Aus dem Schiedsrichterwesen ist immer wieder die Klage zu hören, dass es zu wenig Nachwuchs gibt. In der Esslinger Schiri-Gruppe scheint sich dieses Problem zu lösen.
Der Schiedsrichter-Job ist nicht immer vergnügungssteuerpflichtig. Entsprechend schwer fällt es den Vereinen deshalb, die vom Württembergischen Fußballverband (WFV) festgelegten Soll-Zahlen bei den Unparteiischen zu erfüllen. Oft fehlt vor allem der Nachwuchs. Längst gibt es Fußball-Bezirke, in denen selbst im Erwachsenenbereich nicht mehr alle Ligen mit Referees bestückt werden können.
Die Frage, ob dieser Mangel womöglich auch die Schiedsrichtergruppe Esslingen ereilen könnte, beantwortet deren Obmann Hardy Wolf mit einem klaren „Jein“. Es gebe zwar kein Überangebot, „doch dass wir, wie im Waiblinger Raum, B-Liga-Spiele nicht mehr besetzen können, wird bei uns hoffentlich nie vorkommen“. Er sei zurzeit „einigermaßen zufrieden“, weil die Zahlen wieder einen Tick nach oben gegangen seien. Und was Wolf fast noch mehr freut: „Unsere Schiedsrichtergruppe wird wieder jünger.“
Junge Referees machen ihre Sache gut
Das hat sich auch beim EZ-Pokal in Reichenbach gezeigt. Eine Youngsterin sowie etliche Youngster leiteten die Partien – und sie taten das, auch wenn die Meinungen da ja immer auseinandergehen, gut und souverän. So war von gellenden Pfiffen oder dummen Gesängen, wie „Schiri, wir wissen, wo dein Auto steht“ auch nichts zu hören. Wobei das in diesem Fall ohnehin unsinnig gewesen wäre, da etliche der Referees noch nicht einmal den Führerschein haben können.
Zwei Nachwuchskräfte aus der Schiedsrichtergruppe Esslingen, die schon seit einiger Zeit an der Pfeife tätig sind und für die es immer weiter nach oben geht, haben es sich ebenfalls nicht nehmen lassen, beim Turnier zu pfeifen. So war Felix Prigan, ehe er am Samstag die Zweitliga-Partie zwischen dem SC Paderborn und Holstein Kiel leitete, am Mittwochabend noch in Reichenbach zugange. Der 26-Jährige vom TSV Deizisau weiß zum einen, wo er herkommt, und hat zum anderen „großen Spaß daran, Schiri zu sein, ganz gleich in welcher Spielklasse“.
Ein Traum – und das nächste Ziel
Mit Spaß habe es in seiner frühen Jugendzeit auch angefangen. „Ich bin da zufällig reingerutscht, habe bei uns in Deizisau ein Bambini-Turnier gepfiffen und hatte meine Freude daran“, erinnert er sich. Es folgte ein Neulings-Lehrgang. „Und schon mit 15 habe ich gemerkt, unter anderem weil das Feedback entsprechend war, dass ich’s wohl ganz gut mache.“ Der Aufstieg in Richtung DFB war also gewissermaßen vorgezeichnet. „Dass ich mal 2. Bundesliga pfeife, war früher ein Traum – und dass ich jetzt dort bin, ist etwas Besonderes“, sagt er. Aber im Sport gelte es ja immer, das nächste Ziel zu erreichen, fügt er mit einem breiten Lächeln hinzu.
Ein Reiz seines Tuns ist für Prigan nach wie vor, „22 unterschiedliche Charaktere zu managen“. Und es sei cool, die Kameradschaft mit den Kolleginnen und Kollegen zu genießen, gerade im Gespann. „Zudem hilft dir die Schiedsrichterei, den Charakter zu entwickeln.“ Ob in der Schule, im Studium oder im Beruf, überall sei es wichtig, sich zu präsentieren und auch mal das Heft in die Hand zu nehmen. „Ich weiß nicht, ob es eine ähnliche Persönlichkeitsschule auf einem anderen Feld überhaupt gibt“, sagt Prigan.
Schon mit 13 Jahren im Neulingskurs
Letzteres sieht seine Kollegin Roba Moustafa genauso. Als sie vor neun Jahren nach Deutschland, genauer gesagt nach Reichenbach, gekommen sei, habe sie Fußball spielen wollen – und das beim VfBR auch mit den Jungs getan. Mangels Mädchenteam stieg sie auf Anraten von Vereins-Urgestein Lothar Mahling ins Schiedsrichterwesen ein, machte mit 13 Jahren einen Neulingskurs und ist als inzwischen 19-Jährige bei den Mädchen in der Oberliga und bei den Frauen an der Linie tätig: bis zur Regionalliga, der dritthöchsten deutschen Spielklasse. Bei den Männern ist bereits die Kreisliga A erreicht.
„Mein Selbstbewusstsein und meine Persönlichkeit haben sich durch die Schiedsrichterei positiv entwickelt“, sagt Moustafa. Vertrauen in sich selbst zu haben, zu kommunizieren, Entscheidungen treffen zu müssen, all das helfe ihr nicht zuletzt im Alltag sowie im Schülersprecherteam der Esslinger John-F.-Kennedy-Schule. Die junge Frau will aber auf dem Fußballplatz weiter nach oben, „was nicht so einfach ist“, wie sie erklärt. Je höher es gehe, umso athletischer werde es, gerade bei den Männern.
Ihr Vorbild wiederum ist keine Geringere als Bibiana Steinhaus-Webb, die erste und bisher einzige Frau, die schon Bundesligapartien im Männerbereich geleitet hat. „Von ihr hab’ ich vor langer Zeit meine erste Autogrammkarte bekommen“, sagt Moustafa, die ihrerseits auf einem ganz guten Weg ist, dem großen Idol nachzueifern. Den WFV-Frauenkader hat sie bereits erreicht.
Werbung und Betreuung sind wichtig
Automatisch und von alleine gekommen sind aber weder die Erfolge der beiden jungen Referees noch die steigenden Zahlen bei der Schiri-Gruppe Esslingen. „Wir haben in Massimo Bianucci einen Mann, der für die Nachwuchsgewinnung zuständig ist“, betont Hardy Wolf. Dieser gehe, und das sei unerlässlich, auf die Vereine zu, mache Werbung, veranstalte Informations- und Regelabende und motiviere die Anwesenden zu einem stärkeren Engagement.
Auch der Obmann selbst ist immer wieder vor Ort, denn er weiß: „Wenn du nichts tust, bemüht sich in den Clubs auch niemand.“ Doch mit dem Werben allein ist es nicht getan. „Wir unterstützen auch auf dem Platz“, erklärt Wolf. So würden ganz junge Neulinge mittels Headset von außen „betreut“. Das komme gut an, bei den Youngstern und bei den Vereinen gleichermaßen, ergänzt er.
TSV Wernau als Leuchtturmprojekt
Auch in den Clubs reift die Erkenntnis, dass im Schiri-Bereich etwas getan werden muss. So ist etwa beim TSV Wernau Joachim Gelewski seit drei Jahren Schiedsrichter-Beauftragter. „Ich sehe mich nicht nur als Koordinator, sondern ebenso als Betreuer und Kümmerer“, betont er. Gerade mit den Neulingen würden deshalb gemeinsame Unternehmungen und Aktionen durchgeführt. Der Erfolg bleibt nicht aus. Die Wernauer haben mittlerweile 20 Referees in ihren Reihen, zwölf davon für den Erwachsenenbereich.
Gelewski ist gleichermaßen zufrieden wie stolz: „Ein bisschen ist das schon zum Selbstläufer geworden“, sagt er. Und von Seiten des WFV sei bereits von einem „Leuchtturmprojekt“ die Rede. Wolf freut sich darüber ebenfalls, formuliert sein Lob aber ironisch: „Ich habe die Wernauer schon gerügt, weil sie uns in Deizisau von der Spitze der Esslinger Schiri-Gruppe verdrängt haben.“