Salafistische Umtriebe in Deutschland machen Sorgen, der Brandanschlag auf ein Asylbewerberheim schockiert. Neonazis und Islamisten haben ähnliche Motive: Hass gegen alle, die anders sind, kommentiert StZ-Redakteur Armin Käfer.

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Armin Käfer (kä)

Berlin - Seit Monaten laufen die Nachrichtenkanäle über von Horrorvideos aus den Einflusssphären des selbst ernannten Islamischen Staates im Nahen Osten. Leute, die sich für „Gotteskrieger“ halten, enthaupten ihre Opfer vor laufender Kamera. Terror-Touristen, die sich ihre verquere Lesart des Koran in deutschen Moscheen angeeignet haben, pilgern in den Dschihad. Und manche kommen auch zurück – kampferprobt und aufgeputscht, einige mit Anschlagsplänen im Gepäck.

 

Solche Eindrücke prägen ein Schreckbild des Islam. Die durch Fernsehen, Internet und andere Medien vermittelte Realität ist Teil der eigenen Wahrnehmung. Da bedarf es keiner unmittelbaren Erfahrungen mit muslimischen Nachbarn, um schlichte Gemüter Furcht zu lehren vor einer vermeintlichen Islamisierung Europas.

Der Untergang des Abendlandes steht nicht bevor

Es ist ja auch nicht so, dass es sich bei sämtlichen Facetten dieses Zerrbildes um die Vorspiegelung falscher Tatsachen handeln würde. Die Zahl der Islamfanatiker wächst – auch in Europa. In Deutschland hat die Salafistenszene, wo sich radikale Muslime tummeln, enormen Zulauf. Fakt ist aber auch: unter den vier Millionen Muslimen, die hier leben, zählt nur einer von tausend zu den Salafisten, die Gewalt für ein Gebot ihrer Religion halten. Ein paar Hundert haben sich nach Nahost abgesetzt – das entspricht einem Gewaltpotenzial im Promillebereich. Der Untergang des Abendlandes steht nicht bevor.

Auswüchse rechtfertigen keine volksverhetzende Propaganda. Es hilft aber auch nichts, die Sorgen von Bürgern, selbst wenn sie unbegründet, jedenfalls völlig überzogen sind, mit Phrasen abzutun. Bei den einschlägigen Kundgebungen in Dresden und anderswo tummeln sich eben nicht nur „Neonazis in Nadelstreifen“, sondern sehr viele unbescholtene Leute, denen man allerdings vorwerfen muss, dass sie sich leichtgläubig vor deren Karren spannen lassen. Die diffusen Ängste der Biedermänner und die niederen Instinkte der Brandstifter nähren sich aus der gleichen Quelle.

Mit Repression ist der Hass nicht aus der Welt zu schaffen

Fremdenfeindliche Demonstrationen, Proteste oder schlimmstenfalls Anschläge gegen Flüchtlingsheime – dem bösen Anschein zum Trotz herrscht in Deutschland keineswegs der Geist von gestern. Die Mehrheit denkt nicht so wie in den neunziger Jahren, als es opportun schien, davon zu faseln, dass das Boot voll sei. Das Klima im Land ist weitaus liberaler und weltoffener als damals. Leider sind aber nicht alle so aufgeklärt und tolerant, mitfühlend und barmherzig, wie es angesichts von weltweit 50 Millionen Flüchtlingen wünschenswert wäre. Das zeigen heimtückische Übergriffe wie jetzt bei Nürnberg.

Hass gegen Menschen anderer Religion oder Nationalität ist niemals zu dulden – ob er nun bei deutschtümelnden Zusammenkünften oder in Hinterhofmoscheen kultiviert wird. Mit Repression allein wird er nicht aus der Welt zu schaffen sein, nur mit beharrlicher Überzeugungsarbeit. Hier wie dort geht es letztlich darum, einem Gefühl der Entfremdung zu begegnen. Daraus erwächst engstirniges Denken.