Extrablatt-Serie No country for young men

Von Wolf Haas, Grafik: Teresa Präauer 

Bei der Reihe „Extrablatt“ gestalten mal keine StZ-Redakteure die Zeitung, stattdessen dürfen Künstler ihre ganz eigenen Vorstellungen verwirklichen. Die neueste Ausgabe von Autor Wolf Haas und Zeichnerin Teresa Präauer führt an einen ungewohnten kulturellen Brennpunkt.

Der dritte Teil der StZ-Serie Extrablatt wurde von Wolf Haas und Teresa Präauer gestaltet. Foto: StZ
Der dritte Teil der StZ-Serie "Extrablatt" wurde von Wolf Haas und Teresa Präauer gestaltet. Foto: StZ

Stuttgart - Zeitung mal anders: Bei der Reihe „Extrablatt“ gestalten mal keine StZ-Redakteure die Zeitung, stattdessen dürfen Künstler ihre ganz eigenen Vorstellungen einer Zeitungsseite verwirklichenDie neueste Ausgabe führt an einen ungewohnten kulturellen Brennpunkt. Dafür haben sich der Autor Wolf Haas und die Zeichnerin Teresa Präauer zusammen getan. Der Titel ihrer Seite lautet "No country for young men".

Falls jemand komisch fragt, sagst du einfach, du hilfst nur ein bisschen. Ich soll nicht sagen, dass ich richtig hier arbeite, für Geld. Im Grunde ist es nicht erlaubt. Ich bin ja erst zwölf Jahre alt. Aber es fragt nie einer. Ich bin ja groß und rund, mit meinen langen, blonden Haaren und im roten Arbeitsmantel der Benzinfirma gehe ich locker als fünfzehnjähriges Mädchen durch. Manche Vollidioten versuchen sogar, mit mir zu flirten! Denen fällt nicht einmal auf, dass ich aussehe wie der schwedische Formel-1-Fahrer Ronnie Peterson.

Manchmal kommt der Scheel zu mir tanken. Das ist ein Politiker aus Deutschland. Der hat ein Ferienhaus da drinnen irgendwo. Wo die ganzen Millionäre ihre Häuser haben, der Mars und der Spitzy und so weiter. Der Minister Scheel fragt aber auch nie blöd. Der ist ganz normal in meinen Augen. Meistens kommt sowieso sein Chauffeur. Den Mercedes volltanken. Waschen tut er ihn selber, obwohl ich es gern übernehmen würde. Aber der lässt keinen an den Dienstmercedes. Und gibt mir trotzdem zehn Schilling Trinkgeld. Mein Chef lacht gutmütig über meine Freude. Der zahlt das nicht selber, da musst du dir keine Sorgen machen. Dabei hab ich mir gar keine Sorgen gemacht.

 

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Der Chef

An seiner rechten Hand hat der Chef nur zwei Finger. Die drei mittleren hat er im Krieg gelassen. In Skandinavien abgefroren. Seine Fingerzange ist ideal, um verklemmte oder zugefrorene Tankdeckel aufzukriegen. Und um lässig zu rauchen, die Filterlose zwischen Daumen und kleinen Finger geklemmt. Natürlich nicht, während er den Tankdeckel öffnet. Da wären schnell die restlichen Finger auch weg. Und die Hand und der ganze Chef und ich auch.

Der Chef kommt aber nur selten aus seinem Haus heraus. Wenn mehr als drei Autos zugleich da sind. Was ist das nur mit den Leuten, zuerst kommt stundenlang keiner, dann alle auf einmal. Drei schaffe ich leicht allein. Da kommt man noch nicht ins Schwimmen. Vier würde ich auch schaffen. Aber sobald ein viertes Auto einbiegt, dackelt der kleine Chef in seiner Knickerbocker unter dem blauen Arbeitsmantel aus dem Haus, legt die Filterlose auf der Stufe zum Shopeingang ab und öffnet mit der Fingerzange den Tankdeckel. Ich überreiche ihm die Brieftasche, damit er seinem Rang entsprechend kassieren kann. »Die zwei Schilling sind für das Mädchen«, sagen die Kunden beim Zahlen zu ihm. Diese Arschlöcher ahnen nicht einmal, dass sie es bei mir mit dem Herrn über den Pirellikalender zu tun haben.