EZB will Anleiheberg abtragen Ein großer Schritt für die Eurohüter
Die Europäische Zentralbank hat den Leitzins weniger stark erhöht als zuletzt. Dafür bewegt sie sich an anderer Stelle, analysiert Wirtschaftsredakteurin Barbara Schäder.
Die Europäische Zentralbank hat den Leitzins weniger stark erhöht als zuletzt. Dafür bewegt sie sich an anderer Stelle, analysiert Wirtschaftsredakteurin Barbara Schäder.
War’s das schon wieder mit dem Großeinsatz gegen die Inflation? Nach einigen kräftigen Zinserhöhungen haben sowohl die US-Notenbank als auch die Europäische Zentralbank (EZB) jetzt einen kleineren Schritt getan.
Sicher, eine Zinserhöhung um 0,5 Prozentpunkte ist historisch betrachtet immer noch doppelt so viel wie üblich. Und beide Notenbanken haben klargestellt, dass die Zinsen weiter steigen werden.
Trotzdem stellt sich bei anhaltend hohen Inflationsraten die Frage, warum die Währungshüter ihre Schrittfolge überhaupt verlangsamen. Zweifellos ist ein rasantes Tempo auch bei Zinserhöhungen mit Risiken verbunden – bislang aber zeigt sich das Wirtschaftswachstum sowohl in den USA als auch in Europa widerstandsfähiger als erwartet.
Die US-Notenbank kann immerhin darauf verweisen, dass die Inflationsrate seit dem Sommer von neun auf sieben Prozent gesunken ist. Im Euroraum liegt die Teuerungsrate dagegen immer noch bei zehn Prozent. Ob der leichte Rückgang gegenüber Oktober schon eine Trendwende markiert, ist keineswegs sicher.
Eine weitere Zinserhöhung um 0,75 Prozentpunkte wäre deshalb ein gutes Signal gewesen. Allerdings verband die EZB ihre Entscheidung für einen etwas kleineren Schritt mit einer sehr viel wichtigeren: Sie will sich daranmachen, den Märkten in größerem Umfang Geld zu entziehen.
Seit 2015 hat die Notenbank Billionen in die Wirtschaft gepumpt, indem sie Banken und anderen Marktteilnehmern Wertpapiere abkaufte – hauptsächlich Staatsanleihen. Seit Mitte dieses Jahres hält sie die Bestände konstant, das heißt: Wenn Anleihen von ihren Schuldnern abbezahlt werden, erwirbt die EZB mit diesem Geld neue Papiere. Diese Reinvestitionen sollen ab März reduziert werden.
Wenn die Notenbank als Abnehmer von Staatsanleihen an Bedeutung verliert, werden die Regierungen anderen Investoren höhere Zinsen bieten müssen, um Geld am Kapitalmarkt aufzunehmen. Die Verzinsung von Staatsanleihen wiederum ist eine wichtige Orientierungsgröße für längerfristige Geldanlagen und Kredite. Wenn sich letztere weiter verteuern, ist das für sich genommen schon ein Beitrag zur Inflationsbekämpfung.
Noch wichtiger aber ist die Bekanntgabe der Pläne für die angeschlagene Glaubwürdigkeit der EZB. Wenn sich die Notenbank tatsächlich traut, den Berg an Staatsanleihen in ihrer Bilanz abzubauen, wäre das ein Befreiungsschlag. Die Zweifel an der Entschlossenheit der EZB speisen sich nämlich nicht zuletzt aus der Befürchtung, dass sie es nicht wagen wird, die Finanzierungskosten der hoch verschuldeten Staaten Südeuropas weiter in die Höhe zu treiben.