Nach den jüngsten Böller-Attacken in Weilheim platzt mehreren Bürgerinnen und Bürgern der Kragen. Aus ihrer Sicht verharmlosen Stadt und Polizei die Situation.
Dass die Bevölkerung manche Dinge anders wahrnimmt als eine Stadtverwaltung, steht außer Frage. In Weilheim haben die Einlassungen von Hauptamtsleiterin Daniela Braun zu den jüngst erfolgten Explosionen allerdings für Empörung gesorgt. Gleich mehrere Bürgerinnen und Bürger meldeten sich in unserer Redaktion, weil sie sich nicht ernst genommen fühlen. Und immer wieder fällt in den Gesprächen das Wort „Angst“. Diese, so heißt es, regiere in der Stadt.
Braun hatte gegenüber unserer Zeitung erklärt, „dass es in Weilheim, wie in jeder Kleinstadt, schon mal einzelne Sachbeschädigungen gegeben hat, eine Bande aber nie auffällig geworden ist.“ Die Hauptamtsleiterin räumte zwar ein, dass die Leute verunsichert seien – und auch sie benutzte das Wort „Angst“, bezog ihre Äußerung aber auf den jüngsten Vorfall am vergangenen Wochenende, als ein sogenannter Polen-Böller einen Sachschaden von mehreren zehntausend Euro angerichtet hat.
Aus Sicht der Anwohner gibt es in der Stadt „eine Bande“
Für die Anwohnerinnen und Anwohner war die Explosion in der Nacht zum Sonntag, bei der ein VW-Bus demoliert und ein Haus beschädigt wurde, hingegen nur die Spitze des Eisbergs. „Das geht doch schon seit Jahren so und wird immer schlimmer“, betont eine Bewohnerin der Brunnenstraße, während eine andere Frau von „Zuständen wie im Wilden Westen“ spricht. Beide Gesprächspartnerinnen, die ihren Namen – Stichwort Angst – nicht in der Zeitung lesen wollen, widersprechen zudem Brauns Einschätzung, dass es in Weilheim keine Bande gebe.
„Das ist ein Gruppe aus 15 bis 20 Jungs und von denen viele mittlerweile dem Alter nach erwachsen sind. Da ist doch jede Woche irgendwas anderes“, erklärt die eine. „Es hat mit Eiern und Tomaten an den Hauswänden angefangen, dann brannten Mülleimer und schließlich wurden Autoreifen zerstochen und Fenster eingeschlagen“, sagt die andere. Zudem habe es schon direkte Gewaltandrohungen seitens der Gruppe, die unter dem Logo „#35“ firmiert, gegenüber ihrer Familie gegeben, ergänzt sie.
Was die beiden Frauen und ein Mann, der ebenfalls in der Innenstadt wohnt, darüber hinaus deutlich machen: Die Bewohner der Altstadt beugen schon seit einiger Zeit dem Schlimmsten vor. Da würden Videoüberwachungen installiert, Fenster und Türen mit Brettern oder ähnlichem verrammelt. „Und wenn man nachts rausgeht, dann nur mit Hund und einem Pfefferspray in der Tasche“, stellen alle drei unisono klar und ärgern sich darüber, dass Stadt und Polizei – so ihre Sicht – die Situation verharmlosen.
Ein Sprecher des Polizeipräsidiums Reutlingen, weist diesen Vorwurf zurück: „Die Kripo trägt derzeit alles zusammen und ermittelt nach den jüngsten Vorfällen akribisch“, sagt er. Die Explosionen hätten längst nicht mehr nur das Potenzial einer Sachbeschädigung, fügt er hinzu, und so seien entsprechende Reaktionen aus der Bevölkerung zu verstehen. „Wir sind deshalb auch sehr dahinter her, dass bei den Ermittlungen etwas herauskommt und rechnen bald mit zählbaren Ergebnissen.“
Bürgermeister Züfle will nicht spekulieren
Weilheims Bürgermeister Johannes Züfle hat zwar gleichfalls Verständnis dafür, „dass die Bürgerinnen und Bürger ihre Eindrücke schildern“, will sich aber an Spekulationen nicht beteiligen. „Das steht mir nicht zu, obwohl das, was da jetzt vorgefallen ist, schon etwas Besonderes ist. Wir sind im ständigen Austausch mit der Polizei, warten aber die Ermittlungen ab und hoffen, dass die Täter ausfindig gemacht werden“, betont der Rathauschef.
Den direkt Betroffenen indes ist das zu wenig: „Weilheim hat genug!“ „Die Stadt will doch nur ihren Glanz nicht verlieren“ „Man lässt uns im Stich.“ „Wir wollen nicht warten, bis noch Schlimmeres passiert.“ Sätze wie diese fallen von verschiedenen Seiten. Und eine Ankündigung wie „Wenn jetzt nichts unternommen wird, dann wehren wir uns selber“, lassen auf allen Seiten die Alarmglocken womöglich lauter schrillen.
Chronologie der jüngsten Explosionsereignisse
Schule
Begonnen hat die jüngste Serie, bei der in Weilheim Sprengkörper gezündet worden sind, in der Halloween-Nacht. So wurde am Morgen des 1. November an der Realschule ein komplett zerstörtes Fenster entdeckt. Die Scherben und Trümmerteile des Rollladens lagen der Polizei zufolge im weiten Umkreis verteilt, so dass man von einer enormen Sprengkraft ausging.
Auto
Diese Einschätzung bestätigte sich eine Woche später. In der Nacht zum 9. November gab es in der Kirchheimer Straße eine neuerliche Explosion. Dabei wurde ein Mini Cooper massiv beschädigt. Das Trümmerfeld erstreckte sich laut der Polizei bis zur gegenüberliegenden Straßenseite. Der angerichtete Sachschaden wurde auf rund 8000 Euro beziffert.
Kleinbus
Ein weiterer Vorfall – von der Schadenshöhe her der schlimmste – , ereignete sich in der Nacht zum vergangenen Sonntag. Ein VW-Bus, der in der Amtgasse geparkt war, wurde durch einen Sprengsatz schwer in Mitleidenschaft gezogen. Beschädigt wurden auch das Garagentor, vor dem der Wagen stand, sowie das angrenzende Wohnhaus. Der Schaden diesmal: mindestens 25 000 Euro.