Fabienne Reyer ist Vorsitzende des Musikvereins Neuhausen „Mir liegt der Verein am Herzen“

Fabienne Reyer engagiert sich gerne für das Gemeinwesen. Foto: /Petra Bail

Mit 29 Jahren ist Fabienne Reyer eine sehr junge Vereinschefin. Im Musikverein Neuhausen ist es ihr wichtig, der älteren wie auch der jüngeren Generation Entwicklungsmöglichkeiten zu bieten.

Neuhausen - Fabienne Reyer entspricht so gar nicht der üblichen Vorstellung eines Vereinsvorstands, die in Richtung gesetzter, älterer Herr geht. Sie ist jung, groß, schlank und trägt schmale Jeans und weiße Turnschuhe. Die 29-Jährige hat vor zwei Jahren die ehrenamtliche Führung des Musikvereins Neuhausen (MVN) übernommen. „Nicht ganz freiwillig“, wie sie lachend zugibt. Wie alle Vereine hatte auch der MVN Schwierigkeiten, einen Kapitän zu finden. Nun ist es eine Kapitänin geworden: „Mir liegt der Verein am Herzen“, sagt sie, „man kann viel bewegen“, etwa das Lebensumfeld mitgestalten. Bei der demnächst anstehenden Neuwahl tritt sie wieder an.

 

Ein Leben ohne Musikverein ist möglich, aber für Reyer fast nicht vorstellbar. Seit sie zwölf Jahre alt ist, spielt sie im Musikverein Klarinette, davor übte sie schon mit der Blockflöte in der Musikschule. „Man wächst hinein“, sagt sie und umschreibt mit dem gemeinschaftlichen Musizieren genau das, was einen Verein ausmacht: er ist Heimat, funktioniert im sozialen Miteinander wie eine große Familie. Reyer begann eine klassische Vereinskarriere. Sie erhielt Einzelunterricht, spielte im Jugendorchester und schaffte den Sprung ins Stammorchester. Zehn Jahre später erklärte sie sich bereit, den Vize-Vorsitz zu übernehmen.

Fünf Jahre lang lief das glatt. Dann hörte der erste Vorsitzende auf. Reyer fühlte sich für den „Chef“-Posten zu jung: „Ich traute es mir nicht zu.“ Sie spricht von der Verantwortung für die 370 Mitglieder. Da seien vielfältige und komplexe Aufgaben zu stemmen. Schließlich entschloss sie sich, die Herausforderung anzunehmen – und hat es nicht bereut, trotz der beachtlichen Investition von Zeit und Energie. Sie empfindet das Amt als erfüllend. Das könne einen jungen Menschen weiterbringen. Entscheidungen zu treffen, sich durchzusetzen sieht Reyer als gutes Persönlichkeitstraining.

Die Zukunftsfähigkeit eines Vereins hänge zwar maßgeblich vom Vorstand ab, doch etwas umsetzen lasse sich nur, wenn alle an einem Strang ziehen. Da gerät Reyer ins Schwärmen: „Wir haben ein tolles, sehr junges Vorstandsteam, das Durchschnittsalter liegt bei Mitte 20.“ Was sie am meisten freut: „Alle haben Lust, etwas zu bewirken.“ Für sie ist klar, dass die junge Mannschaft auch Anreiz für andere junge Mitglieder schafft. Ihre Sorge, dass die Erfahrung der älteren Generation fehlt, war unbegründet. Alle unterstützen sich gegenseitig im Bestreben, den Verein lebendig zu halten. Bei einer Altersspanne von 16 bis Mitte 70 im Stammorchester ist da ein Spagat gefordert, zumindest aber Fingerspitzengefühl und Diplomatie.

„Es ist eine Gratwanderung, dass es für alle passt“, erklärt Reyer. Je nach Auftritt wird das Publikum mit einer Mischung aus traditioneller konzertanter Blasmusik, Rock und Pop vom Stammorchester unterhalten. Coronabedingt musste in diesem Jahr bislang mehr abgesagt als organisiert werden. Das letzte Highlight war „ein toller Fasching“, nämlich die gelungene Teilnahme an der Prunksitzung des Narrenbunds mit der Schalmeienkapelle Flegga Bätscher. Das war ein Wagnis. „Doch es hat auch die Skeptiker überzeugt“, freut sich Reyer, die den MVN, der 1900 gegründet wurde und 100 aktive Mitglieder zählt, repräsentiert.

Da der Verein als Musikzug bei der Bürgergarde mitwirkt, gehören Sitzungen in deren Ausschuss ebenso zu ihrem Ehrenamtsjob wie die Sitzungen der Arbeitsgemeinschaft Neuhausener Vereine, Vorstandssitzungen des Musikvereins sowie Konzert- und Projektplanungen. Jeden Freitag ist in der Regel Probe, im Sommer findet oft jedes zweite Wochenende ein Konzert statt. Auf der Agenda bleibt kaum Platz für weitere Hobbys, schließlich hat die 29-Jährige einen Fulltime-Job als technische Beraterin bei der Telekom.

2020 war vieles anders. Die Teilnahme an der Fronleichnamsprozession als Musikzug der Bürgergarde fiel zum Bedauern der Musiker wegen Corona ebenso aus wie andere Veranstaltungen, etwa die Teilnahme beim Volksfestumzug auf dem Cannstatter Wasen im Herbst. Nun hofft Reyer auf das Weihnachtskonzert. Seit vier Wochen läuft der Probenbetrieb wieder. Nach Einzelunterricht gab es unter Einhaltung der Hygieneregeln Registerproben für das Jugendorchester und das Stammorchester. Am Freitag, 24. Juli ist – mit gebotenem Abstand – eine Gesamtprobe auf dem Firmenparkplatz von Thyssenkrupp.

„Man sieht sich nicht mehr regelmäßig“, bedauert Reyer, obwohl Whatsapp-Gruppen, E-Mail-Kontakt und Doodle-Umfragen ausgezeichnet klappten. Damit der Regelbetrieb klappt, müssten Vorkehrungen getroffen werden. Hier ist die Vorsitzende froh über das Engagement von Karl-Heinz Eisele. Er kommt mit seinen 73 Jahren täglich und putzt im Vereinsheim. „Solche Leute braucht man, die im Stillen aktiv sind und einen Verein am Laufen halten“, sagt Reyer über den engagierten Bürger, der sein 60-jähriges Jubiläum als aktives Mitglied hat.

Bei Reyer laufen die Fäden zusammen, aus dem der bunte Vereinsteppich gewoben wird. Sie sieht in der Kombination von Erfahrungswerten langjähriger Mitglieder und dem Nachwuchs, dem durch Vorstufenorchester, Juniorband und Jugendorchester 1A Entwicklungsmöglichkeiten geboten würden, die Chance, dass sich der MVN seine herausragende Stellung im Gemeinwesen bewahren kann.

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