Fachkräftemangel im Kreis Esslingen Werben um mehr Erzieherinnen und Erzieher

Erzieher oder Erzieherin zu sein – das bringt große Verantwortung mit sich. Aber auch viel Freude. Das will Staatssekretär Volker Schebesta mit Kitakindern aus Neuhausen zeigen. Foto: Ines Rudel

Die meisten Kindertagesstätten im Kreis Esslingen suchen händeringend Personal. Denn der Bedarf an Betreuungsplätzen steigt, während Fachkräfte in Rente gehen oder aussteigen. Nun startet eine landesweite Werbekampagne, die das Image des Berufs verbessern soll.

Der perfekte Erzieher? Der sollte ein deutscher Fußballnationalspieler sein. Das findet zumindest ein Junge im Kinderhaus Egelsee in Neuhausen. Hier hat das Land in dieser Woche seine Werbekampagne gestartet, die mehr Menschen für den Beruf der Erzieherin oder des Erziehers begeistern soll. Der Staatssekretär Volker Schebesta (CDU) hat sich zu diesem Anlass von den Kindern ihre gemalten Vorstellungen zeigen lassen, wie eine Kindergartentante oder ein Kindergartenonkel sein sollte. Es sind die schönsten Seiten des Berufes, die in dieser großen, rund zehn Jahre alten Tagesstätte gezeigt werden. Genau, wie in der Kampagne.

 

Deren Motto lautet „Mehr bekommst Du nirgendwo!“. Im Vordergrund stehen die emotionalen Aspekte des Berufs. Plakate und kurze Videos werben mit niedlichen Kindergartenkindern und Argumenten wie frischer Luft, Kreativität – und einem Gehalt, das zumindest besser ist, als viele denken. 3696 Euro brutto verdiene eine Erzieherin im Durchschnitt nach fünf Jahren im Beruf.

Neuhausen hat derzeit keinen Erziehermangel

Im Kinderhaus Egelsee scheint die Welt noch heil zu sein. Alle Stellen seien besetzt, sagt Hannes Eisenbraun, der die Einrichtung mit 120 Kindern und 45 Beschäftigten leitet. Sogar sechs Männer sind im Team – und dieses arbeite gut zusammen. Die Arbeitsbedingungen in Neuhausen seien gut, sagt der Kita-Leiter – und lobt die Gemeinde als Träger. Bürgermeister Ingo Hacker zufolge suche man zwar permanent nach Erzieherinnen und Erziehern, große Besetzungsprobleme gebe es aber nicht. Engpässe gleiche man mit Springern aus, sodass es wenig Einschränkungen bei den Öffnungszeiten gebe.

Wieso seine Gemeinde hier besser dasteht als viele andere? „Es steht und fällt mit den Leitungen der Einrichtungen, die eine gute Arbeit leisten“, meint Hacker. Zudem gebe es in Neuhausen auch dank weiterer Träger ein attraktives Angebot, beispielsweise einen Sport- und einen Waldkindergarten.

Viele Kommunen suchen händeringend nach Personal

Doch vielerorts ist die Lage eine andere. Der Arbeitskräftemangel ist in den meisten Wirtschaftszweigen allgegenwärtig. Doch in kaum einem anderen Bereich ist er so präsent, wie in den Kitas. Allein die Stadt Esslingen hatte zu Jahresbeginn rund 60 offene Stellen. Wenn Personal krank wird oder aus anderen Gründen ausfällt, werden in vielen Einrichtungen die Betreuungszeiten kurzfristig verringert. In den vergangenen Jahren sind deswegen immer wieder Eltern mit ihrer Kritik an die Öffentlichkeit gegangen, beispielsweise in Wendlingen und Ostfildern. Andere wiederum haben Schwierigkeiten, überhaupt einen Platz zu bekommen, die Kommunen müssen ihre Kapazitäten immer weiter ausbauen. Das heißt, der Fachkräftebedarf steigt immer weiter.

Dennoch ist die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung im Erzieherbereich im Kreis Esslingen von Sommer 2021 auf Sommer 2022 nur um zwei Prozent (125 Stellen) gestiegen. Schließlich gingen auch Erzieherinnen und Erzieher in Rente oder wechselten den Beruf, erklärt Bettina Münz, stellvertretende Leiterin der Agentur für Arbeit Göppingen. Diese Stellen müssen besetzt werden – zusätzlich zum steigenden Mehrbedarf. Münz hält es für äußerst schwierig, diesen schnell zu decken. Noch immer entscheiden sich zu wenig Jugendliche und Quereinsteiger für den Erzieherberuf. Ein Grund dafür ist nach Einschätzung von Kitaleiter Eisenbraun, dass er in Gesellschaft und Politik noch nicht den Stellenwert hat, der ihm eigentlich gebührt. Männliche Erzieher müssten sich immer noch dumme Sprüche anhören. Dass es schwer ist, mit dem Gehalt alleine eine Familie zu ernähren, dürfte auch eine Rolle spielen. Doch sowohl Münz als auch der Neuhausener Kita-Leiter bemerken ein Umdenken. Einerseits weil Eltern angesichts des Kitaplatz-Engpasses Druck machen. Andererseits, weil die wirtschaftliche Transformation die Perspektiven verändere. Während der Arbeitsplatz in der Industrie nicht mehr so sicher erscheint wie noch vor einigen Jahren, gewinnt die Zeit mit der Familie an Bedeutung und ein hohes Gehalt verliert ein stückweit Stellenwert. Eisenbraun selbst ist ein Paradebeispiel für das Umdenken: Der 32-Jährige war einst Banker. „Ich hatte einige Schlüsselerlebnisse, die mir gezeigt haben, dass ich das nicht mehr machen wollte.“ Dagegen machte die ehrenamtliche Arbeit mit Kindern Freude – und der Karrierewechsel gelang.

Nicht jeder kann Erzieher werden

Trotz des großen Bedarfs warnen allerdings sowohl Münz als auch Eisenbraun: Nicht jeder kann in der Kita arbeiten. Der perfekte Erzieher für Hannes Eisenbraun: „Der Mensch steht im Vordergrund und nicht die Schulnoten.“ Wer in seiner Kita arbeiten wolle, müsse eine positive Grundeinstellung zum Kind und zum Beruf haben.

Erzieherbedarf und Fortschritte

Mangel
 Die Bertelsmann Stiftung geht in ihrem Ländermonitor davon aus, dass in Baden-Württemberg 57 600 Kita-Plätze fehlen. Um diese Lücke zu schließen, müssten nach Angaben des Kultusministeriums 16 800 zusätzliche Fachkräfte eingestellt werden. Im Kreis Esslingen wurden 2021 mehr als 20 600 Kinder in Kitas betreut. Zahlen dazu, wie viele Stellen offen sind, gibt es aber nicht, wie das Ministerium kürzlich dem FDP-Landtagsabgeordneten Dennis Birnstock mitteilte.

Verbesserungen
 Immerhin hat sich schon etwas getan. Nach Angaben des Landes wurden die Ausbildungskapazitäten im Erziehungsbereich im Vergleich zu 2008 fast verdoppelt. Und es gibt unterschiedliche Formen der Ausbildung, auch in Teilzeit. Die neue Werbekampagne steht im Rahmen des Paktes für gute Bildung und Betreuung, mit dem das Land jährlich bis zu 80 Millionen Euro investiert.

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