Stuttgart - Sengende Hitze, eisiger Regen, kräftezehrende Berge, mieser Straßenbelag – wenn er erst mal in Fahrt ist, ist der Extremsportler Jonas Deichmann, 33, durch nichts aufzuhalten. Doch dann kommt so ein kleines, fieses Virus daher und bringt nicht nur den Lauf der Welt komplett aus dem Tritt, sondern wirft auch die Pläne des gebürtigen Stuttgarters über den Haufen.
In diesen Tagen wollte Jonas Deichmann eigentlich zu einem Unternehmen aufbrechen, das die Welt noch nicht gesehen hat: Er wollte schwimmend, laufend, radelnd im Alleingang den Globus umrunden. Okay, um von Asien in die USA und von den USA nach Europa zu gelangen, wäre Deichmann in ein Segelboot gestiegen. Die Disziplin „Übers Meer laufen“ hat er noch nicht drauf. Aber wer die Rekorde des Ausdauersportlers verfolgt hat, könnte auf die Idee kommen, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis der Typ das auch noch packt.
Wie wär’s mit einem Triathlon um die Welt?
In den vergangenen Jahren hat Jonas Deichmann auf dem Rad so ziemlich jeden Langstreckenrekord geknackt. Er ist von Alaska nach Feuerland geradelt, von Portugal nach Wladiwostok, vom Nordkap nach Kapstadt – alles in Bestzeit und ohne Begleittross. „Eigentlich“ sagt Deichmann, „habe ich auf dem Rad alles erreicht. Da war es gar nicht so einfach, etwas Neues zu finden.“
Es musst etwas her, das Deichmanns bisherigen Leistungen in den Schatten stellt. Also beispielsweise in einem 120-fachen Triathlon die Welt zu umrunden. Wer die Weltrekorde des Ausnahmeathleten im Blick hat, findet kaum einen Grund, warum der verrückte Hund das nicht schaffen sollte. Doch dann kam Corona, sorgte für geschlossene Grenzen und bremste die Weltumrundungspläne des Extremisten.
Deichmann ist nicht der Typ, der sich auf die faule Haut legt und auf bessere Zeiten wartet. „Warum umrundest du nicht die Schweiz?“, fragte ihn sein Vater, der in der Alpenrepublik lebt. Deichmann junior überlegte, musste aber feststellen, dass die Bergwelt sein Vorwärtskommen hemmt – und entschloss sich, die Grenzen von Deutschland abzuschwimmen, abzuradeln und abzulaufen. Start ist am 20. oder 21. Juli in Lindau.
Leichtes Warm-up
Dort wird er erst mal ins Wasser steigen und mit einem Minifloß im Schlepptau den Bodensee der Länge nach durchschwimmen. Danach wird er aufs Bike wechseln und im Uhrzeigersinn auf 2800 Kilometern die deutschen Landesgrenzen abfahren. Die letzten Kilometer – genau genommen sind es 680 – wird er laufenderweise vom Bayerischen Wald bis nach Lindau absolvieren Am Ende wird Jonas Deichmann die 16-fache Ironman Distanz hinter sich gelassen haben.
Sein Deutschland-Projekt nennt der Berufsabenteurer und Motivationscoach „ein leichtes Warm-up“ – denn nach einer dreiwöchigen Ruhephase will er am 20. September doch noch zur großen Weltreise aufbrechen und von München aus den Globus umrunden – so es die Corona-Pandemie zulässt.
Minimalist einen Neoprenanzug
Derzeit trainiert Jonas Deichmann in Norwegen, wie immer ohne Trainer und ohne ausgeklügelten Trainingsplan. Es macht einfach das, was er am liebsten tut: sich fortbewegen. Im 13 Grad kalten Fjordwasser trägt der Minimalist einen Neoprenanzug – ansonsten schleppt er so wenig wie möglich mit. Um die acht Stunden dauert eine Trainingseinheit – die ist im Vergleich zur Vorbereitung abwechslungsreich: Da platzierte er sein Velo auf einer Rolle vor einer weißen Wand. Fernsehapparat und Radio wurden ausgeschaltet. Dann strampelte er los – zehn Stunden, bis der Wecker klingelte.
„Norwegen ist ideal für meine Vorbereitung“, erzählt Jonas Deichmann am Telefon. „Du kannst als Triathlet problemlos dein Bike oder deine Kleider irgendwo deponieren und musst nicht fürchten, dass hinterher was fehlt.“