Christian Kelm arbeitet als Fluglotse für die Deutsche Flugsicherung am Stuttgarter Tower. Tagsüber gibt es dort zwei Schichten. Eine geht von 5.30 Uhr bis 14 Uhr, die andere von 7 Uhr bis 15.30 Uhr. Vom Airport aus ist der zweifache Familienvater, der genauso wie seine Frau in Teilzeit arbeitet, zwar mit dem Auto in zehn Minuten an der Kita Gärtlesäcker, in der seine fünfjährige Tochter betreut wird. Wenn die Echterdinger Einrichtung aber schon um 14 Uhr schließt, wie das in diesem Jahr immer wieder und teilweise sehr kurzfristig der Fall war, ist er auf die Mithilfe seiner Kolleginnen und Kollegen angewiesen. Sie müssen ihn eine halbe Stunde früher ablösen, damit er sein Kind dann rechtzeitig abholen kann. „Meine Firma und meine Kollegen unterstützen mich“, sagt er.
Unter den Eltern gibt es bisher auch noch eine große Bereitschaft, sich gegenseitig zu helfen. Wenn die Kita aus Personalgründen früher schließen muss, übernehmen Mütter und Väter in den Räumen der Einrichtung die weitere Betreuung der Kinder, deren Eltern länger als 14 Uhr arbeiten müssen. Wenn die deutlich verkürzten Betreuungszeiten von Januar an allerdings dauerhaft gelten, werde es schwierig, meint Christian Kelm. Denn dauerhaft werden die Eltern ihr Unterstützungsangebot nicht durchhalten können, ist er sich sicher. Und je mehr Kollegen und Kolleginnen Kinder haben, umso schwieriger werde es, den Schichtdienst zu planen.
Eine Altenpflegerin, deren zweijähriger Sohn und deren sechsjährige Tochter in der gleichen Kita betreut werden, sagt: „Wenn die Kita um 14 Uhr schließt, kann ich gerade mal fünf Stunden pro Tag arbeiten gehen.“ Schließlich müsse sie morgens noch von der Kita zum Arbeitsplatz und mittags von ihrem Einsatzort zur Betreuungseinrichtung gelangen. Bisher sind sie und auch ihr Mann voll berufstätig. Weil das Einkommen im Altenpflegebereich nicht üppig sei, bräuchte sie, wenn sie ihre Arbeitszeit auf 50-Prozent reduzieren würde, eigentlich gar nicht mehr arbeiten zu gehen. „Ich will aber arbeiten“, sagt sie. Schließlich übe sie diesen Beruf schon mehr als 20 Jahre aus. Mit Unterstützung der Großeltern will die Familie künftig den Spagat zwischen Beruf und Familie schaffen.
Ein Beschäftigter der Autoindustrie und seine Frau, die bei einer großen Krankenversicherung arbeitet, haben derweil noch keine Antwort auf die Frage gefunden, wie sie von Januar an das Betreuungsloch stopfen wollen. Weil die Kita, in der ihr Kind betreut wird, immer wieder aus Personalnot ihre Betreuungszeiten nicht einhalten konnte, die Informationen dazu teilweise sehr kurzfristig kamen, die Situation für die Familie unberechenbar wurde, wie der Vater sagt, hat sich der Mann für einen Jobwechsel entschieden. Im Januar wird er eine Arbeit beginnen, für die er zumindest nicht mehr so häufig wie bisher ins Ausland reisen muss.
Doch auch dieser Job ist ein Vollzeitjob. Seine Frau, die über eine 80-Prozent-Stelle verfügt, könne nicht weiter reduzieren. „Wir fühlen uns ziemlich allein gelassen“, sagt er. „Und hilflos.“ Immerhin haben beide Elternteile die Möglichkeit, von zu Hause aus zu arbeiten.
Das ist für ein Ehepaar, das gemeinsam mit einem weiteren Kollegen eine Kinderarztpraxis in Leinfelden-Echterdingen führt, freilich nicht möglich. „Dass Eltern immer wieder die Nachmittagsbetreuung stemmen, ist schön“, sagt der Kinderarzt. Der Ersatz der pädagogischen Fachkräfte durch die Eltern könne aber keine Dauerlösung sein, denn dies stelle bestenfalls eine „Verwaltung des Mangels an Erzieherinnen“ dar. Insbesondere für Kinder mit besonderem Förderbedarf, bei denen eine häusliche Förderung aus verschiedenen Gründen nicht ausreichend möglich ist, sei der Kita-Besuch für deren weitere Entwicklung essenziell.
Wenn die Einrichtung dauerhaft um 14 Uhr schließen würde, müssten beide Elternteile an mehreren Nachmittagen ihre Sprechstunde um jeweils zwei Stunden kürzen, um sich dann abwechselnd um den vierjährigen Sohn zu kümmern. „Meine Frau und ich machen an diesen Tagen dann auch keine Mittagspause, sondern arbeiten durch bis 14 Uhr.“ Dem Ärztepaar würde eine Stunde mehr Betreuungszeit pro Tag schon viel bringen. „Jede Stunde, die die Kita zusätzlich geöffnet hat, entlastet“, sagt der Kinderarzt.
Elternprotest
Elterndemo
Seit Mai dieses Jahres machen Eltern aus Leinfelden-Echterdingen immer wieder ihrem Ärger öffentlich Luft. Damals hatte die Stadt die Öffnungszeiten in den städtischen Kitas flächendeckend auf 16 Uhr reduziert. Der Protest der Mütter und Väter wird insbesondere aus der Echterdinger Kita Gärtlesäcker laut. Die Stadtverwaltung erhält aber auch aus anderen Einrichtungen Beschwerdebriefe.
Elternbrief
In einem Brief hatte die Verwaltung zunächst angekündigt, dass die Familien ihren Nachwuchs von Januar an bis auf Weiteres bereits um 14 Uhr aus der Kita Gärtlesäcker abholen müssen und erst um 8 Uhr bringen können. In dieser Kita würden dann nicht mehr, wie in der Vergangenheit, zehn Stunden Betreuungszeit, sondern nur noch sechs Stunden pro Tag angeboten. So weit kommt es nun aber möglicherweise doch nicht.