Extrablatt-Serie Die orangene Ente

Von Wolf Haas, Grafik: Teresa Präauer 

Da drinnen kommt lange keine Tankstelle mehr. Die Straße wird immer enger und bergiger und kurviger. Wer dort unter keine Lawine und unter keine Mure kommt, dem geht das Benzin aus. Wegen der Benzinkrise will auf einmal keiner mehr volltanken. Die Benzindiebe saugen den Treibstoff mit einem Schlauch aus den Autotanks. Darum verkaufen wir jetzt versperrbare Tankdeckel. Die versperrbaren Tankdeckel hängen neben den Zündkerzen, die den Pirellikalender verdecken. Viele tanken nur noch zwanzig Liter oder für 100 Schilling. Dann kommen sie zu Fuß zu mir. Verschwitzt und verdurstet im Sommer, halb erfroren im Winter. Benzin ausgegangen. Irgendwo da drinnen, wo sehr lange keine Tankstelle mehr kommt. Wo nur noch der Spitzy auf dem Hochstand wartet. Vorher tanken sie nicht, und jetzt kommen sie zu Fuß und sind angefressen. Da muss ich einmal schauen, ob wir noch einen Reservekanister haben, sage ich mit besorgter Miene. Obwohl wir noch drei im Büro und zwanzig im Lager haben.

Der Scheel kommt nie zu Fuß. Aber auch nie mit dem Mercedes. Er putzt die winzig kleine Windschutzscheibe der orangen Ente selbst. Natürlich macht er einen Wasserstreifen. Das sieht furchtbar aus. Aber das Scheibenputzen gibt ihm die Möglichkeit, den anderen Tankkunden den Rücken zuzuwenden. Er will weder gefilmt noch fotografiert noch angequatscht werden. Am liebsten will er nicht einmal erkannt werden. Hauptsächlich kenne ich den Scheel so seitlich von hinten, und wie lustig sich seine weißen Haare beim Hals kräuseln. Der will eben auch einmal seine Ruhe im Urlaub. Den Pirellikalender kriegt so einer natürlich nicht gezeigt.

 

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"Bist du ein Mädchen?"

Sind gerade Touristen an einer der anderen Zapfsäulen, flüstere ich ihnen zu: »Habt ihr schon gesehen, da drüben mit der orangen Ente? Das ist euer Außenminister, der Scheel.« Die zücken sofort ihre Kameras und holen sich ein Autogramm. In meinem ganzen Leben habe ich mich nicht so wichtig gefühlt. Vor Aufregung schnellt meine Stimme in die Höhe: »Öl, Wasser, alles in Ordnung? Luft okay?« Der Minister antwortet mit einer weltberuhigenden Stimme: »Alles in Ordnung.« Der Scheel ist unkompliziert. Unser Bürgermeister ist ein Arschloch. Der alte Großbauer kommt mit seinem Traktor, steigt nicht einmal ab, raucht auf der Tankstelle, gibt nie ein Trinkgeld, lässt sich jedesmal die Reifen kontrollieren und sagt zum Dank: »Lass dir endlich die Haare schneiden, oder bist du ein Mädchen?«

Dabei sehe ich aus wie der schwedische Formel-1-Fahrer Ronnie Peterson, der im Jahr der Energiekrise sein erstes Rennen gewinnt. Zu dem sagt auch keiner, er sieht aus wie ein Mädchen.

Brennwert von Kalorien

Nach der Energiekrise ist Benzin doppelt so teuer wie in den letzten Ferien. Während des Schuljahres bin ich einen Kopf gewachsen und habe zwanzig Kilo abgenommen. Jetzt bin ich auf Augenhöhe mit dem Pirellikalender. Ich habe so viele Kalorien gezählt, dass sogar meine Mathematiknote besser geworden ist. Die Leute erkennen mich nicht mehr. Wo ist das Mädchen vom letzten Jahr, fragen sie. Wie der Chef trage auch ich jetzt einen blauen Mantel. Gegen die Vorschrift. Da kann die Benzinfirma sich auf den Kopf stellen. Ob das Trinkgeld wegen der Benzinkrise geringer ausfällt oder, weil ich nicht mehr wie ein Mädchen aussehe, lässt sich nicht feststellen. Der Scheel ist jetzt Präsident. Als Ronnie Peterson im Benzinfeuer verbrennt, kostet der Liter Super schon viermal so viel wie vor der Benzinkrise. Ich frage mich, ob der Brennwert einer Kalorie mit dem Brennwert eines Benzinfeuers vergleichbar ist.

Der Scheel bleibt genau so lang im Amt wie ich auf der Tankstelle. Bis 1979. »Öl, Wasser, Luft, alles in Ordnung?«, frage ich ihn immer wieder. »Alles in Ordnung«, sagt der Scheel.




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