Immer mehr Verbraucher wollen kein Fleisch mehr essen, weil sie die Bedingungen ablehnen, unter denen viele Nutztiere gehalten werden. Darauf müssten die Landwirtschaft und der Handel reagieren, meint der Agrarmarketing-Experte Achim Spiller.

Wissen/Gesundheit: Werner Ludwig (lud)
Stuttgart – - Eine wachsende Zahl von Verbrauchern macht einen Bogen und Fleisch und andere tierische Produkte, weil sie die Bedingungen ablehnen, unter denen viele Nutztiere gehalten werden. Auf diese gesellschaftliche Veränderung müssten die Landwirtschaft und der Einzelhandel reagieren, meint der Göttinger Agrarmarketing-Experte Achim Spiller. „Sonst droht ihnen ein wichtiger Markt wegzubrechen.“
Herr Professor Spiller, es gibt bereits etliche Qualitätssiegel, die Fleischkäufern zusichern, dass bei der Produktion höhere Tierschutzstandards gelten. Nun geht auch noch die Initiative zum Tierwohl an den Start, die ebenfalls auf bessere Haltungsbedingungen abzielt. Sind die Verbraucher nicht schon verwirrt genug?
Achim Spiller Foto: StZ
Die Initiative zum Tierwohl verfolgt einen neuen, und wie ich finde, interessanten Ansatz. Anders als bei Qualitätssiegeln wie dem Neuland-Label oder dem Label des Deutschen Tierschutzbundes wird das Fleisch der teilnehmenden Betriebe nicht besonders gekennzeichnet. Stattdessen erheben die Einzelhändler einen Aufschlag von vier Cent auf jedes verkaufte Kilo Schweinefleisch – egal, wie es produziert wurde. Das Geld fließt in einen Fonds, aus dem Landwirte einen Bonus für jedes verkaufte Tier erhalten, sofern sie die Kriterien einhalten.
Kann das denn ohne Kennzeichnung funktionieren?
Das Problem bei den Qualitätssiegeln ist, dass sie schwer aus der Nische herauskommen. Bio-Fleisch, das ebenfalls nach strengeren Tierschutzkriterien produziert wird, hat einen Marktanteil von rund einem Prozent. Die in der konventionellen Landwirtschaft verbreiteten Qualitätssiegel von Neuland und Tierschutzbund liegen sogar noch darunter. Wir sprechen also insgesamt von knapp zwei Prozent Marktanteil bei Schweinefleisch. So lassen sich die Haltungsbedingungen kaum flächendeckend zu verbessern.
Warum ist es so schwer, die Qualitätssiegel aus der Nische herauszubringen? Es gibt doch immer mehr Verbraucher, denen Tierschutz nach eigenem Bekunden wichtig ist.
Das Problem bei der Vermarktung ist, dass von einem Schwein nur ein Viertel bis ein Drittel als Frischfleisch im Handel landet – meist in Form sogenannter Edelteile wie Kotelett oder Steak. Der größere Teil geht in die Wurst, die Gastronomie und den Export. Einen höheren Preis für Label-Produkte zahlt aber heute nur der Handel. Das Drittel oder Viertel eines Schlachtschweins, das als Frischfleisch verkauft wird, muss damit die gesamten Mehrkosten tragen, die durch höhere Tierschutzstandards entstehen. Deshalb ist dieses Fleisch im Laden so teuer, dass viele Kunden zurückschrecken.
In welcher Größenordnung bewegen sich die Preisunterschiede?
Bei einer Untersuchung der Stiftung Warentest kostete ein Kilo konventionell erzeugter Hähnchenbrust sechs bis sieben Euro, Bioware dagegen zwischen 20 und 30 Euro. Dabei bekommt ein Bio-Erzeuger für seine Schlachttiere vielleicht 1,50 Euro mehr pro Kilo. Bei Neuland, einem konventionellen, aber besonders tierfreundlichen Programm, sind die Preisstrukturen ähnlich. Auch da gibt es das Problem, dass nur ein kleiner Teil der Tiere als Hähnchenbrust verkauft werden kann. Für den Rest gibt es kaum mehr Geld. Hinzu kommt, dass in der Nische nur geringe Mengen bewegt werden. Das macht Schlachtung und Verarbeitung teuer. Aus 1,50 Euro mehr für den Landwirt werden schnell 15 Euro mehr für den Verbraucher.
Welchen Mehrpreis akzeptieren Kunden?
70 Prozent sagen, dass ihnen Tierschutz wichtig ist. Wenn entsprechend produziertes Fleisch im Laden nur 20 bis 30 Prozent mehr kosten würde, könnte man Marktanteile von bis zu 50 Prozent erreichen. Aktuell liegen wir aber oft bei 200 Prozent Mehrpreis. Nur eine sehr kleine Zielgruppe ist bereit, so viel zu zahlen.
Kann die Initiative dieses Problem lösen?
Der Ansatz geht in die richtige Richtung. Wenn es keine getrennten Warenströme gibt, gibt es auch keine höheren Verarbeitungskosten. Zudem wird der Bonus für mehr Tierschutz direkt an den Landwirt gezahlt. Das Geld kommt also dort an, wo es hingehört. Es ist ein spannendes Modell, das es so weltweit noch nicht gegeben hat.
Ein Schweinehalter kann durch die Erfüllung mehrerer Einzelkriterien pro Tier maximal neun Euro mehr erhalten. Dafür muss er den Tieren unter anderem mehr Platz gewähren. Lohnt sich das für den Betrieb?
Betriebswirtschaftliche Rechnungen zeigen, dass es sich rechnet, im Rahmen der Tierwohl-Initiative auf der gleichen Fläche weniger Tiere zu halten. Die Stallkosten pro Tier steigen zwar etwas, aber beim Hauptkostenfaktor Futter ändert sich nichts. Auch der Arbeitsaufwand ist kaum höher.
Wie viele Teilnehmer erwarten Sie?
Es ist zu erwarten, dass viele Landwirte mitmachen. Dann würde allerdings das Budget bei weitem nicht reichen. In Deutschland werden pro Jahr rund 60 Millionen Schweine geschlachtet. Bei neun Euro Bonus je Tier würden die 60 Millionen Euro, die der Handel jedes Jahr in den Fonds einzahlen will, nur für zwölf Prozent der Produktion reichen. Für alle in Deutschland produzierten Schweine bräuchte man gut eine halbe Milliarde Euro.
Ist mehr Geld in Aussicht?
Der Handel hat schon bei 60 Millionen Euro im Jahr geschluckt. Die großen Anbieter machen zwar alle mit, aber die Fleischer sind zum Beispiel nicht dabei – so wie auch einige regionale Ketten, die eigene Programme und Label haben. Bei vier Cent pro Kilo Fleisch ist das noch kein Problem, bei 40 Cent mehr gäbe es eine erhebliche Wettbewerbsverzerrung.
Das schlechte Image der Tierproduktion setzt sich bei den Schlachtbetrieben fort, wo die Beschäftigten oft unter fragwürdigen Bedingungen zu Niedriglohnen arbeiten. Brauchen wir nicht auch eine Prämie für faire Arbeitsbedingungen?
Im Prinzip schon. Allerdings reicht das Geld, das im Rahmen der Tierwohl-Initiative zusammenkommen soll, nicht einmal aus, um die drängendsten Tierschutzprobleme zu lösen. So werden nach wie vor in den meisten Schweinemastbetrieben die Schwänze der Tiere kupiert, um zu verhindern, dass sie sich gegenseitig die Schwänze abnagen. Nach EU-Recht ist das zwar verboten, aber 99 Prozent der Betriebe nutzen eine Ausnahmeregelung.
Lässt sich das Problem durch bessere Haltungsbedingungen lösen?
Auf jeden Fall. Schweine sind intelligente Tiere. Sie brauchen nicht nur genug Platz, sondern auch ausreichend Beschäftigungsmöglichkeiten – zum Beispiel Stroh, mit dem sie spielen können. Wichtig sind auch abgetrennte Bereiche für unterschiedliche Aktivitäten wie Fressen, Liegen oder Spielen. Studien zufolge würden sich solche Verbesserungen für den Landwirt rechnen, wenn er pro Tier etwa 20 Euro mehr bekäme.
Das wäre gut doppelt so viel wie im günstigsten Fall bei der Tierwohl-Initiative drin ist.
Das neue Modell springt da in der Tat zu kurz. Aber es ist ein Schritt in die richtige Richtung. Nun kommt es darauf an, die Kriterien so weiterzuentwickeln, dass sie dauerhaft zu spürbaren Verbesserungen führen. Auch auf europäischer Ebene müsste sich mehr tun.
Der Schweinemarkt ist in einer desolaten Verfassung. Gibt es da überhaupt Raum für mehr Tierschutz?
Im harten internationalen Wettbewerb sind bessere Haltungsbedingungen nicht so leicht durchsetzbar. Da verliert man schnell Marktanteile - vor allem, wenn man sich wie Deutschland primär im Niedrigpreisegment bewegt, das besonders empfindlich auf steigende Kosten reagiert.
Wie viel teurer wäre Fleisch, wenn die Tiere artgerecht gehalten und in den Schlachtbetrieben Tariflöhne gezahlt würden?
Mit 20 bis 30 Prozent höheren Verkaufspreisen könnte man schon viel erreichen. Allerdings wollen viele Verbraucher beim Fleischkauf nicht nur mehr Tierschutz, sondern auch Vorteile für sich selbst - zum Beispiel weniger Antibiotika-Rückstände, besseres Futter oder mehr Geschmack. Doch das kann die Initiative zum Tierwohl nicht garantieren.