Lauter Knall im Kopf Was ist das Exploding Head Syndrome?

Von Lukas Böhl  

Kurz vor dem Einschlafen nehmen Sie ein lautes Geräusch wahr, als würde Ihr Kopf explodieren. Dabei könnte es sich um das Exploding Head Syndrome handeln. Lesen Sie hier, was dahintersteckt.

Was war das? Foto: tommaso79 / shutterstock.com
Was war das? Foto: tommaso79 / shutterstock.com

Inhaltsverzeichnis:
 


Was ist das Exploding Head Syndrome?

Unter dem Exploding Head Syndrome (EHS) versteht man die Wahrnehmung eines kurzen, explosiven Geräusches im Kopf während des Einschlafens oder Aufwachens. Im Übergang vom Wach- zum Schlafzustand (oder vom Schlaf- zum Wachzustand) nimmt der Betroffene einen Knall in seinem Kopf wahr, der mitunter von visuellen Erscheinungen in Form von Blitzen begleitet wird.(1)

Wer das EHS zum ersten Mal erlebt, könnte dahinter eine schlimmere Ursache wie einen Schlaganfall oder eine Gehirnblutung vermuten. Allerdings geht vom EHS selbst keine Gefahr aus, da es sich dabei wahrscheinlich nur um eine Halluzination handelt. Die Nebenwirkungen einer Episode können jedoch für die Betroffenen durchaus unangenehm sein. Neben den offensichtlich schlafstörenden Eigenschaften des Phänomens können auch Angst und Unwohlsein beim Zubettgehen als Begleiterscheinungen auftreten.

Da das EHS in vielen Fällen völlig symptomfrei bleibt, reden Betroffene oftmals nicht mit einem Arzt darüber. Mitunter werden dann fälschlicherweise psychische Störungen selbstdiagnostiziert.

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Welche Erfahrungen machen die Betroffenen?

Das Exploding Head Syndrome wird von vielen Betroffenen als lauter, schmerzloser Knall im Kopf beschrieben, der einer Bombenexplosion oder einem Schuss ähnelt. Die Sensation dauert meist nicht mehr als eine Sekunde an.(2) Während manche Betroffene das Ganze als Traumerscheinung abtun, verursacht es bei anderen Angst und Unruhe. Insbesondere wenn das Geräusch mehrmals pro Nacht oder regelmäßig auftritt.

Als Begleiterscheinungen wurden außerdem gleichzeitig auftretende Lichtblitze, ein plötzliches Stechen im Kopf oder Muskelzuckungen genannt. Aus diesem Grund wird das EHS nicht selten mit Kopfschmerzen oder Migräne verwechselt, obwohl es normalerweise schmerzfrei bleibt.

Neben der Angst vor dem Einschlafen leiden die Betroffenen selbstverständlich auch unter der Schlafbeeinträchtigung und der damit einhergehenden Leistungsminderung im Alltag.

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Wo liegen die Ursachen des EHS?

Zwar tritt das Exploding Head Syndrome oftmals in Verbindung mit anderen ungewöhnlichen Schlaferfahrungen wie der Schlafparalyse auf, als alleinstehende Parasomnie ist das Phänomen jedoch noch relativ unerforscht. Somit ist auch die Ursachenforschung noch nicht abgeschlossen. Folgende Theorien stehen im Raum:(3)
 

  • Brian Sharpless, Professor an der Washington State University, vermutet als Ursache für den Knall eine verzögerte Abnahme in der Aktivität der Retikulärformation während des Wach-Schlaf-Übergangs, die zu einer kurzen Zunahme der Aktivität der sensorischen Neuronen führt.(4) Es würde sich also um eine fälschliche Überaktivität der Hörneuronen handeln. Während die visuellen und motorischen Neuronen beim Einschlafen gehemmt werden, schalten die Hörneuronen nicht ab und feuern alle gleichzeitig. So entsteht im Kopf des Betroffenen die vermeintliche Explosion. Fahren auch die visuellen Neuronen nicht herunter, kann es zusätzlich zu den Lichterscheinungen kommen.
  • Komplexe, partielle Krämpfe im Temporallappen des Gehirns.
  • Plötzliche, unwillkürliche Bewegungen im Mittelohr.
  • Eine falsch verlaufende Aufmerksamkeitsverarbeitung während des Schlaf-Wach-Übergangs, die zu einer veränderten Wahrnehmung externer auditiver oder visueller Reize führt.
  • Anzeichen einer auftretenden Migräne.
  • Nebenwirkungen durch den plötzlichen Entzug von selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmern oder Benzodiazepinen.
  • Eine Genmutation, die zu einer vorübergehenden Funktionsstörung des Kalziumkanals führt.

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Wie häufig ist der „explodierende Kopf“?

Während ältere Studienergebnisse darauf schließen ließen, das Exploding Head Syndrome betreffe vornehmlich Menschen ab 50 Jahren und im Besonderen Frauen, deuten neue Erkenntnisse darauf hin, dass die Parasomnie in allen Altersgruppen vertreten ist und allgemein viel häufiger auftritt, als man bisher angenommen hatte. So gaben in einer Studie der Washington State University aus dem Jahr 2015 18 % der 211 befragten Studenten an, das EHS schon einmal und immerhin 16,6 % bereits mehrere Episoden erlebt zu haben.(5)

Eine internationale Studie rund um Dan Denis vom Beth Israel Deaconess Medical Center in Boston befragte 1683 Teilnehmer zu ihren Erfahrungen mit dem EHS.(6) Davon gaben immerhin 29,59 % an, bereits einmal im Leben eine Episode durchgemacht zu haben, während knapp 4 % der Befragten von monatlich wiederkehrenden EHS-Episoden berichteten. Die Forscher weisen jedoch darauf hin, dass ein Teil der Befragten in speziellen Foren für ungewöhnliche Schlaferfahrungen rekrutiert worden ist, was in einem höheren Prozentsatz von Betroffenen mit anomalen Schlaferlebnissen resultiert haben könnte, als dies der Fall in der Bevölkerung ist. Nichtsdestotrotz scheint es sich beim Exploding Head Syndrome nicht um einen medizinischen Ausnahmefall zu handeln.

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Diagnose des Exploding Head Syndrome

Das Exploding Head Syndrome wurde 2005 in die zweite Ausgabe der International Classification of Sleep Disorders (ICSD) aufgenommen und ist damit offiziell als Schlafstörung anerkannt.(7) Anhand der folgenden drei Kriterien lässt sich laut ICSD das Exploding Head Syndrome diagnostizieren:

1. Beschwerde über einen plötzlichen, lauten Ton im Kopf beim Erwachen oder während des Wach-Schlaf-Überganges.

2. Plötzliche furchtsame Erregung direkt nach dem Ereignis, mitunter begleitet von einem Angstgefühl, erhöhtem Herzschlag, Schwitzen oder schnellem Atmen.

3. Die Erfahrung löst keinen signifikanten Schmerz aus.

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Behandlung und Therapie

Isoliert betrachtet ist das Exploding Head Syndrome zwar nicht gefährlich, die Begleiterscheinungen können jedoch für die Betroffenen äußerst unangenehm sein. Eine einheitliche Therapie gibt es bislang nicht. Gewisse Medikamente können in manchen Patienten die Symptome lindern, sind aber kein Allheilmittel für alle Betroffenen.

Die American Academy of Sleep Medicine empfiehlt zur Behandlung, die möglichen Ursachen anzugehen. Schlafen Sie zum Beispiel zu wenig, sollten Sie versuchen, Ihre Schlafhygiene zu verbessern und insgesamt die Schlafdauer zu verlängern. Könnte das Exploding Head Syndrome mit Stress in Verbindung stehen, kann es helfen, stressreduzierende Praktiken wie Meditation, Yoga oder Spaziergänge in den Alltag zu integrieren. Darüber hinaus sollte die Einnahme von schlafstörenden Substanzen wie Alkohol oder Drogen vermieden werden.

Aus dokumentierten Fallberichten geht außerdem hervor, dass Aufklärung und Beschwichtigung der Patienten zur Besserung der Lage beitragen können.(8)(9) Denn nicht selten ist das Exploding Head Syndrome selbstlimitierend, das heißt, es verschwindet ohne therapeutische Maßnahmen wieder.

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