Extrablatt-Serie »Grüß Gott, Super voll?«

Von Wolf Haas, Grafik: Teresa Präauer 

Alle Kunden werden gleich begrüßt. »Grüß Gott, Super voll?«, versuche ich mit möglichst tiefer Stimme zu sagen. Ob es an den Benzindämpfen liegt, dass der verdammte Stimmbruch nicht daherkommt? Oder bei einer alten Karre: »Grüß Gott, Normal voll?« Normal ist schwieriger mit tiefer Stimme zu sagen als Super. Vor der Ölkrise tanken alle voll. Sobald die Benzinpumpe einmal surrt und das Zählwerk flattert, ist es Zeit für die Frage aller Fragen. Mit tiefergelegter Stimme sage ich: »Öl, Wasser, Luft, alles in Ordnung?« Das Scheibenputzen ist natürlich das Wichtigste. Zuerst mit dem harten Schwamm die Insektenleichen herunterkratzen. Und dabei nicht die Antenne verbiegen. Dann mit dem weichen Schwamm. Dann mit dem Gummi das Wasser abstreifen. Da zeigt es sich. Mit einem festen Zug, dass keine Wasserstreifen bleiben! Ein Wasserstreifen ist die größte Schande für einen Tankwart. Und mit dem Papier noch das abgestreifte Wasser vom Lack tupfen. Da rollt der Rubel.

Wenn der Scheel einmal selbst kommt, dann nicht mit dem Mercedes. Sondern mit der Ente. Die gehört seiner Frau, der Mildred. Aber die Mildred kommt nie tanken, die tankt nicht gern. Der Scheel kratzt immer nur zwei Schilling Trinkgeld aus seinem kleinen, halbrunden Geldtäschchen zusammen. Manchmal zweifünfzig oder drei. Er ist aber trotzdem in Ordnung. Wenn die deutschen Touristen ihn erkennen, nickt er ihnen freundlich zu.

Keilriemen, Wischerblätter, Batterien, Biluxbirnen, Frostschutz

Der Tankstellenshop ist winzig klein. Er heißt auch nicht Shop, sondern Büro. Eingezwickt vom Autozubehör sitzt man am Kassatisch und starrt auf die Straße. Beim stundenlangen Warten kommt einem der Verdacht, dass die hin und her fahrenden Autos nur so lange kreisen, bis sie mich wieder mit leerem Tank besuchen dürfen. Das Zubehör verströmt einen sehr guten Geruch. Nur am ersten Tag ist mir schlecht geworden, seither riecht es gut. Keilriemen, Wischerblätter, Batterien, Biluxbirnen, Frostschutz, Poliermittel, Schwämme, Ölflaschen, Reservekanister. Der Kartonhänger mit den Zündkerzen ist etwas über meiner Augenhöhe an einem Nagel befestigt und kann leicht abgenommen werden. Dann kommt der Pirellikalender zum Vorschein. Aber den zeigt der Chef nur ausgewählten Kunden. Er nimmt mit Daumen und Zeigefinger seine Filterlose aus dem Mund, legt sie in den Durex-Aschenbecher und hängt den Zündkerzenhänger ab. Mir sagt er, dass ich wegschauen muss, zwinkert mir aber hinter dem Rücken des Kunden grinsend zu, während der Kunde mir hinter dem Rücken des Chefs zuzwinkert. Das Jahr hat viele Monate zu begutachten.

 

Für die Grafik der kompletten Seite bitte auf das Bild klicken.

Meistens ist nichts los. Die Autos fahren unermüdlich hin und her. Nach rechts geht es hinaus, nach links geht es hinein. In die Berge. Da drinnen leben ein paar Millionäre mit komischen Namen. Die Millionäre sind von draußen. Der Minister Scheel aus Deutschland, der Mister Mars aus Amerika. Der Spitzy ist aus Argentinien angereist. Das ist ein großer Nazi gewesen, raunen die Leute. Der hat sich lange in Argentinien versteckt. Dann hat er da drinnen die Wasserleitung gebaut. Ich warte darauf, dass er meinem Chef einmal die drei Finger vorbeibringt. Aber der Spitzy kommt nie. Der geht gern in den Wald. Der wartet auf dem Hochstand auf den Bock. So wie ich im Büro auf die Finger warte.

Der Mister Mars kommt auch nie tanken. Aber ich komme einmal zu ihm. Als heiliger Dreikönig. Grüß Gott, wir sind die Heiligen aus dem Morgenland und sammeln für die armen Kinder aus Afrika. Zu den Millionären traut man sich nicht so leicht hinein. Klingeln wir einfach einmal, vielleicht macht er uns auf, sprechen wir uns gegenseitig Mut zu, Könige unter sich. Der Scheel macht uns nicht auf, der ist irgendwo bei der Energiekrise. Der Nazi Spitzy macht uns auch nicht auf. Der sitzt mit der Flinte auf dem Hochstand. Ich wäre neugierig, wie so einer aussieht. Der hat hier alles gebaut, die Wasserleitung und alles. Vielleicht ist er doch da und hat uns lachen gehört, weil wir den Namen so lustig finden vom Nazispitzy. Aber nur der Mars lässt uns hinein. Für die armen Kinder aus Afrika lässt der nicht viel springen. Er hat es vielleicht nicht richtig verstanden. Der glaubt, wir wollen etwas für uns. Und schenkt jedem einen Stiefel mit Schokoriegeln. Ein Mars, ein Bounty, ein Nuts, ein Milky Way. Das gehört alles dem, riesige Schokoladenfabriken in Amerika. Aber das Bounty hätte er sich behalten dürfen. Während wir durch den Schnee zum nächsten Bauernhof stapfen, um für die hungernden Kinder in Afrika zu sammeln, mampfen wir alles auf. Dabei sollte ich dringend abnehmen.




Unsere Empfehlung für Sie