Lehrermangel in Stuttgart Warum die Bewerberzahl nicht das Problem ist

Diese Klasse hat Glück – und eine Lehrerin. Foto: dpa/Roland Weihrauch

Personalengpässe sind an Stuttgarter Schulen ein Dauerthema. Dabei ist der Pädagogenberuf durchaus beliebt, wie die Bewerberzahlen an der PH Ludwigsburg zeigen – selbst in Coronazeiten. Der Haken liegt woanders.

Stuttgart - Thomas Schenk ist einer, der den Mangel verwalten muss. Der Chef des Staatlichen Schulamts Stuttgart hat jedes Jahr Mühe, pünktlich zum Schuljahresbeginn die offenen Lehrerstellen zu besetzen. Auch in diesem Herbst war das wieder so. Da musste das Schuljahr starten, obwohl noch 29 Stellen in den Sonderschulen nicht besetzt waren.

 

An den Realschulen waren elf Stellen, an den Grundschulen zehn, drei an Gemeinschaftsschulen und zwei Stellen an Werkrealschulen offen. „Die Lehrereinstellung ist ein schwieriges Geschäft seit Jahren. Stuttgart ist leider ein Mangelgebiet“, sagt Schenk. Der Mangel ist allerdings hausgemacht. Und er betrifft nicht nur Stuttgart.

Auf einen Platz kommen drei Bewerbungen

„An den Bewerberzahlen im Lehramt liegt der Lehrermangel nicht“, sagt Anne Nörthemann, Sprecherin der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg. „Das Studium ist für Abiturienten nach wie vor attraktiv, die Bewerberzahlen sind recht stabil.“ Auch in Coronazeiten. Demnach kommen dort bei den Lehramtsstudiengängen Grundschule, Sekundarstufe I und Sonderpädagogik auf jeden Platz durchschnittlich mindestens drei „ernst gemeinte“ Bewerbungen. Und dies, obwohl in den vergangenen Jahren die Lehramtsstudienplätze im Bachelor aufgestockt worden seien: Für angehende Grundschullehrer seien es nun 344, in der Sekundarstufe 241 und für angehende Sonderpädagogen 225 Plätze. Mehr erlaubten die Kapazität und die Zulassungsverordnung des Landes nicht, so Nörthemann.

Frühere Kultusministerin rügte Versäumnisse in der Landespolitik

Dabei hatte die frühere Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) bereits nachgebessert: „Die Pensionierungswelle ist beispielsweise nicht einfach vom Himmel gefallen. Gleichwohl wurde in der Vergangenheit versäumt, frühzeitig darauf zu reagieren und rechtzeitig zum Beispiel die Ausbildungskapazitäten zu erhöhen“, sagte Eisenmann im Februar 2019. Als Grundlage für realistische Planungen legte das Ministerium daraufhin eine Berechnung für einen Zehn-Jahres-Zeitraum vor. Doch die Aufstockungen bei der Ausbildungskapazität haben noch nicht auf die Schulen durchgeschlagen.

Wohnen und Leben im Großraum Stuttgart ist vielen Lehrern zu teuer

Es gibt noch ein weiteres Problem. So ergebe sich an der PH Ludwigsburg eine unterschiedliche Auslastung der Studienfächer, da die Studieninteressierten nicht für einzelne Studienfächer zugelassen würden, sondern für ein Lehramtsstudium insgesamt, so Nörthemann. Die Fächer selber könnten sie dann frei wählen. Das Ergebnis sei, dass in den Schulen nicht alle Fächer abgedeckt werden könnten und auch die Lehrkapazitäten in den Hochschulen ungleich stark ausgelastet seien. Seit 2017 versuche man etwas gegenzusteuern, indem bei bestimmten Fächern für die Lehrämter in Grundschule und Sekundarstufe I eine erhöhte Zulassungschance eingebaut worden sei. In der Grundschule seien das der Naturwissenschaftliche Sachunterricht mit Chemie, Physik oder Technik sowie Kunst, Musik, Islamische Theologie. In der Sekundarstufe I seien es Physik, Technik, Kunst, Islamische Theologie und Informatik. Zur Besonderheit des Lehrermangels im Großraum Stuttgart merkt die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) an: „Vielen ist das Wohnen und Leben dort schlicht zu teuer, oder es besteht die Sorge, von dort über viele Jahre nicht mehr wegversetzt zu werden.“

Die GEW forderte im August dieses Jahres die Landesregierung auf, „Anreize zu schaffen, um auch die Region rund um die Landeshauptstadt und die unbeliebten Regionen in Südbaden ausreichend mit Lehrkräften zu versorgen“. Bisher ist nichts passiert.

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