Häusliche Kinderkrankenpflege Sie pflegt kranke Kinder zu Hause

Leo ist Gundula Piwowarczyk ans Herz gewachsen. Hier misst sie den Blutzuckerwert. Foto: raumzeit3/Judith Schenten

Gundula Piwowarczyk ist Wiedereinsteigerin. Die gelernte Kinderkrankenschwester hat sich bewusst für die Häusliche Kinderkrankenpflege entschieden. Sie liebt ihren Beruf, benennt als Pflegedienstleitung aber auch Gründe für den Fachkräftemangel.

Familie/Bildung/Soziales: Viola Volland (vv)

Stuttgart - Leo tut manchmal so, als schlafe er. Dann liegt er ruhig da mit geschlossenen Augen. Seine Mutter merkt, wenn er sich seine Auszeit nimmt, aber eigentlich wach ist. Und auch Gundula Piwowarczyk macht er nicht mehr so leicht etwas vor. Die Kinderkrankenschwester von der Häuslichen Kinderkrankenpflege (HKP) kennt den bald Sechsjährigen inzwischen so gut, dass sie seine kleine Zeichen ebenfalls lesen kann. Seit drei Jahren unterstützt Gundula Piwowarczyk Leos Eltern in der Pflege– stundenweise, in den Ferien auch mal ganze Tage.

 

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Leo ist ein besonderes Kind mit besonders komplexem Krankheitsbild. Diabetes, Glasknochenkrankheit – er hat einige schwere Diagnosen. Hat er einen Infekt, ist die Gefahr einer Lungenentzündung groß. Am Vortag, erzählt die 44-jährige Piwowarczyk, war er nach der Kita schlecht drauf. Sagen kann er nicht, was ihm fehlt. Sie habe als Erstes seinen Bauch gefühlt und gemerkt, dass er stark aufgebläht war. Nach ihrer erlösenden Massage war die schlechte Laune des Jungen verflogen. Leo war zufrieden – und die Kinderkrankenschwester glücklich. Es sei immer schön, den Auslöser zu finden.

„Man gibt viel, aber man bekommt auch viel“

„Es ist ein toller Job“, sagt Gundula Piwowarczyk über ihren Beruf. Vielseitig, abwechslungsreich, sinnstiftend. In der Häuslichen Kinderkrankenpflege habe man tatsächlich noch Zeit für den Patienten, Zeit für die so wichtige Krankenbeobachtung. In vielen Familien sind sie über Jahre. Weil klar ist, dass es angesichts der Schwere der chronischen Erkrankung nie um „Rückzugspflege“ gehen wird. Da ist die pflegerische Belastung so groß, dass die Familien sie nicht alleine stemmen können.

Andere Kinder begleitet die HKP nur über einen kurzen Zeitraum. Da geht es darum, die Eltern anzuleiten, wenn sie mit dem Frühchen oder dem herzkranken Kind aus der Klinik nach Hause kommen – oft mit Sauerstoffgerät, oft sondenernährt. Die Fortschritte, die viele dieser Kinder innerhalb weniger Monate erzielten, seien oft erstaunlich. Wie viele Klinikaufenthalte das Team wohl schon vermieden hat, weil ihnen zum Beispiel erste Anzeichen einer Lungenentzündung auffielen?

Gundula Piwowarczyk gefällt auch die enge, von Vertrauen geprägte Zusammenarbeit mit den Eltern. „Das ist Teamwork mit den Familien“ – und die Dankbarkeit sei groß. Gerade habe wieder eine Mutter eine rührende Karte geschrieben. „Man gibt viel, aber man bekommt auch viel.“

Die Dienstplanung wird immer schwieriger

Dennoch ist die Häusliche Kinderkrankenpflege seit Jahren vom Fachkräftemangel betroffen. Das ist ein Problem für die Eltern schwer kranker Kinder – aber auch eines für Gundula Piwowarczyk. Sie ist seit 2019 die Pflegedienstleitung in der Stuttgarter HKP. Die Dienstplanung wird immer schwieriger. Das Team schrumpft kontinuierlich, obwohl zum Beispiel in Sachen Teilzeit quasi jeder Wunsch erfüllt wird. Aktuell sind sie nur noch elf Festangestellte. Und bei den anderen Kinderpflegediensten sieht die Lage nicht besser aus. Hilferufe gab es in den vergangenen Jahren immer wieder. Woran liegt’s? Verschiedene Faktoren kämen zusammen. Bezahlt wird nach Tarif, aber in der Klinik lässt sich über die Schichtzulagen unterm Strich mehr verdienen. Als Problem sieht sie den teuren Wohnraum in Stuttgart an. Wenn Kolleginnen Kinder bekämen, wollten sie am liebsten im Eigenheim wohnen. Inzwischen müsse man weit rausziehen , um sich den Traum zu erfüllen. Da lohne sich die Anfahrt nicht mehr. Dann ist da die generalisierte Ausbildung. Frisch Examinierte brauchten zusätzlich eine dreimonatige Qualifizierung, das schrecke ab. Viele Fachkräfte seien zudem an Kitas verloren gegangen. Kinderkrankenschwestern können unkompliziert Erzieherin werden.

Zurück in den gelernten Beruf

„Über Wiedereinsteiger würde ich mich total freuen“, sagt Gundula Piwowarczyk. Sie ist das beste Beispiel für solch einen Schritt. 1998, nach ihrer Ausbildung im Stuttgarter Olgahospital, hatte sie trotz guten Examens landesweit keine Stelle gefunden. Die Lage auf dem Arbeitsmarkt war damals noch eine andere. Sie arbeitete deshalb in Hessen an einer Kinderklinik, kehrte aber aus privaten Gründen zurück nach Stuttgart, wechselte in die Behindertenhilfe. In den Bereich kehrte sie auch nach ihrer Elternzeit zurück. Als sie schließlich in einer Wohngruppe bettlägerigen Senioren die Medikamente richtete, kamen die Selbstzweifel: „Willst du das wirklich?“ Sie bewarb sich unter anderem bei einem Kindergarten und bei der Häuslichen Kinderkrankenpflege. Sie ist froh, dass die HKP als Erstes zusagte. Denn anders als 1998 bekam sie 2015 ausschließlich Zusagen.

Es macht Gundula Piwowarczyk zu schaffen, dass die Anzahl der Stunden, auf die die Familien kranker Kinder einen Anspruch haben, viel zu oft nicht erfüllt wird. Weil es an Fachkräften mangelt. Gerade erst hat wieder eine erfahrene Aushilfe aufgehört – in diesem Fall, weil sie sich nicht impfen lassen will. Wer fülle die Lücke?

Ihre Arbeit als Pflegedienstleitung ist wichtig. Aber ausschließlich Büroarbeit, das wäre nichts für sie. Sie braucht die anderen Tage: „Morgen fahre ich wieder zu Leo, das mache ich mit Herz und Seele!“

Neue Ausbildung und Verdienstmöglichkeiten

Ausbildung
Wer in die Kinderkrankenpflege will, muss dennoch zunächst die generalistische Ausbildung als Pflegefachmann/-frau starten. Erst im letzten Drittel der Ausbildung wird der Schwerpunkt auf die Pflege von Kindern gelegt, um den Abschluss Gesundheits- und Kinderkrankenpfleger/in zu erwerben. Weil die Einsatzzeiten bei Kindern unterm Strich geringer sind als früher, brauchen die Absolventen der neuen Ausbildung für die ambulanten Kinderpflegedienste noch eine dreimonatige Qualifizierung. Sonst dürften sie zu Kindern, die zusätzlichen Sauerstoffbedarf haben, beispielsweise nicht, so die HKP. Weiterbildungen seien ihnen als Arbeitgeber sehr wichtig.

Verdienst
Laut der Bundesagentur für Arbeit verdient eine Kinderkrankenschwester

im Schnitt 3645 Euro brutto im Monat. Die Spanne zwischen den Bundesländern reicht von rund 3200 Euro bis um die 3800 Euro. Die HKP zahlt nach Tarif. Das Einstiegsgehalt liegt bei 3158 Euro brutto, 3866 Euro sind es nach 14 Jahren. Ab September müssen aufgrund einer Gesetzesänderung alle Pflegedienste nach Tarif zahlen.

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