Extinction Rebellion in Stuttgart Krasse Klimaschützer
Der Gruppe Extinction Rebellion gehen die Fridays-for-Future-Demos nicht weit genug. Ihre Aktivisten blockieren Straßen oder ketten sich an Bäume – auch in Stuttgart.
Der Gruppe Extinction Rebellion gehen die Fridays-for-Future-Demos nicht weit genug. Ihre Aktivisten blockieren Straßen oder ketten sich an Bäume – auch in Stuttgart.
Stuttgart - Als die Gruppe sich am Schlossplatz von der Menge löst, folgt ihr ein Polizeiwagen. Gerade noch waren Franziska Eder und fünf weitere Aktivisten Teil der 20 000 Menschen, die sich bei der Fridays-for-Future-Demo in Stuttgart für eine bessere Klimapolitik versammelten. Jetzt sind sie eine kleinere, radikalere Bewegung auf dem Weg in die Stadtmitte. Ihre blau, pink und grün leuchtenden Fahnen mit ihrem Logo, einer Sanduhr in einem Kreis, haben sie in den Taschen verstaut. Nichts soll ihren Plan verraten. Und tatsächlich biegt das Polizeiauto hinter ihnen nach einer Weile ab.
Die Gruppe gehört zu Extinction Rebellion, zu Deutsch in etwa „Rebellion gegen das Aussterben“, einer internationalen Klimaschutzbewegung. Die Rebellen machten bisher vor allem in Großbritannien von sich reden, weil sie mit ihren Aktionen um einiges weiter gehen als die gemeine Masse an Fridays-for-Future-Demonstranten.
In Stuttgart geht an diesem Freitag Franziska Eder voran. Die 25-Jährige trägt ihre Dreadlocks zum Zopf gebunden, einen Rest glitzernden Lidschatten und einen Tüllrock. Auf ihrem Weg zeichnet sich in den sonst weichen Gesichtszügen immer schärfer die Anspannung ab. „Das finde ich toll, dass ihr da seid“, sagt sie zu ihren Begleitern, „dann bin ich da oben nicht so allein.“ Die Gruppe will die Paulinenbrücke blockieren, Franziska Eder spielt dabei eine besondere Rolle.
Aus Sicht der Aktivisten tut die Regierung zu wenig. Obwohl immer mehr Menschen für eine bessere Klimapolitik auf die Straße gehen, sind Deutschlands Klimaziele nicht sonderlich ambitioniert. Extinction Rebellion fordert unter anderem eine Reduzierung der CO2-Emissionen bis 2025 auf Nettonull.
Im Kampf um Aufmerksamkeit setzen die Aktivisten auf starke Bilder. Gut gegen Böse. Baum gegen Bagger. Gewöhnliche Bürger gegen gepanzerte Polizisten. In London hatten Tausende Aktivisten im April Kreuzungen und Brücken blockiert, die Gruppe schrieb von mehr als 1400 vorübergehenden Festnahmen. Darunter Frauen, Kinder und Rentner.
Nun, an einem Freitag im September, soll es auch in Stuttgart richtig losgehen. Zwischen der Kirche St. Maria und der Tübinger Straße glänzen drei Aluminiumrohre im Gras. Eigentlich wollten die Rebellen Baumstämme besorgen, doch es fand sich kein Unternehmen, das die gewünschte Größe rechtzeitig geliefert hätte. Zu viert tragen sie die sechs Meter langen Rohre die Treppen hoch auf die Paulinenbrücke. Oben angekommen erleben sie eine Überraschung: Eine Kreuzung weiter stehen zwei Motorradpolizisten in neongelben Westen. Die Gruppe legt die Rohre vor dem Parkhaus ab. Franziska dreht sich gemächlich eine Zigarette. Wenn die Polizei jetzt kommt, ist die Aktion vorbei, bevor sie angefangen hat. Wochen der Vorbereitung wären dann umsonst gewesen.
Ein paar Tage vor der Demo hatten sich rund 30 Menschen im Linken-Zentrum Lilo Herrmann getroffen. Nach ein paar Stullen mit veganem Aufstrich gab es Rollenspiele als Aktivist, Polizist oder Passant. Die Teilnehmer ließen sich anschreien, als zusammengekauertes Päckchen oder lebloser Sack davontragen und diskutierten rechtliche Risiken einer unangemeldeten Demonstration.
Franziska Eder war das alles nicht neu, im Gegenteil. Für sie hatte der Weg in den zivilen Ungehorsam schon eine ganze Weile zuvor begonnen. Nach dem Realschulabschluss in Weinstadt begann sie zunächst eine Ausbildung als Restaurantfachkraft. Sie habe damals noch keinen Kontakt zu politisch aktiven Menschen gehabt und sich kaum für die globalen Umweltprobleme interessiert, erzählt sie. Stattdessen nahm sie Drogen und wurde depressiv. Erst 48 Wochen Therapie halfen ihr einigermaßen zurück in die Spur.
Zurück im Haus der Eltern, begann der alte Trott. Sie schlief bis zehn, ging zur Arbeit im Restaurant und kam erst um zwei Uhr nachts zurück. Die freien Wochenenden verbrachte sie erschöpft vor dem Fernseher auf der Couch. An einem Sonntag im April vergangenen Jahres klingelte abends das Telefon. Eine Partybekanntschaft aus München machte ihr einen Vorschlag: Er sei auf dem Weg in den Hambacher Forst, um sich bei den Antikohleaktivisten umzuschauen, die dort gegen die Rodung für den Energiekonzern RWE protestieren. Ob sie mitkommen wolle? Also kratzte Franziska Eder ein paar Urlaubstage zusammen und fuhr mit in den Wald.
Es regnete und war kalt, aber sie wurden warm empfangen. Überhaupt war es hier ungewohnt angenehm: „Man wurde mit niemandem verglichen, und es wurde nichts erwartet“, sagt sie, „ganz anders als in der Stadt.“ Nach einer Woche fuhr Franziska Eder nur kurz nach Weinstadt, um ihren Job zu kündigen. Danach kehrte sie für fast ein Jahr in den Wald zurück. Sie schlief erst im Auto, dann im Baumhaus mit Leiter und schließlich in Bäumen, die nur durch Klettern zu erreichen waren. Franziska Eder sagt, im Hambacher Forst habe sie nicht nur klettern gelernt, sondern sich auch innerlich weiterentwickelt. Der Wald sei für sie eine weitere Therapie gewesen.
Auf eine Erfahrung hätte Franziska Eder hingegen gern verzichtet: Bei einer Aktion der Bewegung „Ende Gelände“ besetzte sie die Grube des Tagebaus Garzweiler. Bei dem Versuch, die Aktivisten aufzuhalten, setzte die Polizei Schlagstöcke und Pfefferspray ein. In diesem Chaos bekam ihr rechter Schneidezahn einen Schlag ab. Erst spürte sie gar nichts, später bemerkte sie Blut, ein paar Wochen danach fiel der Zahn komplett aus.
Nun wohnt sie wieder in Weinstadt bei ihren Eltern – in ihrem alten Zimmer im Dachgeschoss – und wird von ihnen versorgt. Im Gegenzug hilft sie im Haushalt und im Familienbetrieb: Vater und Mutter installieren Klimatechnik. Die meiste Zeit beschäftigt sie sich aber mit dem Klimaschutz.
Zum Beispiel auf der Fridays-for-Future-Demo in Stuttgart. Franziska Eder schlendert in ein Parkhaus und steigt dort in ihr Kletterzeug. Die Motorradpolizisten auf der Paulinenbrücke fahren in einen anderen Teil der Stadt. Nun muss alles ganz schnell gehen, bevor eine neue Streife aufkreuzt. Sechs Klimaaktivisten ziehen die Konstruktion aus drei langen Metallstangen an Kletterseilen auf die Beine. Betonblöcke am Fuß der Rohre sorgen für zusätzlichen Halt. An Anfang und Ende der Brücke blockieren zwei weitere Gruppen die Straße für den Autoverkehr.
Franziska Eders Hände zittern so stark, dass sie das fingerdicke Kletterseil kaum halten kann. „Ich hab’s doch sonst immer hingekriegt“, jammert sie und fummelt weiter. Wenn gleich etwas schiefgehen sollte, stürzt sie vier Meter auf Asphalt. Endlich schafft sie es, ihr Kletterzeug an den Knoten einzuhaken. Nach etwa einer Minute ist sie oben angekommen. Zwei weitere Aktivisten ketten sich unten an die Rohre, andere halten einen Banner mit der Aufschrift „This is an Emergency“ – dies ist ein Notfall. Eine Autofahrerin steigt aus und diskutiert. Laufende Motoren brummen ungeduldig, weiter hinten im Stau wird gehupt. Nach ein paar Minuten wenden die Autos, und die Polizei sperrt den Zugang zur Brücke für weitere Autos. Franziska Eder hat es sich derweil in vier Meter Höhe in einer Hängematte gemütlich gemacht. „Guckt, der Heli ist auch schon da“, ruft sie mit Blick in den Himmel. Dort oben röhrt ein Polizeihubschrauber.
Die nächsten Stunden haben die Aktivisten die Straße für sich. Es wird geredet und gelacht, jemand spielt Gitarre, bald kommt ein Lastenrad mit Lautsprechern für Musik dazu. Nach und nach schließen sich immer mehr Menschen der Blockade an.
Franziska Eder bekommt aus der Höhe von den Gesprächen nichts mit. Stundenlang sitzt sie in ihrer Hängematte und schaut sich das Treiben an. Als es dunkel wird, stellen die Polizisten die Gruppe vor die Wahl: freiwillig gehen oder weggetragen werden. Nach langer Diskussion entscheiden die Rebellen, dass die Aktion auch ohne Festnahmen erfolgreich war. Sie sammeln den Müll zusammen und bauen die Metallkonstruktion ab.
Kurz vor Ende der Blockade lesen die Aktivisten auf ihren Smartphones die neueste Meldung: Die Maßnahmen zum Klimaschutz, die die Bundesregierung beschlossen hat, sind aus ihrer Sicht ein Witz. Am 7. Oktober wollen sie deswegen gemeinsam für einen weiteren Klimastreik nach Berlin fahren. Schon vor Wochen hat Franziska Eder online ein Formular ausgefüllt. „Wann hast du vor, wieder abzureisen?“ Franziska Eder kreuzte an: „Wenn die Rebellion erfolgreich war!“