Extremsport-Aktion „Steffi rennt“ Die Qual zum Geburtstag

Rems-Murr: Martin Tschepe (art)

18.13 Uhr, Heubach – 90 Kilometer. Die Läuferin wechselt die völlig durchnässte Kleidung. „Besonders gut rieche ich nicht mehr“, sagt sie. Es folgt eine etwas längere Pause. Steffi gehe es „den Umständen entsprechend“, sagt ein Teammitglied. Sie sei schon ziemlich kaputt. Sie kommt an ihre Grenzen. Bis dato hat sie noch nie einen Lauf absolviert, der länger war als 100 Kilometer. Es schneit immer noch, es wird wieder ein bisschen kälter, und es gilt, den steilen Rosenstein zu bezwingen.

Tag 2 um 0.03 Uhr, Mögglingen – 111 Kilometer. Steffi Praher erreicht an ihrem 30. Geburtstag die sechste von 13 Etappen. Sie hat sich dieses Geburtstagsgeschenk seit Monaten gewünscht und selbst geschenkt. Es gibt ein Stück Geburtstagskuchen, kurze Ruhepause. Wie ist die Lage? „Scheiße, den Rest machen wir auch noch.“ Dieser Rest ist noch 140 Kilometer lang, selbst für gut trainierte Marathonläufer kaum vorstellbar. Oliver Halder, Projektsprecher und Hauptorganisator des Benefizlaufs, gibt den aktuellen Spendenstand durch. „Wir sind bei rund 6700 Euro.“ Das motiviert.

8.55 Uhr, Schwäbisch Gmünd – 133 Kilometer. Der Koch serviert jetzt zu den Salzkartoffeln auch eine Nudelvariation. Steffi Praher füllt ihre Trinkflasche mit Pfefferminztee auf. Eine Begleiterin im Wohnmobil sagt: „Steffi ist wieder top drauf.“ Gut die Hälfte ist geschafft.

Ein schwerer Gang

13.54 Uhr, Götzenbachtal, Lorch – 153 Kilometer. Steffi Praher ist gezeichnet vom Lauf, hat leuchtend rote Wangen und Ränder unter den Augen. Ihr Gang ist schwer. Mittlerweile gehören Walkingstöcke zur Ausrüstung. Sie sitzt im Wohnmobil und sagt: „Das ist wirklich nicht mehr lustig.“ Sie will niemanden sprechen, keinen Zuschauer, keinen Reporter. Dann beißt sie in das dick mit Butter bestrichene Brötchen, das sie unterwegs telefonisch beim Team bestellt hat. Außerdem gibt es Banane, Ananas und einen Hustentee. Die Sonne lugt aus den Wolken, doch die Luft bleibt eiskalt. Auch das Supporterteam ist hundemüde. Eine Begleiterin sagt: „Steffi ist mental stark.“ Oliver Halder guckt skeptisch: „Wer gewinnt – der Körper oder der Geist?“ Aktueller Kontostand: 8000 Euro. Ganz kurz hinlegen, ein paar Minuten schlafen. Dann beantwortet Steffi Praher doch eine Frage: „Wie geht’s?“ – „Scheiße.“ Ein Grinsen huscht über ihr Gesicht, ein kurzer Hustenanfall, dann zurück auf die Piste.

Warum diese Qualen? Immer mehr Menschen suchen Grenzerfahrungen, wollen etwas erreichen, was noch niemand geschafft hat. Sie schwimmen in eiskaltem Wasser, rennen durch die Wüste, stürzen sich mit einem Fallschirm auf dem Buckel und Skiern an den Füßen in die Tiefe. Psychologen sprechen von „Angstlust“. Auch Steffi Praher kennt das Gefühl. Sie will ihre Angst überwinden, sie sucht den Kitzel – und das erlösende Glücksgefühl danach.

18.28 Uhr, Plüderhausen – 170 Kilometer. Gestützt auf ihre Stöcke erreicht Steffi Praher ihren Heimatort. Sie sieht jetzt völlig fertig aus und will unbedingt kurz schlafen. In der Thomas-Mann-Straße warten ein paar Freunde und ihre Eltern auf sie. Die Frage „Was tut weh?“ kann sie nicht mehr hören. Alles tut weh. Ihre Mutter sagt: „Ich bin stolz auf meine Tochter.“ Steffi habe schon immer einen eisernen Willen gehabt, schon als kleines Mädchen. Ein Dutzend Hobbyläufer wollen mit einsteigen in die Tour. Sie werden freundlich aber bestimmt ausgeladen. Sie will einfach ihre Ruhe.




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