Facebookgruppe auf den Fildern Aus Profilbildern werden echte Gesichter

Von Eileen Breuer 

Die meisten Mitglieder der Facebookgruppe Treffpunkt Filder haben offline noch nie ein Wort miteinander gewechselt. Für einen Abend haben sie nun ihre Handys beiseitegelegt und sich persönlich kennengelernt. Zu Gast bei einem ungewöhnlichen Treffen.

Vom virtuellen Fremden zur Offline-Bekanntschaft: Statt online miteinander zu diskutieren, verlagerte die Facebookgruppe die Konversation einen Abend lang vom Internet ins wahre Leben. Foto: Eileen Breuer
Vom virtuellen Fremden zur Offline-Bekanntschaft: Statt online miteinander zu diskutieren, verlagerte die Facebookgruppe die Konversation einen Abend lang vom Internet ins wahre Leben. Foto: Eileen Breuer

Filder - Noch krallen sich die Mitglieder der Facebookgruppe Treffpunkt Filder haltsuchend an ihren Sektgläsern fest. Jedem klebt ein Namensschild auf Pulli, T-Shirt oder Bluse. Auf manchen stehen zwei Namen geschrieben, weil der eine oder andere auf Facebook mit Pseudonym unterwegs ist. Beim Treffen abseits der Online-Netzwerke finden die virtuelle und die Offline-Identität zusammen. An diesem Tag nämlich treffen sich die Gruppenmitglieder live und in Farbe. Während sie sonst über Kommentare, Likes oder Nachrichten auf Facebook miteinander in Kontakt treten, standen sie sich am vergangenen Sonntag in Bonlanden zum ersten Mal persönlich gegenüber.

Warum kommen sie zum Offline-Treffen?

Eingefädelt hat das Treffen auch Anja Müller. Sie hatte die Gruppe im Oktober 2019 mit der Intention gegründet, Nachbarn online miteinander in Kontakt zu bringen. „Über den Zaun ein Schwätzchen zu halten – das geht jetzt auch digital“, sagt Müller. Inzwischen zählt die Gruppe mehr als 2700 Mitglieder. Und die Leute haben fast alle eines gemeinsam: Ihr Wohnort liegt auf den Fildern. Die Mitglieder teilen in der Gruppe Veranstaltungen, bieten Fritteusen zum Kauf an, diskutieren über Hundehaufen am Wegesrand oder fragen in verschiedenen Lebenslagen nach Hilfe.

So auch Gaby Smith. Normalerweise ist sie eher das, was man als stille Mitleserin bezeichnet. Als ihr am Sonntag vor Silvester beim Badputzen das Rohr unter dem Waschbecken abbrach, wandte sie sich hilfesuchend an die Facebookgemeinschaft. „Innerhalb von Minuten erhielt ich Antworten von anderen Gruppenmitgliedern.“ Und so fand sie über das soziale Netzwerk noch am selben Tag einen Handwerker, der die Reparatur durchführte. Zum Offline-Treffen zog es sie insbesondere, weil sie endlich die Gesichter hinter dem, was die Mitglieder schreiben, sehen wollte.

Sie hätte sich mehr Anklang gewünscht

Schon beim Sektempfang taut die Stimmung auf. Obwohl sich viele das erste Mal persönlich gegenüberstehen, sprechen sich alle mit Vornamen an. Manche umarmen sich sogar zur Begrüßung, weil man sich online so sympathisch war. Beim gemeinsamen Abendessen trifft Rentnerin auf Marketingprofi, Zollbeamtin auf Betriebsrat – und vielleicht sind es gerade diese Unterschiede und das Interesse am Unbekannten, die keine Stille aufkommen lassen. „Man trifft im virtuellen Leben Menschen, die interessante Hobbys haben. Da reicht der Platz online manchmal gar nicht aus“, sagt Anja Müller, die Gruppengründern. Sie hätte sich gewünscht, dass das Treffen mehr Anklang gefunden hätte – insbesondere deshalb, weil der Termin demokratisch abgestimmt worden war und schon frühzeitig feststand.

Knapp 30 Gäste bei knapp 3000 Gruppenmitgliedern – in Anja Müllers Augen hätten es ein paar mehr sein dürfen. „Vielleicht liegt es daran, dass man für ein Treffen eine gewisse Hemmschwelle übertreten muss“, mutmaßt Anja Müller. Ein anderer Grund könnten die Kosten sein. Während Facebook keine verursacht, schlägt ein echtes Abendessen zusammen zu Buche. Wenn jemand aber vorab gesagt hätte, er käme nur für ein Getränk, hätte man dafür auch eine Lösung gefunden, sagt Müller.

Notfalls helfen die Beiträge dabei, ins Gespräch zu finden

An den Tischen werden von Paläontologie über die Busse auf der Filderebene verschiedene Themen angeschnitten. Und wenn der Gesprächsstoff dann doch rar wird, gibt es immer noch die Beiträge aus der Gruppe, über die man miteinander ins Gespräch findet.

„Ich bin mit der Hoffnung hergekommen, Menschen kennenzulernen, mit denen ich ab und zu zusammensitzen kann“, sagt Gaby Smith. Ihre Hoffnung hat sich erfüllt. Nummern tauscht hier am Ende des Abends jedoch kaum jemand aus. Stattdessen versendeten viele schon im Laufe des Treffens Freundschaftsanfragen – so wurden aus virtuellen Fremden nicht nur flüchtige Bekanntschaften, sondern sogar Facebookfreunde.