Extremsport lässt Eltern bangen Kinder, die gefährlich leben
Bungee-Springen, Free-Solo-Klettern oder Paragliding – wie verhalten sich Eltern richtig, wenn ihre erwachsenen Kinder zu riskanten Hobbys neigen?
Bungee-Springen, Free-Solo-Klettern oder Paragliding – wie verhalten sich Eltern richtig, wenn ihre erwachsenen Kinder zu riskanten Hobbys neigen?
Stuttgart - „Ein Schrei, und mein Herz setzte aus“, beschreibt Julius’ Mutter die Schrecksekunde. Sie sah auf dem kleinen Handydisplay den Körper ihres Sohnes vor einer schroffen Felswand in die Tiefe stürzen – an einem Gummiband. Kaum hatte er wieder festen Boden unter den Füßen, schickte er das Video vom neuseeländischen Taupo nach Berlin-Schöneberg – sehr stolz und auch ein bisschen trotzig. Dass er Bungee-Jumping ausprobieren wollte, hatte er vor seiner Abreise lauthals verkündet und alles Bitten und Betteln der Mutter prallte an der Entschlossenheit des 19-Jährigen ab. „Ich bin volljährig“, hielt er achselzuckend dagegen, „ich kann machen, was ich will.“
Dagegen ist zwar wenig einzuwenden, aber: Wie können Eltern erwachsener Kinder damit umgehen, wenn die Kinder gefährliche Sachen machen? Wie soll man reagieren, wenn man keine wirkliche Handhabe hat? Man kann versuchen zu reden, was meistens bedeutet, ihnen die Abenteuerlust auszureden – aber das bringt natürlich gar nichts. Also, was soll man machen? Beim Paragliding, Freeclimbing oder Kitesurfen in der Nähe sein und nur leicht bangen?
„Die Wahrnehmung des Risikos spiegelt meist nicht die wahren Gefahren wider,“ sagt Peter Groß, Psychotherapeut aus Köln, und rät, erst mal ruhig zu bleiben und nicht dem Kind die eigenen Ängste überzustülpen. „Wenn ich von meinem Sohn höre, um Himmels willen, Kitesurfen will er also, denke ich als Erstes, das klingt sehr gefährlich.“ Doch wenn man der spontanen Angstaufwallung nicht erliege und weiter darüber nachdenke, „merkt man, dass man dabei nur ins Wasser fallen kann.“
Gegen die Angst der Eltern hilft das allerdings noch nicht viel. „Je mehr man versucht, die schützende Hand über die Kinder zu halten“, berichtet der Psychotherapeut Peter Groß, „desto größer wird die Angst, nicht aber die Gefahr.“ Besorgnis zu äußern, wenn das Kind beispielsweise ungesichert an der Felswand emporklettern will oder einen Motorradtrip durch die Wüste plant, sei völlig legitim, „aber nur im Sinne einer Beratung“, erklärt Groß und macht unmissverständlich klar: „Verbieten hat keinen Sinn, und schon lange vor dem 18. Geburtstag ist es blödsinnig, etwas einfach durchsetzen zu wollen.“ Er erinnert an das, was Eltern oft vergessen: Erwachsene Kinder sind keine Kinder mehr. Sie haben ihr eigenes Leben und sind nicht dazu da, ihre Eltern zufrieden zu machen oder ihnen Sorgen zu ersparen. Schutzkleidung kann man anbieten, beunruhigende Berichte zum riskanten Unterfangen zitieren, den Erwerb lebensrettender Fähigkeiten anheimstellen.
Aber man solle die Kinder nicht mit den eigenen Ängsten belämmern, findet Peter Groß. „Sorgen sind negative Fantasien über die Zukunft, die noch nicht eingetroffen ist“, sagt er lachend. „Sie kommen nicht über einen, sondern man macht sie sich selbst.“ Und da könne man gegensteuern, indem man sich klarmache, dass Kinder auch lernen müssen, in unsicheren Verhältnissen klarzukommen.
„Eine Erziehung zur Ängstlichkeit beherrscht uns heute“, sagt er und beschreibt das Bild der Karawanen von Eltern vor den Schulen, das die Weltneugier und das Selbstvertrauen der Kinder unterminiert. Es sagt: „Alles ist gefährlich. Du könntest verunglücken“, und die Botschaft heiße: „Trau dich nicht.“ Dabei sei das beste Lernen das Erfahrungslernen, „das Experiment macht klug“.
Lesen Sie auch: Menschen auf der Suche nach dem ultimativen Kick
Eltern wollen ihre Kinder immer ein bisschen zu sehr beschützen. Der ausgleichende Faktor ist der Widerstand der Kinder. Sie wollen Neues kennenlernen, ihre Fähigkeiten erproben, Fehlschläge riskieren und Leute kennenlernen, die nicht die Meinung der Familie vertreten. Versagt man ihnen das, hat man es bald mit einem ängstlichen, misstrauischen Kind zu tun, das sich selbst nichts zutraut.
Kinder müssen für sich sein dürfen. Sie brauchen unbeaufsichtigte Wege und Zeiten, in denen sie sich unabhängig von den besorgten Erwachsenen austesten können. Sie müssen Fehler machen und daraus lernen dürfen. Leib wie Seele brauchen Ballaststoffe – schlechten Umgang, etwas gefährliche Situationen.
Wenn wir ihnen das vorenthalten, behindern wir ihr Potenzial. Das müssen wir aushalten. Das Leben ist nun mal lebensgefährlich, und ein übertriebenes Gefühl der Bedrohung nährt die Eltern-Paranoia, die die eigentliche Aufgabe, sich überflüssig zu machen, leicht verdrängt. Man braucht ein bisschen Vertrauen in den Lauf der Dinge. Und besonders viel Vertrauen in das eigene Kind, das übrigens selbst auch Wert darauf legt, am Leben zu bleiben.
„Vertrauen ist die beste Mitgift“, sagt auch Peter Groß. Im Hinterkopf muss man die Idee wachhalten, dass nicht alles so furchtbar tragisch ist, dass nicht jeder Irrweg in die Katastrophe führt. Kinder werden ängstlich und unselbstständig, wenn wir sie in ihrer Kreativität und Freiheit zu sehr beschränken – und Eltern müssen das Loslassen lernen, Stück für Stück und immer ein bisschen mehr. In Wahrheit sind Unfälle beim Bungee-Jumping äußerst selten, sagt die Statistik. Es gibt kaum ein wirklich erhöhtes Risiko.