Stuttgart und die Region Das ewige Warten auf einen Arzttermin

Einen Termin beim Facharzt zu bekommen ist immer noch schwierig. Foto: factum/Archiv
Einen Termin beim Facharzt zu bekommen ist immer noch schwierig. Foto: factum/Archiv

Wer Schmerzen hat und schnell einen Arzttermin beim Facharzt braucht, hat oftmals ein Problem: Monatelage Wartezeiten sind an der Tagesordnung.

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Ludwigsburg - Das linke Auge ist komplett zugeschwollen, nichts geht mehr. Von einem Tag auf den anderen juckt, brennt und nässt das Organ. Keine Frage: Ein Besuch beim Augenarzt ist dringend angebracht. Der leidgeprüfte junge Mann ruft also gleich morgens bei verschiedenen Augenärzten im Kreis Ludwigsburg an, doch überall erhält er dieselbe Antwort: „In den nächsten Wochen haben wir keinen freien Termin mehr, bitte versuchen Sie es bei einem Kollegen.“ Weil die Sache aber dringend ist, macht der Mittzwanziger das aus seiner Sicht einzig Richtige: Er macht sich auf den Weg zum nächstgelegenen Augenarzt, wird dort aufgrund des offensichtlichen Problems nicht abgewiesen und gelangt schließlich nach einer etwa zweistündigen Wartezeit ins Sprechzimmer.

Zuerst zum Hausarzt, dann zum Facharzt

Wäre der junge Mann mit dem Problem am Auge zunächst bei seinem Hausarzt vorstellig geworden und hätte diesen gebeten, sich um einen Termin beim zuständigen Facharzt zu kümmern, wäre das Ganze anders gelaufen – das erklärt die Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Baden-Württemberg mit Sitz in Stuttgart. „Das ist immer das, was wir sagen: Der dritte Schritt sollte nicht vor dem ersten erfolgen, die Patienten sollten also zunächst zum Hausarzt gehen, bevor sie eigenmächtig beim Facharzt anrufen“, sagt Swantje Middelhoff von der KV. Der Hausarzt sei schließlich geschult und könne besser einschätzen, ob ein Termin beim Facharzt tatsächlich Sinn mache beziehungsweise wie dringend der Fall sei.

Zudem sei der „Draht“ des Hausarztes zum Facharzt stets kürzer und somit auch die Wartezeit für einen Termin. Habe man ein ganz offensichtliches Problem – wie etwa ein geschwollenes Auge – könne man aber selbstverständlich direkt zum Facharzt gehen. In einem solchen Fall werde man dort dann auch nicht abgewiesen, wird versichert.

Überversorgung mit Augenärzten

Dass der betroffene Patient bei mehreren Augenärzten im Landkreis kein Glück hatte, ist indes keine Seltenheit. Immer wieder hört man Klagen, dass man für einen Termin beim Facharzt – egal, welcher Spezialisierung – monatelang warten müsse. Tatsächlich aber ist der Landkreis Ludwigsburg rein rechnerisch gesehen sogar „überversorgt“ mit Augenärzten. So gibt es im gesamten Landkreis 23,5 Augenärzte, und weil es laut der angepassten Bedarfsplanung der Bundesregierung pro 20 755 Einwohner einen Augenarzt geben muss, entspricht die Zahl im Landkreis also einem Versorgungsgrad von 110 Prozent. Im Stroghäu ist es ähnlich: In Gerlingen gibt es beispielsweise einen Augenarzt, in Ditzingen wiederum teilen sich drei Augenärzte einen Kassensitz.

Ebenso sehen die Zahlen bei den Hausärzten aus: Für 1696 Einwohner im Landkreis Ludwigsburg und Kornwestheim muss es einen Hausarzt geben; insgesamt gibt es hier 188,5, das entspricht einem Versorgungsgrad von 106,7 Prozent. Am schlechtesten sieht die Versorgung hingegen bei den Kinder- und Jugendpsychiatern aus: Hier liegt der Versorgungsgrad im Landkreis bei gerade einmal 46,4 Prozent. „Das ist in der Tat ein sehr schlechter Wert“, bestätigt auch die KV-Sprecherin. Dass es so wenige Kollegen dieser Fachrichtung im Kreis gebe, liege allerdings nicht an der Bereitschaft der KV, entsprechende Sitze zu vergeben.

Genau 17,5 Sitze wären nämlich frei im Planungsbereich Stuttgart. Vielmehr gebe es aber schlicht zu wenige Kinder- und Jugendpsychiater – und das, obwohl der Bedarf gerade in diesem Bereich künftig sicher eher noch steigen werde, sagt Swantje Middeldorff. Generell scheuten immer mehr Mediziner die Niederlassung in einer eigenen Praxis. Hauptsächlich Ärztinnen ließen sich lieber anstellen, weil sie zum einen das Risiko eines eigenen Unternehmens scheuten, zum anderen eine flexible, familienfreundliche Arbeitszeit brauchten. Zudem arbeite man als niedergelassener Arzt häufig von einem gewissen Zeitpunkt im Quartal an quasi „für umsonst.“

Zu wenig Kinder- und Jugendpsychiater

Ein weiterer Trend gehe dahin, dass immer mehr Ärzte nur noch Privatpatienten aufnähmen. Dies sei zwar nicht im Sinne der KV, sagt Swantje Middeldorff. Immerhin müsse die flächendeckende Versorgung der Patienten gewährleistet sein. Aus der privaten Sicht der Ärzte könne sie deren Entscheidung allerdings durchaus nachvollziehen. „Auch Ärzte brauchen eine bessere Work-Life-Balance und wollen nicht immer nur pausenlos arbeiten.“




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