Fachkräftemangel in Stuttgart und Region Beruf der Hebamme – Schichtarbeit mit Glücksmomenten

Damit es Müttern und Neugeborenen nach der Geburt gut geht und ihre Beziehung ohne Stress wachsen kann, begleiten Hebammen die ersten Tage. Foto: Werner Kuhnle

Die Wirtschaftspsychologin Greta Meyer hat umgesattelt auf den Hebammenberuf und erlebt seither magische Momente. Doch oft verlassen Frauen ihren Traumberuf nach kurzer Zeit wieder – und Kreißsäle bleiben außer Betrieb.

Stuttgart - „Sie sind Hebamme? Ach, wie süß!“, das bekommt Greta Meyer oft zu hören. „Geburten und Babys sind ein wichtiger Teil des Berufes, aber eben nur ein Teil“, sagt die 33-Jährige. Deshalb empfiehlt sie allen, die damit liebäugeln: „Man muss das ausprobieren. Mit einem Freiwilligen sozialen Jahr im Kreißsaal oder einem Praktikum. Danach weiß man, ob die Rahmenbedingungen stimmen, ob das was für einen ist.“

 

Ein herausfordernder Job

Greta Meyer macht bei der Videokonferenz einen lebenslustigen Eindruck. Die brünetten Haare hochgesteckt, erzählt die studierte Wirtschaftspsychologin aus ihrem Leben, dem vor der Hebammenschule. Am Theater in Stuttgart und in einer Werbeagentur habe sie in der Personalentwicklung und im Arbeitsrecht gearbeitet. „Nach mehr als sechs Jahren habe ich mir überlegt, was der nächste Entwicklungsschritt wäre, den ich tun sollte, und da fiel mir meine Berufsorientierungszeit im Kreißsaal ein. Als Schülerin fand ich das alles sehr spannend, aber ich war damals noch nicht bereit für den Beruf.“ Jetzt schon. Greta Meyer ließ sich für zwei Monate freistellen, bewarb sich um eine Hospitation, empfand die Tätigkeit als sehr „herausfordernd“ und kam zu dem Schluss: „Jetzt bin ich angekommen.“

Auf Schichtdienste einstellen

Seit Herbst 2019 ist die junge Frau in Ausbildung an der Hebammenschule der Uniklinik, allerdings an der in Hamburg. „Ich wollte eine andere Stadt erleben, eine, die mich reizt.“ Der Dreischichtbetrieb sei freilich überall ähnlich: Von 6 bis 14 Uhr, von 14 bis 21.30 Uhr, von 21.30 bis 6 Uhr wird die 33-Jährige im Wechsel eingesetzt. Mal am Wochenbett, mal im Kreißsaal. „Das ist organisatorisch und für den Biorhythmus schon eine Umstellung“, sagt sie.

„Spontane Arztbesuche, Einkäufe, Treffen mit Freunden sind da kaum drin, das muss ich alles gut planen.“ Auch die Zeit für ihren Lebensgefährten, der klassische Arbeitszeiten und oft lange Arbeitstage habe, und für sich selbst: „Man braucht Ruhephasen, um die vielen Themen zu verarbeiten, die auf einen einströmen im Beruf.“ Sport, Yoga, Gespräche mit Kolleginnen oder ihrer Mentorin in der Klinik helfen ihr, Themen wie Tod, Verlust, Enttäuschung zu verarbeiten.

Geburten machen Gänsehaut

Über 70 Geburten hat Greta Meyer schon erlebt, 20 davon hat sie betreut, und alle seien glücklicherweise gut verlaufen. Eines überwiege immer: „Das Glücksmoment, wenn ein Kind zur Welt gekommen ist. Das ist so magisch, dass ich Gänsehaut bekomme. Das nutzt sich auch nicht ab“, sagt sie. Auch die Zeit vor der Geburt mag sie sehr: „Dabei zu sein, wenn sich eine Familie bildet“.

Lesen Sie aus unserem Angebot: Der Nachwuchs ist rar, die Personalnot groß – die IHK schlägt Alarm

Die Neu-Hamburgerin mit Stuttgarter Wurzeln absolviert parallel zu ihrer Ausbildung ein duales Studium zur Hebamme, das mit dem Bachelor abschließt. Damit hat sie dasselbe Ausbildungsniveau, das ab 2022 zur Regel wird und die Fachschulausbildung ablöst. „Ich würde nach meinem Abschluss wahnsinnig gern in der Geburtshilfe bleiben, wir haben an der Klinik ein tolles Team“, sagt sie.

Unterbesetzte Kreißsäle

Ein Traumberuf? Nicht ausnahmslos. „Circa jede dritte Frau findet in Stuttgart keine Hebamme“, schätzt Monika Schmid, berufserfahrene Stuttgarter Hebamme. Sie ist seit 1992 selbstständig und hat vor 28 Jahren die Hebammenpraxis Stuttgart-Mitte mitgegründet, zu dem seit 2004 ein Geburtshaus gehört. Die Ökonomisierung durch Fallpauschalen (DRGs) und Unterbesetzung führten langfristig zu Kündigungen. Kaum eine Klinik in Stuttgart kann derzeit alle offenen Hebammenstellen mit gut ausgebildeten Fachkräften besetzen.

Der Runde Tisch Geburtshilfe in Baden-Württemberg geht davon aus, dass die Hälfte der Kliniken Schwierigkeiten bei der Nachbesetzung hat. „Die Folge akuter Unterbesetzung ist, dass sich Kreißsäle aus der Akutversorgung abmelden“, sagt Jutta Eichenauer, die Vorsitzende des Hebammenverbands Baden-Württemberg. Sanitäter wissen dann, dass sie die betreffende Klinik nicht anfahren müssen. „Gebärende haben deshalb keine freie Wahl des Geburtsorts mehr, und wir müssen uns fragen: Was ist der Gesellschaft die Geburt wert?“

Beliebter Job, unbeliebte Umstände

Dabei ist der Beruf beliebt: Das Klinikum Stuttgart beispielsweise hat 30 Ausbildungsplätze für Hebammen, worum sich eine Bewerberinnenzahl im drei- bis vierstelligen Bereich bemüht. Die Duale Hochschule hat zehn Studienplätze und jährlich 700 Bewerberinnen.

Auch bei den freiberuflichen Geburtshelferinnen gibt es Versorgungsengpässe. Die Selbstständigkeit ist erkauft durch hohen bürokratischen Aufwand, die teure Versicherungsprämie von mehr als 10 000 Euro muss für die Begleitung außerklinischer Geburten vorgestreckt werden, der Spitzenverband der Krankenkassen erstattet nur einen Teil.

„Ich biete Geburten außerhalb der Klinik gar nicht mehr an“, sagt Jutta Eichenauer. Monika Schmid hat am 30. September 2017 ihre letzte Hausgeburt begleitet. Sie sagt: „Jetzt gehören die Nächte mir.“

Ausbildung
Bis zum 31. Dezember 2022 können Interessenten mit mittlerem Schulabschluss ihre dreijährige Ausbildung noch an einer der bundesweit 62 Hebammenschulen starten. Von 2023 an muss ein Bachelorstudium absolviert werden, Hochschulreife ist Voraussetzung. Damit wird man auch in Deutschland den Anforderungen der EU gerecht, die ein vergleichbares Mindestniveau der Ausbildungen in den Mitgliedsländern gewährleisten will.

Nachfrage
Das Klinikum Stuttgart hat 30 Ausbildungsplätze für Hebammen, aber Bewerberinnen im drei- bis vierstelligen Bereich. Die Duale Hochschule hat zehn Studienplätze und jährlich 700 Bewerberinnen.

Offene Stellen
Im Klinikum der Stadt Stuttgart fehlen derzeit fünf Hebammen, im Marienhospital eine.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Stuttgart Fachkräftemangel Hebammen