Fachkräftemangel in der Region Stuttgart Bundesagentur für Arbeit: Ohne Ausländer kein Wachstum

Vor allem in der Pflege mangelt es an Personal – ohne ausländische Kräfte sähe es für die Betreuung düster aus. Foto: dpa/Sebastian Gollnow

Die IHK Region Stuttgart stellt in einer Umfrage fest: Immer mehr Unternehmen suchen ihre Arbeitskräfte im Ausland. Zugleich herrscht Frust wegen der vielen Hemmnisse. Der Sonderbeauftragte der Bundesregierung für die Flüchtlingsintegration ermahnt zu mehr Kooperation.

Politik: Matthias Schiermeyer (ms)

Der Fachkräftemangel erfasst beinahe alle Betriebe in der Region Stuttgart. Nach einer aktuellen, repräsentativen Umfrage der IHK haben 85 Prozent von ihnen im vergangenen Jahr Personal gesucht – unter diesen konnten 73 Prozent offene Stellen nicht oder nur mit erheblichem Aufwand besetzen. Beteiligt hatten sich 655 Unternehmen aller Größen und Branchen.

 

Daher richtet sich der Blick verstärkt ins Ausland. Jeder zweite Betrieb auf Personalsuche ist dort aktiv geworden. Der Umfrage zufolge monieren die Teilnehmer jedoch vor allem die langwierigen Verfahrensdauern (88 Prozent), die Nachweispflichten (87) sowie die Komplexität der Verfahren und die Vielzahl der zuständigen Stellen (61). 85 Prozent bemängeln den Mangel an bezahlbarem und arbeitgebernahem Wohnraum.

Unternehmen wollen für Beschleunigung zahlen

Mehr als jedes zweite Unternehmen würde sich mittlerweile an den Kosten für die Fachkräftezuwanderung beteiligen, um schneller geeignetes Personal zu finden. Gemeint sind zum Beispiel die Kosten für die Vermittlung durch Personaldienstleister – oder aber für ein beschleunigtes Fachkräfteverfahren durch IHK und Ausländerbehörde.

Zu 44 Prozent erhoffen sich die im Ausland suchenden Unternehmen berufstätige Fachkräfte, zu 39 Prozent Akademiker und zu 20 Prozent einfache, oft auch ungelernte Arbeitskräfte. Mit Blick auf die Unternehmen, die ihre Suche lediglich auf das Inland konzentrieren, sowie auf die bürokratischen Verfahren klagt IHK-Vizepräsident Thorsten Pilgrim: „Wir bräuchten eine Willkommenskultur, wir haben sie nicht – wir sind zu langsam und häufig zu kompliziert.“ #Der ganze Prozess vom Kontakt zur Botschaft im Herkunftsland bis zum Integrationskurs sei zuweilen eine „Odyssee“. Er spüre bei seinen unternehmerisch tätigen Kollegen „manchmal schon eine Resignation“. Mitunter müssten sie mit fünf behördlichen Stellen reden, um einen Menschen in den Betrieb zu bekommen. Diese ganze Prozesskette müsste beispielsweise viel stärker digitalisiert werden.

Werbung zu machen für die Zuwanderung hat sich auch Daniel Terzenbach, Vorstandsmitglied der Bundesagentur für Arbeit (BA), auf die Fahnen geschrieben. Die Unternehmer sollten darin „mehr Chancen als Risiken“ sehen, mahnt der Sonderbeauftragte der Bundesregierung für die Arbeitsmarktintegration von Geflüchteten. Das gesellschaftliche Klima sei gerade nicht so, dass Migration als Teil der Lösung diskutiert werde. „Ich will Mut machen, mit Zahlen Daten Fakten darüber zu sprechen.“ Es müsse gelingen, „einen Lösungsraum in der politischen Mitte zu finden, statt die Diskussionen den Rändern zu überlassen“.

Beschäftigungswachstum allein dank der Ausländer

Beispielsweise sei das Beschäftigungswachstum im Vorjahr zu 100 Prozent auf das Konto der Ausländer gegangen. Dies heißt: „Die Deutschen sind demografisch mehr vom Arbeitsmarkt verschwunden als sie gekommen sind.“ Ähnlich seien die Werte in Baden-Württemberg und der Region Stuttgart. Bei den aktuellen Arbeitsmarktzahlen wiederum seien zwar 180 000 mehr Arbeitslose als im Vorjahr zu verzeichnen – doch bei den Geflüchteten aus der Ukraine und den acht sogenannten Hauptherkunftsländern (Syrien, Afghanistan, Türkei und andere) habe sich die Beschäftigung sogar verdoppelt.

Von den Männern, die 2015/2016 nach Deutschland gekommen sind, hätten mittlerweile 80 Prozent eine Beschäftigung – dieser Wert sei höher als unter den deutschen Männern, sagt Terzenbach. Bei den Frauen aus den acht wichtigsten Drittstaaten sei freilich noch mehr zu tun – da betrage der Beschäftigungsanteil nur 35 Prozent.

46 Prozent mehr Beschäftigungsaufnahmen durch „Jobturbo“

Mit dem seit Jahresbeginn auf Hochtouren laufenden „Jobturbo“ will die Bundesagentur für Arbeit die Geflüchteten nach dem ersten Sprachkurs noch schneller in Arbeit bringen. Derzeit geht es vornehmlich um 400 000 Ukrainerinnen und Ukrainer, die nun aus den Integrationskursen kommen. Zwischen November und Ende Mai sind erst 33 000 in eine Beschäftigung oder Ausbildung gelangt. Die BA im Südwesten vermeldet hingegen, dass seit Januar 46 Prozent mehr Beschäftigungsaufnahmen gegenüber dem Vorjahr zu verzeichnen seien.

Terzenbach ermuntert die Unternehmer, die Geflüchteten bereits auf der Basis „grundständiger“ Deutschkenntnisse verstärkt in die Betriebe zu holen und mit den Arbeitsagenturen Lösungen für sie zu erarbeiten, damit sie im Unternehmen Kompetenzen gewinnen und aufsteigen können. „Es gibt schwarze Schafe“, sagt der Regierungsbeauftragte. Doch „der ganz große Teil der Menschen will hier arbeiten“.

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