Fachkräftemangel im Kreis Esslingen Neues Image für das Dachdeckerhandwerk

Im vergangenen Jahr schlossen lediglich vier Dachdeckerlehrlinge im Landkreis Esslingen ihre Ausbildung ab. Foto: Dachdeckerinnung Stuttgart

Im Kreis Esslingen haben 2022 nicht mal eine Handvoll Azubis eine Ausbildung zum Dachdecker gemacht. Um das Nachwuchsproblem anzugehen, startet die Stuttgarter Innung eine Kampagne: Mit dem „Dachmobil“ sollen auch kleinere Betriebe die Chance erhalten, neue Azubis anzuwerben.

Die Energiewende brauche reale Macher. „Sie braucht Dachdecker“, sagt Olaf Höhn. Er ist Vorstandsmitglied der Dachdeckerinnung Stuttgart. Im Zuge der Wärme- und Energiewende und den damit verbundenen Auflagen wie etwa der Photovoltaikpflicht für Neubauten in Baden-Württemberg müssen sich Dachdeckerbetriebe einer großen Aufgabe stellen, sagt er weiter. Doch es fehle an Auszubildenden wie in anderen Branchen auch. Die Dachdeckerinnung Stuttgart möchte mit einer neuen Kampagne mehr Jugendliche und junge Erwachsene erreichen.

 

Die große Problematik im Dachdeckerhandwerk lasse sich durch einen Blick auf die Ausbildungszahlen schnell erkennen, sagt Andreas Ambrus, Obermeister der Dachdeckerinnung Stuttgart. Im gesamten Innungsgebiet schlossen in den letzten sieben Jahren durchschnittlich 16 Junggesellen pro Jahr ihre Ausbildung ab. Im Landkreis Esslingen waren es jährlich lediglich drei. Im vergangenen Jahr stieg diese Zahl auf vier Auszubildende, jedoch bräuchte es viel mehr, um sich den anstehenden Aufgaben zu stellen – besonders in Hinblick darauf, dass bis 2030 etwa ein Viertel der Dachdecker in Rente gehen wird.

Abschwung im Neubau schmälert nicht die Auftragslage

„Die Betriebe überaltern“, sagt Olaf Höhn. Als Geschäftsführer eines Dachdeckerbetriebs in Köngen weiß er um die Problematik. Von seinen 55 Mitarbeitenden gehen etwa 40 Prozent in den nächsten Jahren in Rente. „Man muss langsam begreifen, dass es fünf vor zwölf ist“, sagt Höhn. Der derzeitige Abschwung im Neubau habe noch keine Auswirkungen auf die Auftragslage. Laufende Aufträge und vor allem der Sanierungsmarkt sorgten weiterhin für viel Arbeit, die genügend Fachkräfte erfordere.

Einen der Hauptgründe für die niedrige Zahl der Auszubildenden sieht der Geschäftsführer in der öffentlichen Wahrnehmung des Berufs. Auch wenn diese mittlerweile positiver ist als früher, bekomme das Dachdeckerhandwerk immer noch nicht den Stellenwert, den es verdiene, sagt Höhn. „Wir möchten ein positives Image in der Öffentlichkeit aufbauen und vermitteln“, sagt auch Obermeister Ambrus. Dächer zu decken sei nur ein Bestandteil des Berufs, denn im Laufe der Zeit seien viele neue Aufgaben hinzugekommen: Dachbegrünungen, Blecharbeiten oder die Montage von Solarmodulen sind Tätigkeiten, die gerade in Hinblick auf die Zukunft immer wichtiger werden. „Eine Ausbildung zum Dachdecker lohnt sich mehr als je zuvor“, betont Ambrus.

Hier soll die neue Kampagne ansetzen: Kernstück ist ein Van. Dieser ist mit Ausstattung für Messen und Schulbesuche bestückt, mithilfe derer auch kleinere Betriebe in der Lage sein sollen, für sich und den Beruf zu werben. Für Schulbesuche stehen beispielsweise Laptops mit vorgefertigten Präsentationen zur Verfügung. Neben dem „Dachmobil“ wurde auch der Auftritt in den Sozialen Netzwerken überarbeitet. Der Fokus der Kampagne soll aber darauf liegen, den Kontakt mit potenziellen Auszubildenden zu suchen. „Die persönliche Ansprache bei Messen oder an Schulen hat die besten Erfolgschancen“, sagt Hartmut Schad, Geschäftsführer der Dachdeckerinnung Stuttgart.

Neben digitalen Angeboten gibt es im Van auch Ausstattung für praktische Vorführungen. „Die Jugendlichen wollen den Beruf auch hautnah erleben“, sagt Schad. Die „Generation Z“, die Jahrgänge 1997 bis 2012, habe andere Ansprüche. Alte Werbemodelle funktionierten teils nicht mehr.

Kleinen Betrieben fehlt es an Mitteln, um Azubis anzuwerben

„Wir müssen neue Ideen haben, um zu zeigen, was Dachdecker alles machen“, sagt auch Höhn. Jugendliche seien heutzutage selbstbewusster, denn sie wissen, dass sich nicht mehr die Dachdeckerbetriebe ihre Auszubildenden, sondern die Auszubildenden ihren Arbeitgeber aussuchen, stellt er fest. „Der einzelne Betrieb steht im Fokus der Jugendlichen.“ Deshalb sollen mit der neuen Kampagne auch gezielt die Betriebe gestärkt werden. Gerade in kleineren Betrieben fehle es oft an den Mitteln für einen Messebesuch. Mit dem Einsatz des „Dachmobils“ soll dies geändert werden. Für die Betriebe seien persönliche Kontakte mit Jugendlichen eine Möglichkeit, selbst aktiv Auszubildende anzuwerben, sagt Hartmut Schad. „Es gehört sicherlich auch ein bisschen Engagement dazu“, erklärt der Geschäftsführer.

Ein breites Aufgabenfeld

Zahlen
 Das Dachdeckerhandwerk Im Landkreis Esslingen umfasst aktuell 33 Dachdeckerbetriebe. 2022 bildeten in ganz Baden-Württemberg 197 Ausbildungsbetriebe 363 Lehrlinge aus.

Dachmobil
Zur Ausstattung gehören ein Zelt für Außenveranstaltungen, ein Indoor-Stand, Roll-Ups, Werbebanner, Prospektständer, Beschallung, Bildschirme, VR-Brillen und ein Laptop mit vorgefertigten Präsentationen.

Aufgabenfeld
Neben dem Decken des Daches bauen Handwerker auch Fenster ein, bekleiden Außenwände, stellen Holzkonstruktionen für Dachstühle her, bringen Dachrinnen an, dämmen Dächer, montieren Solarmodule oder begrünen Dächer.

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