Facebook-Enthüllungen Facebook – ein Totalausfall

Die Ex-Facebook-Mitarbeiterin Frances Haugen spricht Klartext. Foto: dpa/Robert Fortunato

Enthüllungen zeigen, dass der Konzern schädliche Inhalte bewusst ignorierte. Vor allem Jugendliche leiden unter den sozialen Medien, kommentiert Erik Raidt.

Menlo Park - Aufgrund einer technischen Störung sind Facebook, Instagram und WhatsApp am Montagabend für etliche Stunden ausgefallen – wenn man den Enthüllungen einer ehemaligen Facebook-Mitarbeiterin folgt, könnte die Welt dadurch ein Stück besser geworden sein. Frances Haugen hat in der Zentrale von Facebook gearbeitet und eindrucksvolle Belege dafür gesammelt, dass Facebook davon profitiert, wenn das Unternehmen Hass und Lügen weiterverbreitet.

 

Facebook ist seit vielen Jahren dafür bekannt, seine knallharten Geschäftsinteressen zu bemänteln. Das Unternehmen „habe einen enorm positiven Einfluss auf das Leben der Menschen“, schreibt der Konzern jetzt seinen Mitarbeitern, um die öffentliche Kritik abzumildern. Facebook, so die Legende, mit der Konzerngründer Mark Zuckerberg Politiker einzulullen versucht, wolle nur das Beste für die Gesellschaft.

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In Wahrheit schaden Facebook und Instagram dem gesellschaftlichen Zusammenhalt und der Stabilität von Demokratien. Dafür gibt es viele Belege. Analysten von Cambridge Analytica bedienten sich bei Facebookprofilen, um Einfluss auf den Wahlkampf zu nehmen, der Donald Trump ins Amt brachte. Extremisten nutzten lange unbehelligt die Plattform, um Hinrichtungsvideos und Hassbotschaften zu verbreiten.

Zuckerberg und seine Tech-Jünger von der US-Westküste ließen vieles laufen, solange es geklickt wurde und Werbeumsätze brachte. Sie argumentierten zynisch, dass Inhalte sie nichts angehen würden. Als die Kritik weiter wuchs, setzten sie interne Ethik-Kommissionen ein, die nur kosmetische Änderungen vornahmen. Die Geschichte der mäßig sozialen Medien belegt eindeutig: nur politische Regulierungen, nur Gesetze und Milliardenstrafen, bewegen Facebook, Google und Co. dazu, ihre Geschäftspraktiken zu ändern.

In Deutschland legt das sogenannte Netzwerkdurchsetzungsgesetz fest, wann Facebook und Youtube illegale Inhalte aus dem Netz entfernen müssen. Derzeit diskutiert die Europäische Union, inwiefern dieses Gesetz auf die EU-Ebene übertragen werden kann. Klare Vorgaben auf der europäischen Ebene sind entscheidend, nur so lässt sich relevanter wirtschaftlicher Druck auf die Technologieunternehmen ausüben: Für sie geht es schließlich um 447 Millionen Kunden.

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Die Einblicke der Frances Haugen in das Innere von Facebook zeigen aber auch: Es genügt nicht mehr, nur über Fake News und Hassbotschaften zu reden. Ihre Dokumente belegen, dass Facebook spätestens seit 2019 Forschungsergebnisse vorliegen, die belegen, wie schädlich sich die Inhalte des Bilderdienstes Instagram auf die Psyche von Jugendlichen auswirken.

Letztendlich sind die vielen geschönten Bilder von Frauen-und Männerkörpern auf Instagram auch nichts anderes als „Fake News“ – sie zeigen ein Zerrbild von einer gesellschaftlichen Wirklichkeit. Und sie setzen vor allem Mädchen und junge Frauen unter immensen Druck. Eine weltweite erhobene Studie unterstreicht die Tragweite des Problems: Rund zwei Drittel der Jugendlichen und jungen Erwachsenen sagen, dass sie glücklicher wären, wenn sie weniger Zeit in den sozialen Medien verbrächten. Angesichts der dominierenden Rolle, die soziale Medien im Alltag junger Leute spielen, sind diese Selbsterkenntnisse ein Alarmsignal.

Zwei Dinge sind entscheidend, damit sich das Internet neu erfinden kann. Es braucht ein starkes Regelwerk der EU, das weltweit als Vorbild dienen könnte. Und die Schulen müssen noch mehr tun, um Hassparolen und Zerrbilder im Netz als solche zu entlarven. Facebook selbst hat bewiesen, dass dem Unternehmen die Kraft für Reformen fehlt. Es ist – moralisch gesehen – ein Totalausfall.

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