Extremwetter 1976 Und es war Sommer
Die Monate April bis September 1976 haben sich durch die einzigartige Kombination aus extremer Hitze und Dürre tief ins kollektive Gedächtnis eingegraben. Ein Rückblick.
Die Monate April bis September 1976 haben sich durch die einzigartige Kombination aus extremer Hitze und Dürre tief ins kollektive Gedächtnis eingegraben. Ein Rückblick.
In manchen Regionen zeigt das Thermometer mehrere Wochen lang Tag für Tag zwischen 32 und 34 Grad an: sengende Sonne, ausgetrocknete Flüsse, braune Wiesen, aufgeplatzter Asphalt in ganz Deutschland. Es sind Hitzetote zu beklagen, das Vieh verendet, die Ernte verdorrt. Was nach einer typischen Omegalage in Zeiten des Klimawandels klingt, liegt 50 Jahre zurück: es ist der Sommer 1976. In diesem Jahr gab es in Deutschland den letzten Extremsommer, der noch nicht mit der globalen Erderwärmung in Verbindung gebracht wurde. Ein seltener Ausreißer in der üblichen tristen Abfolge mitteleuropäischer Durchschnittssommer jener Jahre. Dieser Jahrhundertsommer war eine kostbare Seltenheit, mehr ersehnt als gefürchtet, er war kein Warnsignal, kein Grund sich Sorgen um die Zukunft der Erde zu machen. Der Sommer war einfach nur schön heiß.
Dass der Sommer 1976 bis dahin im Sinne des Wortes unvergleichlich war, lag auch daran, dass die Sommermonate in den Jahren zuvor viel zu kalt und nass gewesen waren. Zwischen 1970 und 1975 gab es nur wenige länger anhaltende warme Phasen: Jahr für Jahr gestaltete sich der Sommer wechselhaft, kühl und regnerisch. Meteorologen hatten damals aus den Wetteraufzeichnungen eine Tendenz zu einem drastischen Absinken der Jahresmitteltemperatur ausgemacht. Nach dem Anstieg der Durchschnittstemperatur auf der nördlichen Erdhalbkugel um ein halbes Grad in der ersten Hälfte des Jahrhunderts, kam es in 60er und frühen 70er Jahren wieder zu einem deutlichen Rückgang der Temperaturen. Die Tageszeitung „Die Welt“ schrieb, dass 1974 „der Sommer an einem Montag stattfand“. Denn im Jahr 1974 gab es einen der kältesten Sommer, der je in Deutschland gemessen wurde, und auch der Sommer 1975 fing unterkühlt an. „Wann wird’s mal wieder richtig Sommer?“ sang Rudi Carrell.
Im Jahr 1976 war es dann soweit, es wurde „richtig Sommer“ und nicht nur heftiger, sondern auch früher, als es sich Rudi Carrell vorstellen konnte, nämlich bereits im April. Der Monat wies zwar noch keine extremen Temperaturen auf, war aber dennoch deutlich zu warm und vor allem zu trocken. In vielen Gebieten Deutschlands fielen nur 10 bis 30 Prozent der üblichen Niederschlagsmenge. Das führte dazu, dass die Erde ungewöhnlich stark austrocknete und das Grundwasser nicht ausreichend aufgefüllt werden konnte. Ohne diesen trockenen April (und den ebenso trockenen Mai) hätte sich die Dürre des Sommers 1976 wohl nicht in diesem Ausmaß entwickeln können. Er war ein klarer Vorbote des außergewöhnlichen Sommers, der dann folgte.
Im Juni war klar: dieser Sommer ist anders als alle Sommer zuvor. Nicht nur in Deutschland, in ganz Westeuropa bis hoch nach England, wurden eine lange Reihe von Tagen mit Temperaturen von weit über 30 Grad vermeldet. Das gab es so noch nie. Das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ widmete in seiner Ausgabe vom 4. Juli 1976 der Hitzewelle eine große Geschichte mit dem Titel „Wie Plagen aus alter Zeit“ und beschreibt darin die teils skurrilen, teils bedrohlichen Auswirkungen, welche die starke Hitze auf die Bürger hatte. Die Beamten in den öffentlichen Ämtern reizten die Gleitzeit bis über die Grenze des bisher Erlaubten hinaus aus und fingen mancherorts schon um halb sieben morgens an zu arbeiten, in mehreren Zoos wurden Pinguine in Kühlkammern gesteckt, eine Düsseldorfer Wirtin erlangte überregionale Bekanntheit, weil sie ihren Gästen Bottiche mit kaltem Wasser für ein Fußbad unter die Tische stellte.
Im Ruhrgebiet wurden Streufahrzeuge eingesetzt, die Sand auf den flüssigen Asphalt streuten, um die Straßen wieder befahrbar zu machen, und für Züge galt ein Tempolimit, weil die Gleise sich unter der Glut verbogen. Autowaschen oder Rasensprengen war in vielen Regionen verboten. Die Bundeswehr half mit, Trinkwasserpipelines zu bauen, manche entlegenen Ortschaften konnten nur durch Wassertankwagen versorgt werden. Zahlreiche Menschen litten unter dem sogenannten Roten Hund, das war ein Hautausschlag aufgrund übermäßigen Schwitzens, und Krankenhäuser mussten vorsorglich Betten für Hitzeopfer freihalten.
Für ältere und kranke Leute, für Ärzte, Bauern und Bauarbeiter war der Sommer 1976 eine Herausforderung. Für die meisten Deutschen jedoch war er keine Last, sondern pures Glück. Der damalige NRW-Landwirtschaftsminister Dieter Deneke (SPD) meinte: „Wir alle sollten zunächst diesen herrlichen Sommer genießen und nicht gleich stöhnen.“ Der Hitzesommer machte sich auch in der Bundespolitik bemerkbar. Die Modefarbe Weiß hielt Einzug ins Parlament: zunächst erschien der ansonsten stets dunkel-zurückhaltend gekleidete Bundeskanzler Helmut Schmidt im leuchtend weißen Sommeranzug, ebenso sein Minister Egon Bahr, und auf dem SPD-Parteitag im Juni 1976 tauschten viele Genossen den dunklen Anzug gegen einen leichten hellen.
Dass sich der Sommer 1976 nicht in erster Linie als Katastrophe ins kollektive Gedächtnis eingegraben hat, liegt sicherlich auch daran, dass damals sehr viele Menschen sehr jung waren: die größte Gruppe innerhalb der sogenannten Babyboomer befand sich 1976 in der Pubertät oder im jungen Erwachsenenalter: also in einem Alter, in dem Hitze in der Regel nicht als körperlich belastend sondern als euphorisierend und enthemmend erlebt wird. Diese einzigartige Reihung von Sonnentagen beförderte das Gefühl grenzenloser Freiheit und Unbeschwertheit jener Generation, für die der Sommer 1976 bis heute ein Referenzpunkt ist.
Die zahllosen milden Nächte, die man unbeaufsichtigt von den Eltern im Freien verbringen konnte, erleichterten und romantisierten erste sexuelle Erfahrungen. Die heißen Tage, die lauen Abende, sie bildeten für die zwischen 1954 und 1964 Geborenen die perfekte Coming-of-Age-Kulisse. 1976 eroberte Peter Maffay mit seinem Lied „Und es war Sommer“ die Hitparaden. Es handelt von einem 16-Jährigen, der in einer Augustnacht von einer deutlich älteren Frau „zum Mann“ gemacht wird. In dem Lied heißt es: „Es war Sommer, das erste Mal im Leben, es war Sommer, das allererste Mal.“ Mit dieser Ineinssetzung von Sommer und erster Liebe hat Maffay ein bewährtes lyrisches Verfahren perfekt auf die Lebenswirklichkeit der jungen Generation von damals übertragen.
Die Sommer 1977 ff. waren dann wieder wie immer: regnerisch und mäßig warm. Das unterschied den Sommer 1976 grundlegend von den gegenwärtigen: er war ein Solitär inmitten vieler kühler Jahre. Dadurch wurde er zum Mythos, aktuell von Leugnern der Klimakrise aber gerne als Beispiel missbraucht, dass es auch früher schon heiß war.
Der nächste, echte Extremsommer ereignete sich 2003, und er war der erste, der im Zusammenhang mit der globalen Erwärmung stand. Von da an verloren die heißen Sommermonate ihren unschuldigen Zauber. Der Schlagersänger Uwe Busse erinnerte sich angesichts des Sommers 2003 an den anno 1976. In seinem Lied „Sommer 76“, beschreibt er wie zuvor Peter Maffay eine gemeinsame verbrachte Nacht zweier junger Menschen unter freiem Himmel. „Da war das Leben unbeschwert und leicht“. Und tatsächlich: seit 1976 war kein Hitzesommer mehr unbeschwert und leicht.