Fachkräftemangel in Böblinger Kitas Jetzt 300 Euro Zulage für Erzieherinnen

Um Kinder gut betreuen zu können, braucht es ausreichend Personal. Das fehlt fast überall – in Böblingen ist die Lage derzeit extrem. Foto: imago images//Thomas Trutschel

Mit außertariflichen Zulagen, mehr Ausbildungsplätzen und pädagogischen Fachkräften aus Italien will die Stadt Böblingen das Personalproblem in den Kindertagesstätten beheben. Der Gemeinderat hat ein Maßnahmenpaket zur Fachkräftegewinnung verabschiedet.

Arbeiten in einem Kindergarten in Böblingen ist lukrativ: 300 Euro Zulage erhält eine Erzieherin in der Ganztagesbetreuung zusätzlich zum normalen tariflichen Gehalt. „Bei einer Kitaleiterin können es auch 400 Euro sein“, sagt Klaus Feistauer, der Chef des Sozialamtes. Diese Arbeitsmarktzulage, wie Feistauer sie nennt, hat der Böblinger Gemeinderat am Dienstag beschlossen.

 

So hofft man, den akuten Personalmangel in den Kindertagesstätten in den Griff zu bekommen. Aktuell sind etwa 20 Prozent der 248 Vollzeitstellen nicht besetzt. Die Folge: Aufnahmestopps in den Kitas für neue Kinder und Teilschließungen. Das bedeutet: Die vereinbarten Betreuungszeiten können nicht eingehalten werden, statt um 16 Uhr schließt die Kita beispielsweise schon eine Stunde früher – und das in manchen Einrichtungen über viele Monate hinweg. „Im Moment haben wir in 14 der 27 städtischen Kitas Einschränkungen, Auch bei den Freien Trägern sieht es nicht besser aus“, sagt Tobias Heizmann, der Erste Bürgermeister.

Die Kita schließt früher als vereinbart

Die Eltern bringt das in große Nöte. Die Beschwerden, die bei Marliese Mayer in der Abteilung Kindertagesbetreuung eingehen, häufen sich. Eltern sind verzweifelt, wenn sie von einem Tag auf den anderen ihre Kinder nicht mehr betreut wissen, aber pünktlich zur Arbeit müssen. Doch Klaus Feistauer und sein Team sind an die gesetzlichen Vorgaben gebunden. Wenn der Personalschlüssel nicht eingehalten werden kann, dann muss die Kita früher schließen. Diese massiven Probleme gibt es allerdings nicht nur in Böblingen. Landauf, landab klagen die Städte und Kommunen über fehlendes Personal in den Kindertageseinrichtungen.

Jede Stadt versucht auf andere Weise, Erzieherinnen anzuwerben. In Böblingen soll mehr Geld locken. Eine Strategie, die die Stadt in den vergangenen zwei Jahren erprobt hat und die sich als effizient erwiesen hat. Bisher allerdings war die Berechnung der Zulage kompliziert. Nun gibt es feste Zahlen. Die Zulage solle nicht nur den Erzieherinnen der städtischen Kitas, sondern auch denen der Freien Träger gezahlt werden, betont Feistauer.

Italienische Pädagogen für Böblinger Kinder

Außerdem sollen pädagogische Fachkräfte aus dem Ausland angeworben werden. Da der deutsche Arbeitsmarkt leergefegt ist, setzen viele Städte auf Personal aus dem Ausland. Böblingen akquiriert in Süditalien. „Dort haben die gut ausgebildeten Fachkräfte keine Perspektive. Wir nehmen also der Region dort nicht die Leute weg“, betont Klaus Feistauer . Die ersten vier Pädagoginnen, die alle ein abgeschlossenes Studium haben, beginnen am 1. August ihre Arbeit in den städtischen Einrichtungen. Erste Deutschkenntnisse haben sie bereits in Italien erworben. In Böblingen erhalten sie dann parallel zum Einsatz in den Kitas intensiven Deutschunterricht, bis sie das Level B2 erreicht haben.

Etwa neun Monate dauere die Anerkennung ihres Abschlusses durch das Regierungspräsidium (RP), sagt Klaus Feistauer. Solange haben die italienischen Fachkräfte den Status einer Erzieherin im Anerkennungsjahr und werden auch entsprechend bezahlt. Sobald die Anerkennung des RP da ist, sind die italienischen Fachkräfte den deutschen gleichgestellt.

Man habe sich bewusst für Italien als Anwerbeland entschieden, sagt Feistauer. „Andere Städte holen sich Leute aus Spanien. Doch da ist die Abbrecherquote hoch“. Bei den Italienern erhofft er sich eine gute Einbindung in die italienische Community der Region. Auch das pädagogische Verständnis der Italiener sei dem deutschen ähnlich. Anders als etwa das von osteuropäischen Fachkräfte, über deren Anstellung man auch schon nachgedacht habe.

Für das kommende Jahr plant die Stadt gemeinsam mit dem Bildungsträger IB, der die Deutschkurse organisiert, zehn bis 15 Fachkräfte aus Süditalien anzuwerben. Mitarbeiter des Böblinger Sozialamtes werden dafür extra nach Neapel fliegen und die Gespräche mit den Bewerbern persönlich führen.

Neue Ausbildung für Hauptschüler

Verstärkt werden soll aber auch die eigene Ausbildung. Aktuell stellt die Stadt pro Jahr 16 Azubis für die praxisintegrierte Ausbildung zum Erzieher (PIA) ein. Künftig sollen es 20 Leute pro Jahr sein. Außerdem engagiert sich die Stadt in einem neuen Ausbildungsgang des Landes: Sozialpädagogische Assistenten können als zusätzliche Kräfte in den Kindertageseinrichtungen eingesetzt werden. Der Zugang zur Ausbildung ist auch für Hauptschulabgänger möglich. Fünf solcher Ausbildungsstellen hat Böblingen für September angeboten. Alle sind bereits besetzt. „Wir hatten viele Bewerber“, sagt Marliese Mayer.

Im Herbst soll dann ein weiteres Maßnahmenpaket verabschiedet werden. Mit dem Schwerpunkt, die pädagogischen Kräfte auch zu halten. Ideen dafür werden im Moment entwickelt.

Viel mehr Kinder als vor 20 Jahren

Demografie
 Im Jahr 2005 wurde in Deutschland der Rechtsanspruch auf Betreuung ab einem Jahr eingeführt. Damals ging man von sinkenden Kinderzahlen aus. Fakt ist aber: In Baden-Württemberg stieg die Zahl der Geburten zwischen 2007 und 2016 um 16 Prozent, die Zahl der betreuten Kinder bis 2012 um 20 Prozent.

Personal
 Im Zuge des Kitaausbaus hat sich das Personal in den Kitas in Baden-Württemberg von 2007 bis zum Jahr 2021 mehr als verdoppelt. Trotzdem reicht das nicht aus, den Bedarf zu decken. Das hat auch mit veränderten gesetzlichen Vorgaben zu tun. So sind bestimmte Personalschlüssel vorgeschrieben.

Fachkräftegewinnung
Die Stadt Herrenberg akquiriert für ihre Kitas Personal aus Spanien – und mach damit gute Erfahrungen. Die Stadt Sindelfingen setzt auf ihr besonderes pädagogisches Konzept der Reggio-Pädagogik, die es jedes Jahr bei einer Nacht der Kitas allen Interessierten, vor allem Erzieherinnen, vorstellt.

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