InterviewExtremismusexperte zu rechter Gewalt in Deutschland „Geschichtsrevisionismus ist wieder en vogue“

Zum dunklen Kapitel rechter Gewalt in Deutschland zählten auch die Taten des NSU. Maegerle war parlamentarischer Berater in den NSU-Untersuchungsausschüssen. Foto: dpa
Zum dunklen Kapitel rechter Gewalt in Deutschland zählten auch die Taten des NSU. Maegerle war parlamentarischer Berater in den NSU-Untersuchungsausschüssen. Foto: dpa

Bildung hilft gegen rechte Umtriebe nur bedingt, sagt der Extremismusexperte Anton Maegerle. Der Rechtsstaat muss dem auch entgegentreten.

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Hilke Lorenz (ilo)
WhatsApp E-Mail LinkedIn Flipboard Pocket Drucken

Stuttgart -

Der Extremismusexperte Anton Maegerle hat in vier Jahrzehnten eigenhändig eine Sammlung über rechtsextreme Umtriebe im Deutschland zusammen getragen. Weil er immer wieder massiven Drohungen ausgesetzt war, lebt er mit Polizeischutz und sein Name ist ein Pseudonym. Bildung hilft gegen rechte Umtriebe nur bedingt, sagt der Extremismusexperte Anton Maegerle im Interview mit unserer Zeitung. Der Rechtsstaat muss dem auch entgegentreten.

Herr Maegerle, Sie haben Ihre Sammlung und eine Datenbank über die rechte Szene ins Archiv gegeben. Warum?

Die in vier Jahrzehnten eigenhändig zusammengetragene Sammlung und das Wissen sollen das Ende meiner beruflichen Tätigkeit überdauern und für die Zukunft erhalten bleiben – und das zentral an einer Stelle, dem Generallandesarchiv in Karlsruhe, an der sich die interessierte Zivilgesellschaft informieren und recherchieren kann. Es ist Wissen, das weiterhin in die Schulen, Universitäten und Öffentlichkeit muss. Aus Sicherheitsgründen bin ich erleichtert, dass das Archiv nun an einem gesicherten Ort und nicht mehr in unserem Haus lagert.

Wie kam es zu dieser Schenkung?

Als Konsequenz aus den beiden NSU-Untersuchungsausschüssen des Landtags haben die demokratischen Fraktionen über die Gründung einer Dokumentationsstelle diskutiert, die Informationen über rechtsextreme Strukturen und Netzwerke sammeln und der Öffentlichkeit und Forschung zugänglich machen soll. Da ich parlamentarischer Berater in den NSU-Untersuchungsausschüssen war, war bekannt, dass ich über dieses Archiv verfüge. Der Initialfunke zur Gründung der Dokumentationsstelle ging von der Landtagsfraktion der Grünen, namentlich der Landtagsabgeordneten Alexander Salomon und Jürgen Filius aus.

Die Beschäftigung mit dem Thema Rechtsradikalismus war nicht immer ungefährlich für Sie. Was hat Sie immer weitermachen lassen?

Das Bedrohungsszenario durch militante Rechtsextremisten war immer wieder belastend. Mein Dank gilt den Polizisten, die über lange Zeit hinweg 24 Stunden am Tag für meinen Personenschutz zuständig waren. Ich bin in einer sehr geschichtsbewussten Familie mit sozialdemokratischen Wurzeln aufgewachsen. Der Blutzoll, den die Sozialdemokratie durch rechtsextreme Täter in Gestalt des Nationalsozialismus erlitten hat, war immer wieder Gesprächsthema. Mit dem Aufkommen der sogenannten Republikaner im Jahr 1983 wurde der Rechtsextremismus zu meinem Thema.

Wie schätzen Sie die aktuelle Situation ein?

Ich hoffe, dass mit dem Wahlsieg des Demokraten Joe Biden und der Niederlage des Neofaschisten Trump demokratische Kräfte weltweit wieder Auftrieb erhalten. Hoffnung macht mir, dass sich seit dem Ende der NSDAP rechtsextreme und rechtspopulistische Bewegungen und Parteien in Deutschland immer wieder selbst demontiert haben beziehungsweise demontieren. Jeder in diesen Kreisen möchte Führer und nicht Geführter sein.

Judensterne bei den Impfgegnern, Sophie-Scholl-Vergleiche bei anderen– ist das eine Frage mangelnder Bildung, oder soll damit bewusst die Erzählung der Nazigräuel neu geschrieben werden?

„Zwei Dinge sind unendlich, das Universum und die menschliche Dummheit“, soll Albert Einstein gesagt haben. Bildung schützt nur bedingt vor rechtsextremen Einstellungen. Geschichtsrevisionismus ist dank der Radaurhetorik der AfD in manchen Kreisen wie denen der Corona-Leugner derzeit en vogue. Vielleicht wäre es besser, wenn Medien nicht immer über die lautesten Hass-Prediger berichten würden. Aufklärung ja, aber kein medialer Transport von Hetze in die Wohnstuben.

Was hilft dagegen?

Einen Königsweg zur Eindämmung rechtsextremer Orientierungen gab und gibt es nicht. Unser Rechtsstaat hat jedoch mehrfach bewiesen, dass er rechtsextremer Hetze und Lügen mit demokratischen Mitteln begegnen kann. Wichtig erscheint mir, dass eine wehrhafte Demokratie ihren Feinden Grenzen aufzeigen muss. Wer trotz Pandemie keine Maske tragen will und damit bewusst Mitmenschen schaden kann, wer gerichtsfeste Geschichtstatsachen willentlich verfälscht, leugnet und wahrheitsresistent ist, dem muss der Rechtsstaat mit allen Mitteln des Gesetzes begegnen.




Unsere Empfehlung für Sie