Facebook Whistleblowerin Haugen Zuckerbergs Anklägerin sagt vor US-Kongress aus

Ex-Facebook-Mitarbeiterin Frances Haugen im US-Senat Foto: dpa/Drew Angerer
Ex-Facebook-Mitarbeiterin Frances Haugen im US-Senat Foto: dpa/Drew Angerer

Die ehemalige Facebook-Mitarbeiterin Frances Haugen hat vor dem US-Kongress eine strenge Regulierung des Online-Riesen gefordert. Doch auch der Whistleblowerin selbst stehen harte Zeiten bevor.

WhatsApp E-Mail LinkedIn Flipboard Pocket Drucken

Washington - Showdown im US-Kapitol. In jenem Gebäude, das Anfang des Jahres von einem wütenden Mob von Trump-Anhängern gestürmt worden war, bei dem fünf Menschen ums Leben kamen und Hunderte verletzt wurden. Seitdem galt das Gelände rund um den Komplex in Washington als Sperrzone. Erst vor wenigen Tagen sind die letzten Sicherheitsbarrikaden rund um das Parlamentsgebäude entfernt worden.

Lesen Sie aus unserem Angebot: Facebook-Enthüllungen – Facebook – ein Totalausfall

Vergleich zur Tabakindustrie

„Kinder online schützen“ lautet der etwas generische Titel der Anhörung am Dienstag. Selten war eine Unterausschusssitzung des US-Senats so gut besucht, gerade in Zeiten einer Pandemie. Der Grund dafür ist eine Frau: Frances Haugen, eine 37-jährige Datenspezialistin und frühere Facebook-Produktmanagerin. Die Harvard-Absolventin hat eine Art Erdbeben im Silicon Valley verursacht, weil sie sich dazu entschlossen hat, interne Unterlagen mit der Welt zu teilen, die Facebook schwer belasten.

„Gestern haben wir erlebt, wie Facebook aus dem Internet verschwand.“, so Frances Haugen in ihrem Eröffnungsstatement. „Ich weiß nicht,weshalb das geschah, aber ich weiß: Für mehr als fünf Stunden wurde Facebook nicht dazu benutzt, Spaltungen voranzutreiben, Demokratien zu destabilisieren und Mädchen und junge Frauen nicht dazu gebracht, sich in ihren Körpern schlecht zu fühlen.“

Die Whistleblowerin appelliert an die Senatoren, zu handeln und Facebook zu regulieren – so wie man einst die Tabakkonzerne reguliert hat, als klar war, wie schädlich Rauchen ist. „Ich glaube, dass die Produkte von Facebook Kindern schaden, Spaltung anheizen und unsere Demokratie schwächen“, sagt die 37-Jährige vor dem Senatsausschuss. „Der Kongress muss handeln. Sie (die Facebook-Verantwortlichen) werden diese Krise nicht ohne Ihre Hilfe lösen.“

Am Ende bestimmt immer Mark Zuckerberg

Die Gefahren, die von Facebook ausgehen, wären der Führungsspitze lange bekannt gewesen. Der Konzern habe gewusst, was er tat – und man habe sich dazu entschieden, Profit über Sicherheit zu stellen. Und Facebook verweigere Forschern und Regulierern den Zugang dazu. Dabei hätten die Mechanismen zum Teil das Potenzial, ein Suchtverhalten vor allem bei jüngeren Nutzern auszulösen, warnt Haugen. Im weiteren Verlauf der Anhörung lässt sie kein gutes Haar an ihrem früheren Arbeitgeber, insbesondere an Firmenchef Mark Zuckerberg, den sie auf Nachfrage als den Verantwortlichen für die Missstände in dem Unternehmen benennt. „The bucket stop with Mark“, sagt Frances Haugen resolut. Am Ende bestimme immer Mark. Mark Zuckerberg halte eine einzigartige Stellung bei Facebook. Der 37-Jährige besitzt 55 Prozent der Stimmrechte in dem Unternehmen, er kann noch nicht einmal von seinem eigenen Aufsichtsrat entlassen werden. In Harvard werde einem beigebracht, Verantwortung zu übernehmen für sein Unternehmen, so Haugen. Zuckerberg habe Facebook allein auf Algorithmen, auf Zahlen ausgerichtet.

So habe Zuckerberg persönlich darauf bestanden, den Facebook-Algorithmus so zu belassen, wie er ist, obwohl zu diesem Zeitpunkt intern bekannt war, wie sehr die auf Wachstum programmierte Nachrichtenauswahl Menschen gegenseitig aufhetzt und letztlich sogar zu Gewaltausbrüchen und Lynchmorden führen kann. Diese Entscheidung habe auch für Schwellenländer gegolten, die Facebook selbst als „At risk“-Staaten eingestuft habe, also Länder, die für Gewaltakte gegen Minderheiten bekannt sind. Ob dieser Empfehlungsalgorithmus auch heute noch aktiv sei. „Ja, das ist er“, so Frances Haugen.

Whistleblowerin in Gefahr

Nach rund drei Stunden ist die Anhörung beendet. Der Whistleblowerin selbst dürften nun harte Zeiten bevorstehen. Zwar genießt Frances Haugen Schutz aufgrund eines Whistleblower-Gesetzes. Das soll jenen Informanten helfen, die gesetzwidriges Verhalten von Konzernen melden. Dieser Schutz gilt allerdings nur für ihre Aussage und für jene Dokumente, die sie der Regierung zur Verfügung gestellt hat. Die Tatsache, dass die belastenden Materialien auch den Weg zum „Wall Street Journal“ und zu CBS gefunden haben, könnte ein Hebel für Facebooks Anwälte sein, Frances Haugen über Jahre hinaus mit Klagen zu überziehen, die ihr Leben ruinieren könnten.

Lesen Sie aus unserem Angebot: Böhmermann-Recherche – Arbeitsministerium richtete Facebook-Werbung an SPD-Interessierte




Unsere Empfehlung für Sie