Nur ein winziges Schild weist an der Hauptstraße darauf hin, wo es zu „Alpin und Fashion“ geht. Und dann fährt man trotzdem fast dran vorbei. Denn Jörg Höckel hat sein Fachgeschäft im Untergeschoss seines Hauses eingerichtet. Von Oktober bis April verkauft er hier alles, was das Herz von Skifahrern höherschlagen lässt.
Ein winziger Laden mit einem breiten Sortiment
Auf der rechten Seite biegen sich die Regale unter Skistiefeln, und weil nicht alle hineinpassen, geht es auf dem Weg dorthin im eleganten Slalomschwung durch die Kartonberge hindurch. Auf der linken Seite stehen Skier seiner Hausmarke Völkl an der Wand aufgereiht. Und dazwischen stapelt sich alles weitere, was Schneeliebhaber so brauchen: Helme, Handschuhe, Stöcke und Brillen.
Das eigentliche Herzstück des Betriebs ist allerdings nicht zu sehen, sondern steht in der Werkstatt. Ein Wintersteiger-Skivollautomat verpasst den Brettern den perfekten Schliff. So eine Maschine würden ambitionierte Skifahrer im weiteren Umkreis sonst nur in Stuttgart-Degerloch und in Mannheim finden, wie Jörg Höckel sichtlich stolz erzählt. Ganz davon abgesehen war seine Arbeit vor der teuren Anschaffung um einiges mühsamer: „Ich saß sonst oft bis 3 oder 4 Uhr morgens, um Ski von Hand zu richten“, erzählt er von früher.
Die Kundschaft reist sogar aus Fulda an
Genau aber diese Leidenschaft für die Ski und das Handwerk drumherum ist es, was die Kunden offenbar schätzen. Diese reisen aus dem ganzen Großraum Stuttgart an, mancher sogar aus Fulda oder der Pfalz:„Da erschrecke ich manchmal selbst“, sagt Jörg Höckel und lacht. Aber bei aller Bescheidenheit weiß der 55-Jährige schon, warum die Skifahrer zu ihm kommen: „Ich habe einfach eine enorme Erfahrung bei der Beratung und einen guten Service. Das spricht sich rum.“
Und genau damit kann er sich von der Konkurrenz absetzen und sich auch gegenüber Onlinehändlern behaupten. Ein Beispiel ist das Anpassen von Skistiefeln. Dafür steht nicht nur ein Fußscanner bereit, sondern auch ein geduldiger Berater. Zwei Stunden können schon mal vorbeigehen, bis der richtige Stiefel gefunden ist. Und wenn der Schuh auch nach der zweiten Anpassung partout nicht sitzen will, „dann nehme ich ihn wieder zurück“, erzählt Jörg Höckel. Jeder Fuß sei eben anders, das weiß er aus eigener Erfahrung – und nichts beim Skifahren ist ärgerlicher als ein Schuh, der drückt.
Der Inhaber ist selbst leidenschaftlicher Skifahrer
Er selbst ist leidenschaftlicher Skifahrer, hat seine ersten Versuche am Skihang bei Spiegelberg-Jux gewagt, wo es früher noch einen kleinen Lift gab. Bereits als Jugendlicher hat er sich die erste Skiwerkstatt gekauft, einfach aus Interesse. Die Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann hat Höckel bei einem Sportgeschäft in Waldrems gemacht. Als der Inhaber in Rente ging, übernahm er den Laden – und konzentrierte sich irgendwann nur noch auf den Skisport.
Und selbst wenn sich die Schneesaison und der Hauptbetrieb seines Ladens zeitlich überschneiden – das Skifahren lässt sich Jörg Höckel nicht nehmen. „Wir waren jetzt gleich zum Saisonauftakt in Sölden und gehen dann eben oft noch im März und April, wenn es ruhiger wird“, sagt Höckel, der zur Not auch mal den Laden zuschließt, wenn ihn die Sehnsucht nach den Bergen packt. „Auf 15 Skitage im Jahr muss ich schon mindestens kommen.“
Der Laden ist geöffnet, bis die Lifte im Frühjahr schließen
Das hat im Winter 2020/2021 logischerweise nicht geklappt, als die Saison wegen der Coronapandemie komplett ins Wasser fiel. Auch sein Laden hat im vergangenen Jahr nach der Eröffnung im Oktober gleich wieder schließen müssen. „Mein Glück ist aber, dass ich keine Miete zahle und kein Personal habe“, sagt Jörg Höckel, der im Laden vor allem von Sohn Tim unterstützt wird. Deswegen sei er ganz gut durch den monatelangen Lockdown gekommen: „Es gibt einige in der Branche, die zu knabbern haben oder aufgeben mussten.“
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Und jetzt? „Ist die Unsicherheit bei den Kunden schon groß, ob es klappt mit Skifahren.“ Auf der anderen Seite würden die meisten sicherlich gehen wollen, denn es sei viel Vorfreude da. Jörg Höckel hat auf jeden Fall genug zu tun und ist für die Wintersportfreunde da, „bis die letzten Lifte schließen“. In den Sommermonaten wird er dann die nächste Saison vorplanen – oder mit dem E-Bike die Gegend unsicher machen. Wie lange er noch Ski und Zubehör verlauft, das weiß Jörg Höckel nicht. „Aber der Skiservice, der macht mir Spaß. Das mache ich bestimmt, bis ich 70 oder 75 bin.“ Seine Stammkunden wird es freuen.