Fachkräftemangel in der Gastronomie Als Kellnerin an die Supermarktkasse
Im ersten Lockdown hat Simone Nagel aus Stuttgart-Plieningen der Gastronomie den Rücken gekehrt und arbeitet nun im Supermarkt. Das liegt vor allem an Corona – aber nicht nur.
Im ersten Lockdown hat Simone Nagel aus Stuttgart-Plieningen der Gastronomie den Rücken gekehrt und arbeitet nun im Supermarkt. Das liegt vor allem an Corona – aber nicht nur.
Simone Nagel ist eine jener Servicekräfte, die Gastronomen unbedingt einstellen möchten. Sie hat jahrelange Erfahrung, ist freundlich, kommunikativ und im besten Sinne auf Zack. „Wir hätten sie gerne bei uns eingestellt“, sagt ein Wirt aus Plieningen über sie. Doch das kann er nicht, denn Simone Nagel hat der Gastronomie den Rücken gekehrt. „Sie ist ein herber Verlust für die Gastronomie“, sagt der Wirt.
Die junge Frau aus Plieningen hat sich mit dem Ausbruch der Coronapandemie entschieden, nicht weiter in jenem Bereich zu arbeiten, den sie gelernt hat. 2012, nach dem Abitur, hatte sie sich mit viel Begeisterung in die Ausbildung als Hotelfachfrau gestürzt. In Spanien und Österreich sammelte sie anschließend weitere Erfahrungen im Service, seit 2017 arbeitete sie in einem gehobenen Restaurant im Zentrum von Stuttgart.
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„Ich mag den Beruf immer noch total gerne, und ich würde ihn jedem weiterempfehlen“, sagt Simone Nagel etwas wehmütig. Gleichwohl seien die schnell wechselnden Schichten und die Wochenendarbeit belastend gewesen. „Der Preis im Privatleben, den man dafür zahlt, ist enorm hoch“, sagt die 28-Jährige. „Ich war die letzten acht Jahre gefühlt bei keinem Geburtstagsfest dabei, Weihnachten war immer schwierig. Ich wollte so nicht mehr weitermachen.“
Die Pandemie gab dann den Anlass, die Branche zu wechseln. Zumal Nagels Freund als Koch arbeitet und ebenfalls mit der Unsicherheit seines Arbeitsplatzes zu kämpfen hat. Im ersten Lockdown, als er gerade eine neue Stelle angetreten hatte, war er gekündigt worden; auf seiner nächsten Stelle musste er in Kurzarbeit. „Ich bin sehr sicherheitsbedürftig. Ich wollte nicht, dass wir beide in Kurzarbeit sind“, sagt Simone Nagel. Sie kenne Paare, bei denen beide in der Gastronomie beschäftigt sind und über Monate hinweg beide in Kurzarbeit waren. „Das ist nicht einfach.“
Eine Stelle in einem Supermarkt bekommen zu haben, bezeichnet Simone Nagel als Glück. Denn im ersten Lockdown hätten sich unzählige Menschen aus Branchen, die herunterfahren mussten, im boomenden Lebensmitteleinzelhandel beworben. Nagel bekam zunächst einen Dreimonatsvertrag, inzwischen ist sie unbefristet angestellt. Sie arbeitet an der Kasse. Ihr gefällt, dass sie klare Schichten zugeteilt bekommt: eine Woche Früh-, eine Spätdienst. „Das ist um Welten besser. Da sollte sich die Gastro was abschauen“, sagt sie.
Auch heute, zwei Jahre später, arbeitet Nagel immer noch an der Supermarktkasse. „Das hat einen Grund“, sagt sie, denn berufsbegleitend hat sie ein Fernstudium als Hotelbetriebswirtin angefangen. Ihre Arbeitsstunden hat sie dafür reduziert. Auch wenn ihr das Lernen nach der langen Zeit, die die Schule her ist, etwas schwer fällt, ist sie froh um diesen Schritt. „Ich bereue, dass ich nicht viel früher damit angefangen habe“, sagt sie. Nächsten Februar wird sie, wenn alles nach Plan läuft, ihren Abschluss machen.
Und dann? „Ich werde in die Gastronomie zurückgehen“, sagt sie. „Es ist trotz allem der Beruf, den ich kann und den ich gerne mache.“ Mit ihrer Weiterbildung könne sie dann in Bereichen arbeiten, die weniger schichtgetrieben sind – etwa im Veranstaltungsverkauf oder im Personalbereich. Und wenn Corona nicht mehr über allem schwebt, vielleicht wagt sie dann eines Tages, mit ihrem Freund etwas Eigenes aufzumachen. „Wir träumen öfter davon.“