Im Ostfilderner Stadtteil Scharnhausen schloss Ende März eine Kinderarztpraxis. Eine Mutter schreibt daraufhin in den sozialen Medien, dass sie auf der verzweifelten Suche nach einem neuen Arzt ist, aber die Praxen, die sie kontaktiert hat, niemanden mehr aufnehmen. Viele kommentierten, dass sie das gleiche Problem hätten. Ebenso viele Personen empfahlen aber gute Kinderärzte in der Region. Mit Blick auf den Fachärztemangel stellt sich die Frage: Wie steht es eigentlich um die kinderärztliche Versorgung im Kreis Esslingen?
Einsparmaßnahmen der 90er Jahre
Zahlenmäßig steht der Kreis Esslingen eigentlich gut da: „Bei einem Wert von 100 Prozent gilt ein Planungsbereich als gut versorgt, ab 110 Prozent ist er für die Niederlassung weiterer Ärzte gesperrt“, sagt Gabriele Kiunke, Pressesprecherin der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg. Der Landkreis Esslingen liegt derzeit bei 112 Prozent – das entspricht 35,5 Kinder- und Jugendarztstellen. „Das heißt aber nicht, dass Eltern deshalb sofort einen Termin für ihr Kind bekommen. Selbst wenn der Landkreis rein rechnerisch als gut versorgt gilt, kann es trotzdem sein, dass Eltern keinen Kinderarzt finden“, sagt die Pressesprecherin. Wie kommt eine solche Diskrepanz zustande? Mit den reinen Zahlen sei das so eine Sache: Bei der Bedarfsplanung handle es sich um eine rein statistische Rechengröße, die auf bundesweit gültigen Berechnungsmethoden basiere, die aber keine Aussage über die „gefühlte Versorgungslage“ seitens der Bevölkerung gebe. Hier treffen bundesweite Einsparmaßnahmen aus den 90er Jahren auf die Gegenwart. „Obwohl sie so heißt, hatte die Bedarfsplanung nie etwas mit dem tatsächlichen Bedarf zu tun. Es geht nur darum, eine Überversorgung zu verhindern“, sagt der Esslinger Kinderarzt Ralph Gaukler, Obmann beim Berufsverband der Kinderärzte. „Das System der Bedarfsplanung hat sich völlig überlebt und gehört reformiert.“
Abnehmende Gesundheitskompetenz
Zwar wurde diese Berechnungsmethode noch mehrere Male angepasst, und es kamen neue Stellen hinzu, aber es bestünden bei den Kinderärzten mehrere Grundprobleme: Die Aufgaben der Kinder- und Jugendärzte hätten sich stark gewandelt, wodurch ein Kinderarzt mit seinen Patienten heute einen deutlich größeren Aufwand habe, als in der Bedarfsplanung berücksichtigt werde. In den vergangenen 20 Jahren verdoppelte sich laut Gaukler die Anzahl der Vorsorgeuntersuchungen. Auch die Anzahl der Impfungen habe sich deutlich erhöht. „Der reine Aufwand an präventiven Maßnahmen nimmt gut ein Drittel der Praxiszeit ein“, so der Kinderarzt. Auch die Einstellung zum Beruf habe sich gewandelt: „Die Planung kommt noch aus einer Zeit, als sich die Kollegen 60 Stunden die Woche in die Praxis gesetzt haben. Das machen Nachfolgende nicht mehr. Die denken jetzt auch an sich und ihre Gesundheit.“ Viele würden sich im Jobsharing eine Praxis teilen oder seien auf 20 Stunden angestellt. Dazu käme ein gesteigertes Beratungsbedürfnis der Eltern: „Eltern gehen deutlich häufiger als früher zum Kinderarzt, da sie selbst oft nicht einschätzen können, wie der Gesundheitszustand der Kinder zu bewerten ist. Die Gesundheitskompetenz hat abgenommen“, sagt Kiunke. Diese erhöhte Nachfrage habe dazu geführt, dass die Kinderarztpraxen inzwischen kaum noch in der Lage seien, allen Terminwünschen nachzukommen. Ein weiteres Problem ist die Größe des sogenannten Planungsbereichs. Diese regelt, für welche Fläche die Bedarfsplanung gilt: Die Zahl der Fachärzte – dazu zählen auch Kinderärzte – wird auf Kreisebene berechnet. Kinder- und Jugendärzte lassen sich jedoch laut Kiunke tendenziell eher in Städten als in ländlichen Gebieten nieder, wodurch ländlichere Gebiete oft schlechter versorgt seien. Dies hinge auch mit dem erwähnten Wandel des Berufsstandes zusammen. In Städten seien die Praxisstrukturen für eine Teilzeitanstellung oder Jobsharing eher vorhanden.
Keine schnelle Lösung mehr möglich
Die Krux: Selbst wenn die Bedarfsplanung sofort grundlegend überarbeitet werden würde, gibt es kaum Nachwuchs, der die Stellen besetzen könnte. Der Kinderarzt Rudolf von Butler, der seine Praxis in der Esslinger Wäldenbronnerstraße hat, veröffentlichte bereits im Jahr 2009 einen Artikel, der die Frage beantwortete: Wird es in zehn Jahren noch genügend Kinderärzte geben? Die Antwort sei damals schon „nein“ gewesen. Er bilde seit 2007 in seiner Praxis aus und wisse, dass es aktuell schwer sei, noch geeignete Bewerber zu finden, sagt von Butler. Getan habe sich auf politischer Ebene jedoch kaum etwas. Inzwischen sei man an einem Punkt angelangt, an dem es keine schnelle Lösung mehr gebe. „Die Hausärzte, die früher Kinder mitbehandelt haben, gibt es auch kaum noch“, so von Butler. Die gesamte Ausbildung eines Facharztes dauere zwischen 12 und 15 Jahren.