Am Ziel erzählte der gebürtige Stuttgarter den wartenden Reportern, dass er erst mal ausspannen und Kässpätzle essen wolle. Aber so ganz ging der Plan des sportiven Extremisten, der so gar nichts Extremistisches und Zwanghaftes an sich hat, nicht auf, zumindest, was das Ausspannen anbelangt. Seit Anfang Dezember bestreitet Jonas Deichmann einen Medienmarathon, wie er ihn selbst nicht für möglich gehalten hätte. „Das ist anstrengender, als 5000 Kilometer durch Mexiko zu laufen“ sagt er – und schmunzelt.
Wir sitzen im Foyer des SWR-Funkhauses in der Wilhelm-Camerer-Straße. Seit Jonas Deichmann wieder in Deutschland ist, war er Gast in mindestens zehn Talkshows, gab unzählige Zeitungsinterviews, kann sich vor Anfragen wegen Firmenvorträgen kaum retten. Am Abend zuvor war er für ein „Landesschau“-Interview schon mal im Funkhaus. In einer Stunde wird ihn der Kollege Wolfgang Heim für die Hörfunksendung „SWR 1 Leute“ ans Mikrofon bitten. Anschließend geht es nach Mannheim, wo Jonas Deichmann zwei amerikanischen Sportmagazinen Rede und Antwort stehen wird.
Ruhepuls von 38
Kein Problem für den Vielgereisten, der neben Deutsch fließend Englisch, Spanisch, Portugiesisch und Schwedisch spricht und in diesen Sprachen auch Vorträge hält. „Das sind alles Sprachen, die man in Ländern spricht, in denen ich schon einige Zeit verbracht habe.“ Klingt fast so, als wolle er sich für seine Vielsprachigkeit entschuldigen. Ein bisschen Norwegisch und Italienisch kann der Mann übrigens auch, der mal auf die Frage, ob er gerade einen festen Wohnsitz habe, antwortet: „Ja, auf meinem Fahrrad.“
Bleibt bei dem Terminstress dieser Tage nicht sein Bewegungsdrang auf der Strecke, den er im zurückliegenden Jahr so ausgiebig ausleben konnte? Jonas Deichmann schüttelt den Kopf: „Wenn ich mehrere Interviews in einer Stadt habe, versuche ich, von Termin zu Termin zu joggen. Da komme ich dann schon mal auf zehn Kilometer am Tag.“ Eine Strecke, bei der der Sportler mit einem Ruhepuls von 38 kaum auf Betriebstemperatur kommen dürfte.
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Ganz unschuldig ist Jonas Deichmann, einst Verkaufsmanager einer IT-Firma, nicht, was den Medienhype um seine Person betrifft. Wer wollte, konnte seine Welt-Tour in den sozialen Medien verfolgen. Als er in München über die Ziellinie fuhr, durfte er bereits „Das Limit bin nur ich“ signieren, ein 256 Seiten umfassendes Buch zum Giga-Triathlon. Zwei Co-Autoren hatten das Werk, von Deichmanns Videocalls und Sprachnachrichten gespeist, verfasst. Eine abendfüllende Dokumentation soll im April 2022 in die Kinos kommen.
Seit Mexiko ist alles anders
Man kann ohne Übertreibung sagen, dass die Firma Jonas Deichmann Adventures derzeit gut im Geschäft ist, wiewohl dahinter nur zwei Personen stecken: Jonas und sein Vater Sammy Deichmann, der in der Schweiz lebt und dem Athleten den Rücken freihält, wenn er gerade mal wieder die Sportlerwelt um einen Rekord reicher macht. „Seit drei Jahren kann ich von meinem Beruf leben“, sagt Jonas Deichmann. „Inzwischen sogar richtig gut.“ Denn seit Mexiko ist alles anders.
Bevor er den fünftgrößten Staat auf dem amerikanischen Doppelkontinent durchquert hat, war Deichmann vor allem als Einzelkämpfer in Erscheinung getreten, der auf dem Rad einen Langstreckenrekord nach dem nächsten zerlegte und hauptsächlich in der Radszene bekannt war. Zwischen September und November 2019 schaffte er die 18 000 Kilometer lange Strecke vom Nordkap nach Kapstadt in gerade mal 72 Tagen – und war damit 30 Tage schneller als der bisherige Rekordhalter. Mit seiner jüngsten Expedition hat Deichmann aufgehört, bestehende Bestleistungen zu übertrumpfen, er setzte sich ein Ziel, das noch niemandem vor ihm in den Sinn gekommen war: schwimmend, laufend und radelnd die Welt zu umrunden. Ein Satz, der, leicht variiert, ein paarmal in unserem Gespräch fällt, lautet: „Das Schwierigste ist, an die Startlinie zu kommen.“ Das ist wohl Teil der Deichmann’schen Lebensauffassung, die nicht nur für den Sport gilt. Küchenpsychologisch verkürzt könnte man sagen: Hängt nicht nur euren Träumen nach, sondern verwirklicht sie.
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Doch nun endlich nach Mexiko, jenes Land, das Deichmann im Laufschritt nahm. Als Fußgänger war er nahbarer als der schnelle, behelmte Typ auf dem Rad. „Was es bedeutet, zwei- oder dreihundert Kilometer am Tag auf dem Rad zu sitzen, kann sich kaum jemand vorstellen“, sagt er. „Kaum haben sie dich gesehen, bist du schon wieder weg.“ Ganz anders der Läufer, der sich mit einem Wägelchen im Schlepp in einer Geschwindigkeit bewegt, die manche zum Mitlaufen animiert. Und wenn es nur für ein paar Kilometer ist.
Der deutsche Forrest Gump
Anfangs nahmen vor allem lokale Medien von Deichmann Notiz. Dann heftete sich eine Straßenhündin an seine Fersen, folgte ihm über 130 Kilometer auf Schritt und Tritt, schlief nachts vor seinem Zelt. Dem Läufer war La Coqueta ans Herz gewachsen, aber er wusste, ewig kann sie nicht mitlaufen. „Spätestens in Mexico City wäre sie im Verkehr verloren gewesen“, sagt Deichmann. Einige seiner Follower im Netz griffen ihm unter die Arme und fanden eine Familie, die die Hündin aufnahm. Als ein großer TV-Sender die Geschichte aufgriff, war Deichmann von einem auf den nächsten Tag bekannt wie ein bunter Hund und wurde als der deutsche Forrest Gump gefeiert. Der Vergleich mit der berühmten Filmfigur kam nicht von ungefähr, mit seinem inzwischen mächtigen Vollbart und der Bubba-Gump-Shrimp-Baseballkappe hätte man ihn für ein Tom-Hanks-Double halten können.
Nun war es vollends vorbei mit dem Single-Dasein des Ausnahmeathleten aus Alemania. „Da haben sich unglaubliche Szenen abgespielt, die ich nie vergessen werde“, erzählt Deichmann. „Da läufst du, umringt von 40 Polizisten mit Maschinengewehren, die dich Marschlieder singend begleiten. Und denkst, du bist im falschen Film, wenn sie für dich Kreuzungen absperren, damit du ungehindert weiterlaufen kannst.“ Manchmal war die Unterstützung auch belastend, etwa wenn er durch eine Gegend lief, in der die Melonen reif waren. Ehe er es sich versah, war Deichmann um etliche Früchte reicher und sein Anhänger um zig Kilo schwerer. Ein Geschenk abzulehnen ging nicht, also trabte er brav weiter bis zur nächsten Biegung und übergab die Last den Polizisten. „Die haben sich riesig gefreut.“
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Ob er jemals ans Aufgeben gedacht hat? Die Frage kann man sich sparen. Jonas Deichmann ist ein gnadenloser Optimist. Selbst die Pandemie konnte ihn nicht ausbremsen. Sieben Wochen saß er mit dem Rad in der Türkei fest, weil er kein Visum für Russland bekam und der Weg nach Osten versperrt schien. Er spielte mit dem Gedanken, die Welt in Westrichtung zu umrunden. Dann tat sich doch noch eine Tür auf. Auch als ihm in Mexiko aus heiterem Himmel ein Knöchel zu schaffen machte, ließ sich Deichmann nicht entmutigen. Als es nicht besser wurde, beschloss er, einen Erholungstag einzulegen – und lief statt der üblichen 50 bis 60 Kilometer nur 35. „Ich habe fest daran geglaubt, dass das irgendwann wieder weggeht“, sagt er. Der Glaube kann offenbar nicht nur Berge versetzen.
Ausreden redet er sich aus
Dabei ist Jonas Deichmann weit davon entfernt, seinen Trip zu verklären. „Natürlich gibt es auch schlimme Momente.“ Als er an der kroatischen Küste zur Insel Pag schwimmen wollte, wurde er von der Nacht eingeholt. „Eigentlich dachte ich, die paar Kilometer schaffst du. Aber dann kam ich in eine Strömung, mit der ich nicht gerechnet hatte.“ Panik habe ihn in der Dunkelheit keine ergriffen, aber ganz ohne Begleitboot wurde ihm im offenen Meer mulmig. „Du kannst zwar die Silhouette der Insel erkennen, aber keine Entfernung mehr abschätzen. Da weißt du, du solltest jetzt besser nicht hier sein.“
Man kommt nicht umhin, Deichmann zu fragen, was ihn antreibt. Eigentlich, sagt er, gehe es darum, seine Grenzen auszuloten und sie zu verschieben. „Die meisten Projekte scheitern, bevor sie beginnen. Denn Ausreden gibt es immer.“ Offenbar ist Jonas Deichmann ein Meister darin, sich Ausreden auszureden. Das wirkt, wenn man diesen lebenbejahenden Menschen so reden hört, ansteckend. Es müssen ja nicht gleich 120 Triathlons sein.