken Jahren, in denen wir leben, wäre das wahrscheinlich nicht mehr statthaft, eine 17-Jährige zur Geliebten zu haben.
Nächste Kostprobe: „Das bisschen Haushalt...
...kann so schlimm nicht sein, sagt mein Mann“. Das ist ein ganz wichtiger Titel von Johanna von Koczian, der ist von 1977. Die Veränderungen erkennt man im Schlager ebenso bei Fernsehserien oder Werbefilmen für Produkte, für neue Waschmaschinen oder in der Waschmittelreklame. Das Frauenbild hat sich seit den 50er Jahren in der bundesrepublikanischen Gesellschaft stark gewandelt, und der Schlager muss darauf irgendwann eingehen. Der Schlager ist ja eigentlich ein konservatives Medium, die Texter kommen dann irgendwann trotzdem nicht umhin, auf neue gesellschaftliche Strömungen einzugehen und ihre Texte anzupassen. Man merkt das um 1970 vielleicht am deutlichsten, als in der alten Bundesrepublik viel Bewegung aufkam mit Willy Brandt als Kanzler, dann werden plötzlich die Schlagertexte anders und dann wird auch das Frauenbild anders.
Die später tragisch bei einem Autounfall verstorbene Sängerin Alexandra wusste schon 1968: „Mein Freund der Baum ist tot“. Foto: picture-alliance / dpa
„Wenn du denkst, du denkst...
...dann denkst du nur du denkst.“ Großartiges Lied von Juliane Werding. Text übrigens von Gunter Gabriel, der viele denkwürdige Schlager geschrieben hat. Er selbst kommt in diesem Lied, wenn Sie es zu Ende hören, auch vor, indem er der Frau, die die Männer über den Tisch zieht, die so trinkt wie die Männer, die Erfolg hat beim Kartenspiel – und am Schluss zuruft: „Aber morgen, morgen, da werd’ ich’s dir zeigen.“ Das ist natürlich ein frommer Traum, das wird nicht gelingen. Und Juliane Werding ist die Verkörperung dieser selbstbewussten, jungen Frau – sie war ja immer noch relativ jung, obwohl ihre Karriere schon mit „Am Tag als Conny Kramer starb“ einige Jahre zuvor begonnen hatte, aber sie verkörpert genau die Ansätze eines neuen Frauenbildes.
„Conny Kramer“ war von einem anderen Kaliber.
Das ist für mich ein Musterbeispiel für die Wendung 1970, da haben Sie plötzlich Texte, die wären zehn Jahre vorher völlig undenkbar gewesen. Nana Mouskouri hätte in den frühen 60ern nie über Drogentote gesungen. Oder Alexandras „Mein Freund der Baum ist tot“, der erste ökologische Schlager, da verändert sich ganz viel Anfang der 70er Jahre. Ich baue ja gerade bei diesem Abend noch „Heut Abend hab ich Kopfweh“ von Ireen Sheer ein, ein Sexualverweigerungslied, da spüren sie sozusagen, wie sich die Rolle der Frau verändert hat.
... ich liebe das Leben“; das ist Vicky Leandros 1975. Sie lebt ja hier in Harvestehude, und vor ein paar Jahren habe ich auf Bitte des Hamburger Abendblatts eine kleine Würdigung zu ihrem 70. Geburtstag verfasst. Aber man braucht keine zwei Minuten Recherche, um herauszufinden, dass da mit dem Alter geschummelt wurde und sie gewiss an jenem Tag nicht 70 geworden ist, sondern mindestens 72 oder 73. In meinem Jubiläumstext musste ich das ein bisschen umschiffen und habe es sinngemäß so formuliert: Wir gratulieren Vicky Leandros, die morgen, Gedankenstrich „vermutlich“, ihren 70. Geburtstag feiern wird.
Jetzt wird’s moderner: „Er gehört...
...zu mir wie mein Name an der Tür“ – das ist ein großer Song von Marianne Rosenberg, die ja eine ganz eigenwillige Karriere hat. In ihren ganz jungen Jahren war sie 15 oder 16 schon mit ihrem ersten Song „Mr. Paul McCartney“ in der ZDF-Hitparade, und sie hat Klassiker gesungen, die dann später wiederentdeckt wurden. „Er gehört zu mir“ ist in den späten 80er Jahren zu einem ikonischen Lied für die Schwulenbewegung geworden. Sie hat ein ganz ungewöhnliches Leben geführt, war mal mit Ilja Richter, dem Moderator der ZDF-„Disco“verlobt. Ganz toll auch ein anderer Klassiker, „Marleen, eine von uns beiden muss nun gehn“.
Pirschen wir uns langsam in Richtung Gegenwart: „Du hast...
...mich tausendmal belogen“. Andrea Berg wird natürlich im Fellbacher Programm auch vorkommen. Man kann in der Nähe von Stuttgart keinen Schlagerabend machen und dann Andrea Berg aus Kleinaspach übergehen. Sie gehört zu den wenigen, die in den 90er Jahren, den Nuller- und Zehner-Jahren, als der Schlager nicht mehr viel hergab, unglaublich erfolgreich war. Heute hat ihr Helene Fischer ein bisschen den Rang abgelaufen. Und sie hat natürlich Klassiker gesungen, etwa „Gefühle haben Schweigepflicht“. Da gibt es einige Lieder von Andrea Berg, die im Himmel des Schlagers einen festen Platz einnehmen.
Dennoch, die letzten Jahre hat man das Gefühl, diese Zwischenphase mit anspruchsvolleren auch politischeren Songs ist vorbei. „Atemlos...
...durch die Nacht“, klar, es wird schon ganz gut Party gemacht. Aber es stimmt, wenn man Helene-Fischer- oder Andrea-Berg-Texte anschaut, dann ist fast eine Art Rollback zu vermuten, das sind ganz klassische Schlagertexte, da ist wenig Aufbruch und Aufruhr und auch wenig Originalität. Das ärgert mich bei Helene Fischer immer, dass sie eigentlich mehr könnte als sie bietet. Bei ihren Texten wird Herz auf Schmerz gereimt. Und auch Andrea Bergs „Du hast mich tausendmal belogen“, da könnte man denken, das sei ein emanzipatorisches Lied: Hier haben wir eine Frau, die hat die Schnauze voll von dem Mann, der sie betrügt. Aber die Pointe ist das Bekenntnis: Ich würde es wieder tun mit dir. Sie sagt nicht, ich schicke den in die Wüste, sondern er ist halt ein Sauhund, aber ich verzeih’ ihm quasi alles. Tja, im Schlager der Gegenwart sind nur noch wenig emanzipatorische Ansätze zu finden.
Literatur und Schlager
Entertainer Geboren am 28. April 1958 in Heilbronn, studiert Rainer Moritz in Tübingen Germanistik, Philosophie und Romanistik. Später arbeitet er in diversen Verlagen. Von 2005 bis 2025 ist er Leiter des Literaturhauses Hamburg. Seine Lesungen und Vorträge stecken voller überraschender Erkenntnisse und sind stets ein Quell wunderbarer Ironie und haben auch in Fellbach bisher noch jedes Mal das Publikum entzückt, ja begeistert.
Event Bei seinem Abend in Fellbach, organisiert von Bücher Lack und dem Kunstverein, geht Moritz auf die Rolle der Frau im deutschen Schlager ein. Die eigentlich zum Weltfrauentag vorgesehene Veranstaltung wird nun wegen der Landtagswahl um einen Tag auf Samstag, 7. März, vorgezogen. Beginn im Kunstvereinskeller in der Cannstatter Straße 9 in Fellbach ist um 19 Uhr.